Auch wenn sie noch nicht ausgestanden ist, hat die Bauindustrie die Corona-Krise besser als andere Branchen gemeistert. Umso härter trifft sie nun der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland. Lieferengpässe bei Stahl und Bitumen, aber auch Preissteigerungen für die Baustoffe wie Holz oder Kunststoffrohre sind die Folgen, deren Ende bislang noch gar nicht absehbar sind. Sie führen dazu, dass es immer schwieriger wird, neue Angebote zu kalkulieren. Mitverantwortlich dafür ist die Preisentwicklung bei Energie. Dazu Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie: „Der Preisanstieg bei Diesel trifft die Bauunternehmen besonders stark, immerhin entfällt im Baugewerbe knapp die Hälfte der benötigten Energie auf Dieselkraftstoff.“ Das hat gravierende Folgen. Für nicht wenige Bauunternehmen bewegt sich diese Entwicklung inzwischen in Richtung Existenzbedrohung.

Dramatisch sind die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation in der saarländischen Bauwirtschaft, nachdem über Jahre hin-weg mühsam der Personalbestand aufgestockt worden ist“, so Claus Weyers, Hauptgeschäftsführer vom Arbeitgeberverband der Bauwirtschaft des Saarlandes (AGV Bau Saar), der stellvertretend die Lage im ganzen Bundesgebiet skizziert. Inzwischen ist bereits von Kurzarbeit die Rede – denn die Lage hat sich weiter verschärft und Aufträge werden storniert. Tim-Oliver Müller erklärt: „Die Situation ist absurd. Vor Wochen hat die Branche noch händeringend um Arbeitskräfte geworben, heute müssen wir uns Gedanken machen, wie wir die halten, die wir haben. Mittlerweile ist fast jedes Unternehmen direkt oder indirekt von den Folgen des Krieges in der Ukraine betroffen.“ Doch dürfen Baufirmen wegen Materialmangel oder hoher Energiepreise überhaupt Kurzarbeit beantragen? „Maßgeblich für den Anspruch auf Kurzarbeitergeld ist das Vorliegen eines erheblichen Arbeitsausfalls. Wenn aufgrund des Kriegsgeschehens in der Ukraine Zulieferer ausfallen, Aufträge oder Absatzmärkte wegfallen oder wegen ausbleibender Rohstofflieferungen die Produktion gehemmt oder unterbrochen ist, liegen wirtschaftliche Gründe für einen erheblichen Arbeitsausfall vor. Sollten die weiteren Voraussetzungen ebenfalls erfüllt werden, können Betriebe Kurzarbeitergeld beantragen. Zur Begründung müssen Unternehmen genau erklären, welche Auswirkungen die Situation auf ihren Betrieb hat und inwiefern dies einen Arbeitsausfall verursacht. Je detaillierter und individueller die Begründung ausfällt, desto zügiger ist mit einer Zustimmung durch die Arbeitsagentur zu rechnen“, so Ecovis-Rechtsanwältin und Fachanwältin für Arbeitsrecht Anne-Franziska Weber.

Der Preis für Baustahl hat sich inzwischen nahezu verdoppelt. Bei vielen anderen Baumaterialien sind die Einkaufspreise für die Baufirmen ebenfalls geradezu explodiert. Baumaterial ist zum Teil gar nicht oder nur mit massiven Verzögerungen verfügbar. Das Bundesbau- und -verkehrsministerium haben darauf reagiert. Ein ministerieller Erlass gesteht Bauunternehmen für Bundesbaumaßnahmen grundsätzlich Preisanpassungen selbst bei laufenden Verträgen zu – Bauunternehmen können sich bei den Lieferverzögerungen und Baupreisexplosionen infolge des Ukraine-Kriegs auf höhere Gewalt und Störung der Geschäftsgrundlage berufen. Der Erlass ordnet für bestimmte Baustoffe wie zum Beispiel Epoxidharze, Stahl oder Bitumen die Anwendung der Stoffpreisgleitklausel an. Ein wichtiger Punkt für deren Anwendbarkeit ist die Verkürzung des Mindestabstands zwischen Angebotsabgabe und Einbau von sechs Monaten auf einen Monat. Dadurch können, anders als in der Vergangenheit, auch viele kurzlaufende Bauverträge in die Preisgleitung einbezogen werden. Bisher wurde den Kunden häufig ein fester Jahrespreis beziehungsweise ein über die Dauer eines Bauprojektes fixierter Produktpreis angeboten – dies ist jetzt nicht mehr möglich.

Bislang gilt der Erlass für Bundesbaumaßnahmen und darum reicht das der Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen (BVMB) noch nicht aus: „Die Länder und in der Folge die Kommunen müssen jetzt sehr schnell nachziehen“, fordert dieser. „Die Länder warten auf den Bund, die Kommunen warten auf die Länder – und die Leidtragenden sind die Bauunternehmen, die trotz explodierender Baustoffpreise ihre Bauleistungen zu den ursprünglichen Vertragspreisen abliefern müssen, bis sich endlich etwas tut“, beklagt Hauptgeschäftsführer Michael Gilka vom BVMB. Gerade die öffentliche Hand sei hier in besonderer Weise in der Verantwortung und müsse nun vor allem schnell und effektiv handeln. Bis es offizielle Vorgaben „von oben“ gibt, appelliert Gilka an öffentliche Auftraggeber, „mit Mut und Fairness voranzugehen“ und den Bauunternehmen, die für sie arbeiten, entgegenzukommen. „Es muss zumindest sichergestellt sein, dass die Preismehrungen durchgestellt oder fair aufgeteilt werden und die Bau-firmen keine Schadensersatzansprüche des Auftraggebers befürchten müssen, wenn sie nicht pünktlich weiterbauen können, weil sie Baustoffe nicht oder zu spät geliefert bekommen.“

Einer Umfrage unter den Mitglieds-unternehmen des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie zufolge kommt zum Preis-, Material- und Energierisiko noch ein Nachfragerisiko hinzu. Auftraggeber stellen Projekte zurück oder stornieren sie ganz. Verbunden mit den Aussagen des norddeutschen Verbandes der Wohnungsunternehmen (VNW), dass ein deutlicher Rückgang beim Wohnungsneubau zu erwarten sei, ist die Gefahr also reell, dass die Konjunktur in der Bauwirtschaft stark in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Damit wird auch die Luft dünner, um die baupolitischen Ziele noch zu erreichen. 400 000 neue Wohnungen sollen nach Plänen der Ampelkoalition jährlich entstehen – dafür soll Bundesbauministerin Klara Geywitz sorgen. Doch Branchenverbände rechnen beim Wohnungsbau mit einem Einbruch. Eine seriöse Kalkulation von Bauprojekten und der späteren Zielmieten ist kaum noch möglich. „Unsere Mitgliedsunternehmen kämpfen seit Jahren mit den steigenden Baukosten und es wird immer schlimmer“, beschreibt Hans Maier, Direktor des Verbands der bayerischen Wohnungswirtschaft, die Lage. Irgendwann sei die Grenze erreicht, wo sich der Wohnungsbau schlicht nicht mehr rechnet. Da helfen auch keine Preisgleitklauseln, die das Risiko nur auf die Unternehmen verlagern, so der Schwesternverband VNW. Deren Direktor Andreas Breitner erklärte: „Als Folge werden sich viele Geschäftsführer und Vorstände, die sich einer ordnungsgemäßen Geschäftsführung verpflichtet fühlen, gegen den Neubau oder eine Sanierung von Bestandsgebäuden entscheiden. Soziale Vermieter können sich keine Unsicherheit bei der Kalkulierung der Baukosten leisten. Ihre Kalkulationen sind ohnehin bereits auf Kante genäht. Höhere Baukosten würden eine Erhöhung der Mieten nach sich ziehen.“ Andreas Breitner appellierte daher, ein zeitlich befristetes Förderprogramm aufzulegen. „Unternehmen könnten ihre Einkaufspreise für Baustoffe und Bauleistungen offenlegen, die Grundlage ihrer aktuellen Kalkulation sind. Nach Abschluss der Bauarbeiten wird geprüft, welche Preise wirklich gezahlt werden mussten. Die Differenz wird durch Mittel aus dem Förderprogramm ausgeglichen“, lautete sein Vorschlag.

Das Problem betrifft nicht nur den Wohnungsbau, sondern schlägt sich auch auf den Straßenbau nieder, wo etwa der Ausfall von bis zu einem Drittel der Bitumenversorgung droht, da zentrale Raffinerien von Lieferungen aus Russland abhängig sind. Via Solutions Südwest (VSS) gab bereits eine Verschiebung einer für Mai bis Juli geplanten Fahrbahnerhaltungsmaßnahme auf der A5 bekannt – dies soll zu einem späteren Zeitpunkt, aber noch in diesem Jahr nachgeholt werden. Dabei hatte Bundesverkehrsminister Dr. Volker Wissing betont: „Das in den deutschen Raffinerien zu einem nicht unwesentlichen Anteil aus russischem Erdöl gewonnene Bitumen ist als Bindemittel für die Herstellung von Asphalt von entscheidender Bedeutung. Um die zügige Durchführung der Straßenbaumaßnahmen nicht zu gefährden, unterstützt der Bund die Straßenbauunternehmen, damit sie trotz des starken Anstiegs der Bitumenpreise ihre Aufträge in der vereinbarten Bauzeit erfüllen können.“ Für die Asphaltindustrie steht deshalb insbesondere eine stabile und wirtschaftlich vertretbare Beschaffung von Bitumen sowie von Brennstoffen im Vordergrund. Ein Embargo von Gas und Erdöl aus Russland wäre für die Branche fatal. „Wenn Deutschland sich dazu entschließen sollte, kein Erdöl mehr aus Russland zu importieren, würde sich das dramatisch auf die Asphaltindustrie auswirken. Das würde zu Stillständen auf Baustellen führen und den dringend erforderlichen Ausbau der Verkehrsinfrastruktur gefährden“, befürchtet Oliver Nohse, Präsident des Deutschen Asphaltverbandes. Dieser plädiert dafür, dass die Auftraggeber in dieser Situation den Unternehmen der Bau- und Baustoffwirtschaft entgegenkommen sollten. „Wir brauchen ganz dringend praktikable und schnell umsetzbare Lösungen, um den notwendigen Erhalt beziehungsweise Ausbau der Infrastruktur nicht in Gefahr zu bringen. Entsprechende Lösungen wären auch auf den kommunalen Straßenbau übertragbar“, so Nohse.

Damit steht er nicht alleine da: Nahezu alle maßgeblichen Verbände der Bauwirtschaft in Deutschland haben in den letzten Wochen auf die schwer-wiegenden Konsequenzen des Ukraine-Krieges für die Branche hingewiesen. Rohstoffverfügbarkeit und Materialversorgung, drastische Energiepreisanstiege und Probleme im internationalen Fracht- und Logistikmanagement sind hier die zentralen Positionen. Die bauchemische Industrie spürt die Auswirkungen ebenfalls immer deutlicher und rechnet damit, dass die gesamte Bau-Wertschöpfungskette die Preise weiter erhöhen muss, um die zuverlässige Versorgung der Baustellen in Deutschland sicherzustellen. Schon Ende letzten Jahres hatte der Verband der Deutschen Bauchemie auf die Folgen der Lieferkettenstörungen und die daher notwendigen deutlichen Preisanpassungen für bauchemische Produkte hingewiesen. Trotz der seitdem durchgeführten Preismaßnahmen hat sich der deutliche Margenrückgang etwa von PCE-basierten Betonzusatzmitteln, ölbasierten Betontrennmitteln, oder Polypropylen-basierten Polymerfasern fortgesetzt, da die Kostenerhöhungen nicht kompensiert werden konnten.

Zudem verschärfen sich die durch Corona bestehenden Probleme in den globalen Zuliefernetzwerken, so das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft. Rund 60 Prozent der Industrieunter-nehmen melden zusätzliche Störungen in der Lieferkette und Logistik als Folge des Krieges, erklärte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Logistik-Dienstleister beklagen den Abgang zahlreicher osteuropäischer Kraftfahrer, die als Freiwillige ihre Heimat im Krieg verteidigen möchten; die Kosten für Logistikservices steigen deshalb und aufgrund der Dieselpreisentwicklung stark an. Aktuelle Probleme entstehen zudem durch den Lockdown in Wirtschaftsmetropolen wie Schanghai, Shenzhen, Changchun und Tangshan. So ist etwa der Yantian-Hafen in der Wirtschaftsmetropole Shenzhen zwar geöffnet, die Verladung von Containern hat sich aber deutlich verlangsamt, weil Hafenarbeiter und Lkw-Fahrer zu Hause bleiben. Diese Verzögerungen werden in Europa über kurz oder lang deutlich zu spüren sein.

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