Positive Signale, effizienter und produktiver auf Baustellen zu werden und Baumaschinen einzusetzen, sendete die bauma. Auf der Weltleitmesse der Branche ging es um Trends der Zukunft wie Nachhaltigkeit, Autonomie oder die vernetzte Baustelle, die das Arbeiten die nächsten Jahre prägen. Welche Innovationen Potenzial haben, interessierte auch das Management des Bauunternehmens Porr. Wie Karl-Heinz Strauss, CEO der Porr, die neuesten Entwicklungen einstufte, war Thema unseres Gesprächs mit Fred Cordes, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Zeppelin Baumaschinen, und der Redaktion Baublatt.

Auf der bauma zeigte Caterpillar mit Cat Command eine Form der Fernsteuerung, die auch der CEO von Porr, Karl-Heinz Strauss, ausprobierte. Im Hintergrund (von links): Stephan Bothen, Geschäftsführer von Zeppelin Österreich, Christoph Gil, Zeppelin Verkaufsleiter Kon-zernkunden, und Ronald Duchow, Zeppelin Projekt- und Einsatztechniker, der dem Chef der Porr die Funktionen der Fernsteuerung erklärte. Fotos: Zeppelin

Baublatt: Was führt Sie auf die bauma und was schauen Sie sich auf der Messe besonders intensiv an?

Karl-Heinz Strauss: Erstmals gibt es seit Langem die Gelegenheit, sich wieder mit allen persönlich auf komprimiertem Raum zu treffen. Wir sehen auf der bauma den Fortschritt und Veränderungen bei Technologien. Zudem können wir diese direkt miteinander vergleichen. Und das ist für uns immer ein Vorteil.

Fred Cordes: Welche Trends der Messe stufen Sie als richtungsweisend ein – was wird die Arbeit auf Baustellen in Zukunft verändern und bestimmen?

Karl-Heinz Strauss: „Ein Trend der Zukunft ist die kollaborative Zusammenarbeit.“
Foto: Porr/Astrid Knie

Karl-Heinz Strauss: Ein Trend der Zukunft ist die kollaborative Zusammenarbeit. Es geht um den Austausch der Daten untereinander. Und es wird offene Plattformen geben. Ein weiterer Trend geht in Richtung Elektromobilität – man sieht die ersten Gehversuche. Man kann neue Wege bei Akkus beobachten, die gemeinsam verwendbar sind. Es gibt alle möglichen verfügbaren Systeme auf Maschinen für das Aufladen von Energie auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sehen wir viele einzelne Themen, die Verbesserungen und Effizienzsteigerungen betreffen. Das sind positive Zeichen für die Zukunft.

Fred Cordes: Caterpillar beschäftigt sich bereits seit sieben Jahren mit der Reduktion von CO2-Emissionen und hat sich der Senkung des Treibstoffverbrauchs verschrieben. Ein großer Unterschied zu anderen ist: Es werden in Zukunft nicht nur elektrische Baumaschinen zur Verfügung gestellt werden, sondern Caterpillar bekennt sich auch zum gesamten Batteriemanagementsystem, das mitangeboten werden soll. Das ist für Baustellen immens wichtig – Bauunternehmen ist sonst nicht geholfen, wenn keine Ladeinfrastruktur zur Verfügung steht.

Karl-Heinz Strauss: Das ist gut zu hören, denn wir sind gerne unabhängig. Wir wollen das Aufladen unserer Maschinen selbst durchführen können, müssen es aber auch wiederum nicht selbst durch-führen, wenn es angeboten wird und das Angebot besser ist.

Fred Cordes: Es wird nicht nur an einer Lösung beziehungsweise einer Antriebsart gearbeitet, sondern Caterpillar beschäftigt sich neben Elektromotoren mit Batterien, Brennstoffzellen, Verbrennungsmotoren oder der Kombination in Form eines Hybridantriebs. Die Technologie ist die eine Entwicklung, es geht aber nun um die weitere Evolution, sprich inwieweit der Kunde das Thema auf der Baustelle umsetzt. Der CO2-Einsparung verschreibt sich Caterpillar weiterhin. Schon heute lässt sich hier bereits vieles erreichen – Kunden müssen nicht darauf warten, bis Brennstoffzellen oder Batterien in Baumaschinen gang und gäbe sind. Deswegen wird auch weiterhin in die Optimierung des Dieselmotors investiert werden und kontinuierlich darauf hingearbeitet, dass Kunden eine weitere Treibstoff- und CO2-Reduzierung bekommen.

Baublatt: Welche Schritte lassen sich denn auf den Baustellen der Porr schon relativ leicht umsetzen?

Karl-Heinz Strauss: Es sind schon heute viele, insbesondere viele kleine Schritte möglich, um Emissionen zu reduzieren – man muss dafür nicht noch weitere Jahre abwarten, sondern kann schon jetzt vieles dafür tun. Beispielsweise bei Kleingeräten, wenn sie die gleichen Akkus haben. Wenn wir Elektromaschinen kaufen, dann nur die, wo wir nur einen Akku-Satz brauchen für alle möglichen Arten der Geräte und Gerätehersteller.

Fred Cordes: Gibt es bei Ihnen schon Überlegungen, in Wasserstofftechnologie zu investieren oder warten Sie ab, bis Auftraggeber auf Sie zukommen, um als Großkonzern selbst so eine Infrastruktur aufzubauen?

Austausch auf der bauma über Trends der Zukunft wie Nachhaltigkeit, Autonomie oder die vernetzte Baustelle mit Karl-Heinz Strauss (Zweiter von links), CEO der Porr, und den Zeppelin Geschäftsführ-ern Michael Heidemann (links), Fred Cordes (Zweiter von rechts) und Stephan Bothen (rechts).

Karl-Heinz Strauss: Wir haben bei Porr verschiedene Überlegungen. Es geht hier um die Frage: Was brauchen unsere Kunden, die so eine Infrastruktur benötigen? Wir bieten in Zukunft Fotovoltaik mit dem leichten Stahlbau schlüsselfertig an. Das ist das eine Thema. Das andere: Wir versuchen, Gesamtlösungen anzubieten und investieren in Fotovoltaik, in Wärmepumpen und Tiefenbohrungen. Heute in Wasserstoff zu investieren, ist für uns zu früh, weil sich nicht einmal Hersteller einig sind, was passiert. Im Grunde ist das Thema an sich nichts Neues: eine Brennstoffzelle mit einem Tank. Das machen Automobilhersteller seit 15 Jahren. Was wir aber als großer Infrastrukturbereitsteller überlegen müssen: Wie machen wir Infrastruktur für alle möglichen Optionen fit? Es wird beim Sprit bleiben, aber dessen Anteil wird deutlich verkleinert werden. Es wird in Zukunft der Elektroladeplatz deutlich ausgeweitet werden und wir werden einen Platz reservieren, um darauf sowohl auf der Kundenseite als auch im Gerätepark vorbereitet zu sein, was auch immer im Bereich Wasserstoff kommen wird. Wir beobachten derzeit die Entwicklungen sehr genau, wollen aber gar nicht die ersten sein. Allerdings sind wir sehr offen und interessiert an Tests und wollen uns hier gerne beteiligen, um zu sehen, wie wir die Logistik für die Belieferung für Wasserstoff und so weiter auf die Baustelle bringen.

Baublatt: Ein Leitthema der bauma ist Nachhaltigkeit. Die Bauwirtschaft ist eine Schlüsselindustrie und gleichzeitig einer der Hauptproduzenten von Abfall und CO2. Was unternimmt der Porr-Konzern, um im Hinblick auf Nachhaltigkeit voranzukommen?

Karl-Heinz Strauss: Die Strategie der Porr ist intelligentes Wachstum mit Green und Lean. Green bedeutet Nachhaltigkeit. Wir sehen in Lean Construction die Zukunft des Bauens. Zu Green und Lean gehört ein ganzes Portfolio an Maßnahmen, um beispielsweise den Energieverbrauch zu optimieren und im Sinne der Kreislaufwirtschaft unsere Baustoffe zu recyceln. Wie also stabilisieren wir unsere nachhaltige Profitabilität? Es beginnt beim Auftragseingang. Wir haben seit 2022 einen sehr selektiven Auftragseingang. In Zeiten wie diesen haben wir das Glück, einen hohen Auftragsüberhang zu haben. In Polen beispielsweise brauchen wir in den nächsten 24 Monaten keinen neuen Auf-trag im Infrastrukturbereich hereinnehmen, wenn wir nicht wollen. Das ist die richtige Basis, um nachhaltige Profitabilität sicherzustellen.

Fred Cordes: Ob der Ukraine-Krieg oder die Corona-Pandemie: Das Marktumfeld ist 2022 für die Baubranche kein einfaches, unter anderem ist es geprägt durch Lieferengpässe und Kostensteigerun-gen. Wie trotzen Sie den Krisen und wie bewerten Sie die Geschäftslage für die nächsten Monate für die Porr und die Branche allgemein?

Karl-Heinz Strauss: Lieferengpässe machen sich bei uns hauptsächlich durch gestiegene Kosten bemerkbar. Diese sind übrigens nur teilweise der Pandemie geschuldet. Vieles von den Materialverknappungen ist auch seitens der herstellenden Industrie hausgemacht. Mit einer Ausnahme – den Halbleitern – ist alles verfügbar. Es ist nur eine Kostenfrage. Aber auch hier glauben wir, dass der Peak erreicht ist. Bei vielen Baustoffen wie Holz, Stahl und verschiedenen Dämmstoffen sinken die Preise bereits. Bei der Porr ist dank einer vernetzten Einkaufsstrategie keine einzige Baustelle stillgestanden. Insgesamt sehen wir daher in den nächsten Monaten der Geschäftslage sehr positiv entgegen.

Baublatt: Der Fachkräftemangel zieht immer weitere Kreise. Gut jedes zweite Unternehmen sieht den Fachkräftemangel als Geschäftsrisiko. Es gibt Wege, gegenzusteuern: Länger arbeiten, mehr Zuwanderung und mehr Automatisierung – Ansätze dazu sind auf der bauma zu sehen. Worauf wird es hinauslaufen?

Karl-Heinz Strauss: Es muss alles zusammen-spielen. Der Fachkräftemangel ist das große Problem für alle Industrien der Zukunft, ganz besonders aber für die Bauindustrie. Denn der Beruf des Bauarbeiters oder der Bauarbeiterin ist spannend von der Sache her – man steuert und schafft etwas – aber es ist kein sexy Beruf, weil man Witterungen ausgesetzt ist. Die Baustelle ist nie dort, wo man wohnt. Wir haben daher einen Mehrwegeplan bei der Porr. Der erste Weg ist: So viel wie möglich Personal aufzunehmen und selbst auszubilden. Wir bieten daher nachhaltiges lebenslanges Lernen über unsere Porr Academy und den Porr Campus. Der zweite Weg ist: Leute länger zum Arbeiten zu bewegen. Das können wir nicht allein, sondern das muss von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommen. Wir sehen zunehmend, dass sie zeitweise wieder zurückkommen würden, aber dafür braucht es gesetzliche Veränderungen, um ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf begrenzte Zeit beschäftigen zu können. Derzeit ist es leider nicht möglich. Der nächste Punkt ist: Wir brauchen eine gezielte Migration, und zwar aus Ländern, in denen die Be-rufe des Bauarbeiters, des Poliers oder des Bauingenieurs weiterverbreitet sind, wie es beispielsweise im asiatischen Raum der Fall ist.

Fred Cordes: Der Presse war zu entnehmen, dass Sie gerne den Fachkräftemangel mit Personal aus In-dien lösen wollen. Wieso Indien?

Karl-Heinz Strauss: Die ersten 35 Inder sind bereits in Rumänien und werden dort für uns arbeiten – 70 weitere sollen noch kommen. Das europäische Potenzial ist weitgehend ausgeschöpft. Mit asiatischem Personal, ob aus Nepal, Indien, Sri Lanka, Laos oder den Philippinen haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Porr hat einen sehr guten Ruf, dass wir auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter achten. Das gilt im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen sowie bei Sicherheitsstandards. Deswegen haben Inder angefragt, ob sie nicht bei uns in Europa arbeiten können, und das nutzen wir derzeit aus und wollen das nach Möglichkeit weiter ausbauen.

Baublatt: Gesteigerte Effizienz, erhöhte Sicherheit, geringerer Fachkräftebedarf: Viele Faktoren treiben die Entwicklung von autonomen Baumaschinen voran. Auch auf der bauma zeigte Caterpillar mit Cat Command eine Form von Fernsteuerung. Fahren bei der Porr auf den Baustellen bald Baumaschinen autonom oder wäre es angedacht, dass zum Beispiel die Fahrer von Baumaschinen zukünftig in Indien sitzen und dann Geräte in Deutschland oder Österreich aus der Ferne bedienen?

Karl-Heinz Strauss: Das schließe ich für die nächsten zehn Jahre aus. Wir haben es mit Baustellen zu tun und nicht mit geschlossenen Räumen, wo man auf Sicht fährt und wo man eine andere Interaktion hat. Was sicherlich eintreten wird: Es wer-den in Zukunft weniger Leute auf Baustellen not-wendig werden – durch effizienteres Bauen, durch Lean Management und durch besser vernetzte Geräte. Wir sehen es bereits, wenn sich die künstliche Intelligenz mehr und mehr durchsetzt, und wir das notwendige Mindset in die Köpfe bekommen, dass man sich erst eine Simulation anschaut, bevor man auf der Baustelle etwas umsetzt.

Fred Cordes: Viele kleine Baufirmen haben bis heute noch nicht in digitale Technologien investiert oder zögern, etwa in Maschinensteuerung oder das Flottenmanagement einzusteigen. Dabei zeigt eine Messe wie die bauma viele Lösungsansätze. Wie gut ist die Bauindustrie aus Ihrer Sicht auf die Digitalisierung vorbereitet?

Karl-Heinz Strauss: Die Bauindustrie wird unterschätzt. Es wird immer wieder behauptet, dass die Bauindustrie bei der Digitalisierung hinterher-hinke – wenn man aber sieht, dass die realen Preise stetig nach unten und die Kosten stetig nach oben gehen, wir aber immer noch eine positive Marge zusammenbringen, dann kann man sagen, dass die Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen der Bauindustrie mehr als bemerkenswert sind. BIM Design und Lean Construction sind die Zukunft. Es gibt bereits 3D-Brillen, Robotik oder Exoskelette – das sind alles Themen, die zusammenwirken, um Effizienz und Produktivität noch weiter zu steigern. Auch sollte man nicht vergessen, dass der Vorfertigungsgrad im Systembau erweiterungsfähig ist. Mit den digitalen Methoden beim Planen, beim Design und bei der Umsetzung haben wir noch viel weiteren Spielraum.

November-Dezember 2022

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