Das bestreitet niemand: Gebäude binden Ressourcen. Beim Bauen wird Boden versiegelt und Energie verbraucht. Doch Bauunternehmen blenden Umwelt- und Klimaschutz nicht aus – ganz im Gegenteil. Wie Goldbeck aus Bielefeld zeigt, wird schon seit vielen Jahren auf Nachhaltigkeit geachtet, um den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Ob schlüsselfertige Parkhäuser, Hallen, Büros, Schulen oder Wohngebäude: Der Baudienstleister setzt auf eine Systembauweise, mit der es Berechnungen zufolge möglich ist, rund 25 Prozent CO2 und einen erheblichen Teil der üblicherweise verbrauchten Ressourcen einzusparen. Über 500 Gebäude hat Goldbeck allein im vergangenen Geschäftsjahr realisiert, weit mehr als die Hälfte davon entspricht dem Goldstandard der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Nun sollen die Unternehmensaktivitäten noch stärker auf Nachhaltigkeit getrimmt werden. So will das inhabergeführte Familienunternehmen bis Mitte 2023 bilanziell CO2-neutral agieren. Dafür sind vielfältige Maßnahmen nötig, um Emissionen zu vermeiden, zu reduzieren und zu kompensieren. Wir sprachen mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter, Jörg-Uwe Goldbeck, wie in Zukunft Gebäude ganz im Sinne der Circular Economy – der Kreislaufwirtschaft – geplant, gebaut, betrieben und wieder rückgebaut werden können.

Baublatt: Trotz der Corona-Pandemie ging das letzte Geschäftsjahr als das erfolgreichste in die über 50-jährige Firmengeschichte ein. Ihr Unternehmen realisierte 2020/2021 mehr als 500 Projekte bei einer Gesamtleistung von rund 4,1 Milliarden Euro. Sie wurden mal gefragt, was den Erfolg Ihres Unternehmens ausmacht und haben dann geantwortet: „Wir haben schon immer Dinge anders gemacht als andere.“ Worin unterscheidet sich Ihr Unternehmen, wenn es darum geht, nachhaltig Immobilien zu planen, zu bauen und zu betreiben?

Jörg-Uwe Goldbeck: Was uns schon im normalen Baugeschäft vom Wettbewerb unterscheidet: Wir verfolgen das Konzept des systematisierten Bauens und denken in Bausystemen – und das schon seit Mitte der 80er-Jahre. Dabei betrachten wir Gebäude immer ganzheitlich und berücksichtigen von Beginn an Bau, Betrieb, Rückbau und Materialrecycling. Entlang dieses Lebenszyklus gibt es viele Stellschrauben, um Gebäude mit Blick auf ihre Nachhaltigkeit zu optimieren. 2020 haben wir durch externe Experten untersuchen lassen, welche Auswirkungen allein unsere Bauweise auf die CO2-Emissionen hat. Dabei stellte sich bei einem durchschnittlichen Bürogebäude heraus: Durch die Systematisierung können wir im Vergleich zum herkömmlichen Bauen rund 25 Prozent CO2 und einen erheblichen Teil der üblicherweise verbrauchten Ressourcen reduzieren. Berücksichtigt man noch den Rückbau und das Recyclingpotenzial, spart diese Bauweise pro Quadratmeter 40,6 Kilogramm CO2. Vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit achten wir darauf, die richtigen Materialien zu finden und sie in möglichst geringer Masse einzusetzen – natürlich darf das nicht zulasten der Statik gehen. Es gibt physikalische Gesetze, die wir nicht umgehen können. Doch das Konzept des Massivbaus, früher sehr positiv besetzt, stelle ich infrage: Müssen wir nicht eher schlanker werden, um Ressourcen wo immer möglich einzusparen? Ich denke, wir müssen alle umdenken, damit Gebäude leichter werden.

Goldbeck beschäftigt sich intensiv damit, wie Gebäude leichter werden können. Eine Lösung könnte Carbon sein.

Baublatt: Sie wollen aber auch andere Baumaterialien wie Carbon anstelle von Stahl einsetzen.

Jörg-Uwe Goldbeck: Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Thema Carbon, aber wir sind noch lange nicht so weit, dass Carbon Stahl vollständig substituieren kann. Meiner Meinung nach gibt es zuvor noch einige Hausaufgaben zu erledigen. Wir müssen den Werkstoff noch näher untersuchen – etwa im Hinblick auf den Herstellungsaufwand, das tatsächliche Einsparpotenzial etwa von Beton und die Recyclingfähigkeit. Da wir schon Bauteile auf Basis einer Carbonbewehrung produziert und die ersten Pilotprojekte gebaut haben, konnten wir aber schon einige wichtige Erfahrungen sammeln.

Baublatt: Warum begünstigt die Systembauweise mit fertigen Bauteilen nachhaltiges Bauen?

Jörg-Uwe Goldbeck: Bauelemente werden industriell vorproduziert, anschließend „just in sequence“ auf die Baustelle geliefert und dort montiert. Dadurch können der Materialeinsatz erheblich optimiert und die beim Transport und beim Bau anfallenden Emissionen reduziert werden. Ich will das jetzt gar nicht überstrapazieren, aber es ist schon unser Mantra. Das zeichnet eben die Systembauweise aus. Auf der Baustelle erzeugen wir viel weniger Müll als im herkömmlichen Sinn. Außerdem sind wir nicht nur schneller, sondern auch leiser. Lärm ist oftmals gar nicht so als Umweltverschmutzung im Fokus – bei uns dagegen schon. Denn unsere Fertigung erfolgt in einer kontrollierten Umgebung. Auf der Baustelle wird dann nicht mehr so viel gehämmert, gebohrt und gesägt. Ganz ohne Lärm geht es aber natürlich auch bei uns nicht. Muss Boden verdichtet werden, dann muss auch bei uns im herkömmlichen Sinne mit Baumaschinen der Boden gerüttelt werden. Anders ist es dann aber im Hochbau: Da sind wir deutlich leiser unterwegs und es fällt weniger Abfall an.

Baublatt: Sie bieten Kunden alle Leistungen aus einer Hand an: vom Design über den Bau bis hin zu Serviceleistungen während des Betriebs. Inwieweit folgen Ihre Gebäude bereits dem Cradle-to-Cradle-Prinzip, also alle im Gebäude eingesetzten Materialien bereits beim Entwurf und bei der Beschaffung so auszuwählen, dass sie nach ihrer Nutzung in den biologischen und technischen Kreislauf wieder zurückgeführt werden können, aus dem sie entnommen wurden?

Jörg-Uwe Goldbeck: Diese Gedanken sind bei materialintensiven Wirtschaftsbereichen wie dem Bauen extrem interessant. Zukünftige Generationen werden das gar nicht mehr infrage stellen. Für sie wird es selbstverständlich sein, Gebäude als Materialbanken zu sehen – analog zum Urban Mining, bei dem Müllkippen als Rohstoffquellen genutzt werden. Der Unterschied: Während die Materialien auf Deponien sehr durchmischt sind, können die in einem Gebäude verbauten Materialien sehr viel strukturierter „abgebaut“ werden. Mithilfe von BIM wissen wir genau, welche Materialien wir verbaut haben. Wenn ich beispielsweise aus meinem Büro schaue, blicke ich auf unser Parkhaus. Es hat eine Aluminiumfassade, Stahlträger und Betonplatten. Sollten wir es in 30 bis 40 Jahren nicht mehr benötigen, kann man alle Bestandteile recyceln. Auch deshalb wäre es so wichtig, dass es uns in Deutschland gelingt, den Anteil an Recyclingbeton im Hochbau zu erhöhen. Momentan beträgt der Anteil meines Wissens nur ein Prozent. Gesetzlich ist es hierzulande nicht zugelassen, recycelten Beton in statische Bauteile mit einzubringen. In der Schweiz, die teilweise weit strengere Vorgaben hat, dagegen schon. Das zeigt, dass es durchaus machbar und eine Frage der Zulassung ist.

In Bielefeld wird gerade ein Hochhaus aus dem Jahr 1971 revitalisiert. Stehen bleibt nur das Tragwerk.

Baublatt: Müssen Gebäude in Zukunft länger genutzt werden, um so dem Nachhaltigkeitsanspruch gerecht zu werden?

Jörg-Uwe Goldbeck: Wir bauen schwerpunktmäßig Gewerbe- und Kommunalimmobilien – und die sind in der Regel nicht für die Ewigkeit gebaut. Anders mag es bei besonderen Bauwerken wie einer Konzerthalle oder einem Museum sein. Die vielen Zweckbauten, die wir in der Gesellschaft benötigen, ob Schulen, Büros, Hallen oder Parkhäuser, haben eine kürzere Lebensdauer. Eine Halle beispielsweise hat oft nach 20 bis 25 Jahren ihre erste Nutzungsphase beendet, weil sich die Anforderungen ändern. Bürogebäude haben einen längeren Lebenszyklus und können aus ökologischen Gründen noch ein zweites Leben erhalten, wenn man sie umbaut. In Bielefeld revitalisieren wir gerade ein Hochhaus aus dem Jahr 1971. Da bleibt nur noch das Tragwerk stehen – der Rest wird neu gemacht. Unser Ziel ist es, dass es dann noch mal ein halbes Jahrhundert so bestehen kann.

Baublatt: Man muss sich nur historische Gebäude anschauen, die schon weitaus länger existieren. Sie lassen sich durch entsprechende Sanierung erhalten.

Jörg-Uwe Goldbeck: Das ist auch gut und richtig so. Doch für Gebäude des täglichen Lebens haben wir aktuelle Anforderungen zu erfüllen. Ein Beispiel: Es möchte doch niemand gerne in einem in die Jahre gekommenen Krankenhaus behandelt werden, das zwar eine tolle Backsteinfassade hat, aber technisch von gestern ist. Die meisten werden wohl eine Klinik nach modernem Baustandard bevorzugen. Auch bei Schulen hat man inzwischen – natürlich teilweise bedingt durch die Pandemie – andere Ansprüche an die Belüftung oder Raumbeziehungen. Die Digitalisierung wiederum führt zu Veränderungen der Arbeitswelten und verlangt smarte und flexibel nutzbare Bürogebäude. So ergeben sich immer neue Anforderungen – und die Räume, in denen wir uns bewegen, möchten wir entsprechend gestalten. Das gilt ganz besonders für Gebäude, die auf Mobilität ausgerichtet sind. Benötigen wir in 30 oder 40 Jahren noch ein Parkhaus? Oder nutzen wir dann ganz andere Formen der Fortbewegung wie autonom fahrende Shuttles, die fast immer in Bewegung sind? Sie bräuchten keinen innerstädtischen Parkplatz und könnten an der Stadtgrenze geladen werden. Parkhäuser, wie wir sie heute kennen, betrachte ich deshalb als praktische Platzhalter: Hochgaragen erfüllen heute einen wichtigen Zweck – werden sie nicht mehr benötigt, können sie relativ einfach zurückgebaut und recycelt werden. Die leere Fläche kann anschließend für etwas Anderes, Zeitgemäßes genutzt werden. Anders sieht es bei Tiefgaragen aus. Sollten die einmal nicht mehr benötigt werden, haben wir ein gigantisches Loch und einen viel größeren Eingriff in die Geologie. Da wird ein Umdenken stattfinden müssen. Wir sollten nach oben bauen.

Beispiel für Nachhaltigkeit: das Mitarbeiterparkhaus in Hirschberg. Die Energieversorgung läuft über Wind- und Solarenergie und die industriell vorgefertigten Systembauteile werden ressourcenschonend hergestellt.

Baublatt: Wie passen Sie Ihre Gebäude an, damit eine weitere Nutzung nach der ersten Lebensphase möglich ist?

Jörg-Uwe Goldbeck: Wir versuchen, unsere Bauteile so miteinander zu verbinden, dass wir sie anschließend wieder gut lösen können. Bei unseren Parkhäusern funktioniert das bereits sehr gut. Bei anderen Produkten stecken wir aktuell noch in der Entwicklung. Manches ist dabei eben nicht ganz so trivial, denn durch den schlüssigen Verbund in Form von Zement beziehungsweise Beton wird Stabilität erzeugt. Keine einfache Aufgabe, aber darüber muss man sich im Sinne der Kreislaufwirtschaft Gedanken machen.

Baublatt: Wo lassen sich Prozesse auf Baustellen in Zukunft noch weiter standardisieren und automatisieren, wenn Sie an neue Technologien denken und inwieweit nutzen Sie diese schon selbst?

Jörg-Uwe Goldbeck: Derzeit fokussieren wir uns auf den Robotereinsatz. Da haben wir im letzten Jahr eine größere Versuchsreihe gestartet, in der wir drei verschiedene Technologien getestet haben – darunter ein Bohrroboter von Hilti. Bei der Deckenmontage muss immer wieder über Kopf gebohrt werden. Währenddessen rieselt dem Handwerker das Bohrmehl auf den Kopf und seine Schultern. Das ist eine Arbeit, die keiner schönreden kann. Solche Tätigkeiten gehen auf die physischen Belastungen der Handwerkerinnen und Handwerker. Bei solchen anstrengenden und wiederkehrenden Aufgaben kann der Roboter auf der Baustelle entlasten. Auch das ist ein Teil von Nachhaltigkeit. Darüber hinaus haben wir einen Malerroboter ausprobiert, der großflächig Wände lackieren kann. Und an einen Laufroboter von Boston Dynamics, der aussieht wie ein Hund, haben wir schon Laserscanner oder eine 360-Grad-Kamera angebracht, um Gebäudekomponenten und eventuelle Mängel auf der Baustelle zu erkennen und zu dokumentieren. Wir setzen uns intensiv damit auseinander, was mit Robotik und neuen Technologien möglich ist – nicht nur um unsere Produktivität und unsere Geschwindigkeit zu verbessern, sondern auch um Themen wie Arbeitssicherheit, Energieeffizienz und Ressourcenschonung nachhaltig voranzubringen. Erst einmal erproben wir aber, was wir im Serieneinsatz sinnvoll verwenden können.

Baublatt: Wie weit wollen Sie den Nachhaltigkeitsgedanken umsetzen – wo sehen Sie Grenzen?

Jörg-Uwe Goldbeck: Für unser Unternehmen ebenso wie für alle anderen besteht die große Herausforderung darin, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich klarzumachen, was nachhaltig wirklich sinnvoll ist. Dazu zähle ich das schon angesprochene Carbon-Thema, das man in seiner Gesamtheit betrachten muss. Die technische Leistungsfähigkeit des Werkstoffes ist frappierend hoch – im Vergleich zu Stahl ist es das 40-Fache an Performance pro Gewichtseinheit, die Carbon leisten kann, um Stabilität zu schaffen. Das ist die eine Seite. Die andere: Die Erzeugung von Carbon ist sehr energieintensiv. Man muss sich überlegen, wie Carbon recycelt werden kann. Im Moment sieht es so aus, als spräche die CO2- Bilanz von Carbon-Beton für das Material.

Baublatt: Auch Elektroautos haben nicht nur Vorteile, wenn man an die seltenen Erden denkt, die für die Batterien abgebaut werden müssen. Das heißt: Alles hat sein Für und Wider.

Jörg-Uwe Goldbeck: Ganz genau. Wir setzen uns auch mit dem Werkstoff Holz auseinander. Er hat für viele Bereiche sehr gute Eigenschaften – zum Beispiel bei der Wärmetransmission. Holz isoliert gut. Bestimmte Bauteile aus Holz zu fertigen, ist deshalb sicherlich sinnvoll. Uns ist es allerdings zu einfach zu sagen, dass Holz per se der nachhaltigere Baustoff ist. Holz ist ein guter CO2-Speicher für die Zeit, in der es im Gebäude verbaut ist. Doch was passiert mit dem Bauholz im Anschluss? Kann es weiter genutzt werden? Wie wurde es behandelt? Haften daran besondere Leime und Klebstoffe, die gesondert entsorgt werden müssen? Steht überhaupt ausreichend zertifiziertes Holz zur Verfügung? Auch der Baustoff Holz wirft aktuell noch viele Fragen auf. Man darf sich nicht leichtfertig auf plakative Themen stürzen. Unser Anspruch ist es darum, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen. Das Gute ist: Es lohnt sich auch.

Baublatt: Sind nachhaltige Gebäude nicht teurer als konventionell erstellte?

Jörg-Uwe Goldbeck: Entscheidend ist schon die Planung. Da berücksichtigen wir schon den späteren Betrieb und legen fest, wie effizient ein Gebäude in der anschließenden Nutzung ist. Viele Investitionskosten, man denke beispielsweise an Smart Building Komponenten, amortisieren sich über den Lebenszyklus eines Gebäudes. Und: Das systematisierte Bauen hat einen natürlichen Vorteil, weil es per se ressourcenschonender und zugleich wirtschaftlicher ist als konventionelles Bauen. Ich würde deshalb nie sagen, dass nachhaltiges Bauen x Prozent mehr kostet. Jedes Gebäude ist verschieden und durch eine ganzheitliche Planung, die geschickte Kombination von Materialien und eine vorausschauende technische Gebäudeausrüstung kann man eine ganze Menge erreichen …

Baublatt: … oder man muss gleich den Rückbau mitbedenken, weil man sich bei der Entsorgung etwas spart.

Jörg-Uwe Goldbeck: Ja, vielleicht. In Gebäuden sind viel Stahl, Aluminium und Kupfer verbaut, beispielsweise in Elektroleitungen. Wenn man das nicht mehr benötigt, wird es recycelt. Mag sein, dass es dafür irgendwann sogar eine Gutschrift geben wird.

Baublatt: Denkbar, wenn die Lieferengpässe weiter zunehmen und Rohstoffe so knapp sind. Welche Rolle nimmt bei Ihnen erneuerbare Energie in der Produktion ein?

Jörg-Uwe Goldbeck: Immer da, wo es irgendwie technisch möglich war, haben unsere Dächer eine Fotovoltaikanlage bekommen. Das liegt auch an unserer Verbundenheit mit Goldbeck Solar. Das Unternehmen wird von meinem Bruder Joachim geleitet, besteht seit 2001 und wurde 2018 aus der Firmengruppe herausgelöst. Seit vielen Jahren wird unsere Firmenzentrale zudem mit Geothermie beheizt. Außerdem kaufen wir seit Jahren zu hundert Prozent Ökostrom ein. Das ist zwar etwas teurer, aber das ist ein Beitrag, den wir gerne leisten.

Energie-Monitoring von Gebäuden, um das optimale Energie-Szenario berechnen zu können.

Baublatt: Goldbeck hat sich mit anderen prominenten Unternehmenslenkern und Wissenschaftlern zusammengetan und einen Masterplan für den Umbau Europas in Richtung Klimaneutralität entwickelt, der Handlungsempfehlungen enthält. Was erwarten und was fordern Sie von der neuen Bundesregierung im Hinblick auf den Klimaschutz?

Jörg-Uwe Goldbeck: Ich habe schon die Hoffnung, dass die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass für alle Wirtschaftsbereiche weiterhin Chancengleichheit besteht. Die Baubranche hat das Glück, dass sie national operiert. Andere Branchen stehen im internationalen Wettbewerb. Um die Wirtschaft nachhaltig umzubauen, muss der Gesetzgeber hier Chancengleichheit schaffen. Greifen wir uns mal das Thema Fotovoltaik heraus: Generell kann man festhalten, dass es immer besser ist, wenn sich Privatpersonen und Unternehmen freiwillig für eine Installation entscheiden. Wollen sie in Solaranlagen investieren, gibt es aktuell allerdings enorm viele Stolpersteine – darunter die Komplexität der Einspeiserechte, die Vergütung und Umlagen oder die Frage, wie der Strom zum Eigenbedarf genutzt werden kann. Da steht uns die Bürokratie mitunter ganz schön im Weg, und das verhindert, dass solche Anlagen im großen Stil entstehen. Wir brauchen keine Incentivierung, nur weniger komplizierte Vorschriften – denn dann können wir Solaranlagen als selbstverständlichen Teil des Dachaufbaus verstehen, der Strom erzeugt.

Baublatt: Mehr staatliche Förderung, damit eine nachhaltige Transformation der Gesellschaft und Wirtschaft gelingt, würden Sie also ablehnen?

Jörg-Uwe Goldbeck: Als Initialförderung können staatliche Subventionen dabei unterstützen, Bewegung und Dynamik in einen Markt zu bringen. Bleiben wir beim Beispiel der Fotovoltaikanlagen: Vor etwas mehr als 20 Jahren war die Investition in Solarpanele noch sehr unwirtschaftlich. Ab 2001, mit Beginn der Einspeisevergütung, wurden Fotovoltaikanlagen dann in großem Umfang in Betrieb genommen. Das hat nicht nur für einen Degressionseffekt gesorgt, sondern auch die Technologie ein großes Stück vorangebracht. Ohne die staatliche Initialförderung hätte diese positive Entwicklung womöglich weit mehr Zeit in Anspruch genommen. Inzwischen sind PV-Anlagen aber ohne jegliche Subventionierung wirtschaftlich. Deshalb ist es an der Zeit, bürokratische Hindernisse zugunsten einer pragmatischen Umsetzbarkeit abzubauen. Es liegt also am Gesetzgeber, Anreize zu schaffen – und sich zum rechten Zeitpunkt auch wieder zurückzuziehen.

Baublatt: Nachhaltigkeit impliziert erst einmal Verbote, Verzicht und Einschränkung – denkt man etwa an Flugreisen. Was muss sich in den Köpfen der Mitarbeiter verändern, um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen?

Jörg-Uwe Goldbeck: Aktuell beschäftigen wir mehr als 8 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an fast 90 Standorten in ganz Europa. Und ich bin sicher: Die meisten teilen unsere Überzeugung, dass es wichtig ist, als Unternehmen Verantwortung zu übernehmen und einen Beitrag zu leisten. Wir stoßen auf großes Verständnis und alle denken mit, an welchen Stellschrauben wir auch im beruflichen Alltag drehen können – beispielsweise Fahrgemeinschaften zu gründen, statt sich aus Bequemlichkeit allein in den Firmenwagen zu setzen.

Ich denke, dass wir als Bauunternehmen eine besonders große Verantwortung gegenüber der Umwelt haben.

Jörg-Uwe Goldbeck, Geschäftsführender Gesellschafter

Baublatt: Oder wir führen unser Gespräch per Teams, was wunderbar funktioniert.

Jörg-Uwe Goldbeck: Ganz genau. Ich denke, dass wir als Bauunternehmen eine besonders große Verantwortung gegenüber der Umwelt haben. Wir versiegeln Flächen, verbrauchen Rohstoffe, die Gebäude müssen beheizt werden und benötigen Energie. Unsere Aufgabe ist es, bei minimalen Ressourcen und Emissionen die erforderliche Leistung zu erreichen. Das ist eine riesige Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Denn: Man muss für einen Wochenendtrip nicht für ein paar Euro durch die Gegend fliegen, doch auf Gebäude können wir nicht verzichten. Wir brauchen Schulen und Krankenhäuser, wir brauchen Raum zum Arbeiten im Büro oder aus dem Homeoffice. Wir müssen als Gesellschaft akzeptieren, dass modernes Leben und Wirtschaften in unseren Breitengraden ohne schützende Hüllen nicht möglich ist. Wir sprechen ja auch vom Zeitalter des Anthropozäns – einem Zeitalter, in dem der Mensch der wichtigste Einflussfaktor auf das globale Ökosystem ist. Bauen ist in einem ganz besonderen Maße ein Eingriff in die Natur. Wir müssen also viel gedankliche Energie investieren, um die notwendigen Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus nachhaltig zu gestalten.

Baublatt: Gerade bei der Generation „Fridays for Future“ zeigt sich, wie wichtig jungen Leuten Nachhaltigkeit geworden ist. Versuchen Sie durch Ihre Aktivitäten im Bereich Nachhaltigkeit, auch junge Talente von Goldbeck als attraktivem Arbeitgeber zu überzeugen und wird es bei Ihnen auch neue Arbeitsplätze in diesem Zusammenhang geben?

Jörg-Uwe Goldbeck: Wir haben schon seit vielen Jahren Nachhaltigkeitsteams in unseren Niederlassungen. Im Baubereich ist das bereits seit rund einer Dekade ein wichtiges Thema für uns. Inzwischen haben wir das Thema auch zentral in der Geschäftsführung aufgehängt. Anfang Dezember beginnt eine weitere Kollegin, die als Nachhaltigkeitsmanagerin dafür sorgen wird, das Thema noch stärker in alle Unternehmensbereiche zu bringen. Wichtig ist es zunächst, genau zu erfassen, welche Auswirkungen bestimmte Maßnahmen haben. Denn dann kann man auch an Verbesserungen arbeiten.

Baublatt: Sie arbeiten daran, auf Unternehmensebene ab Mitte 2023 bilanziell CO2-neutral zu agieren.

Jörg-Uwe Goldbeck: Der Klimaschutz wird eine wesentliche Leitplanke für unsere unternehmerischen Entscheidungen. Bei der Kategorisierung des CO2-Fußabdrucks werden die Emissionen bilanziell in sogenannten „Scopes“ erfasst. Scope 1 beinhaltet alle Emissionen, die direkt aus den Aktivitäten eines Unternehmens resultieren. Unter Scope 2 werden die indirekten Emissionen aufgeführt, die beispielsweise mit eingekaufter Energie verbunden sind. Hier ist unser Vorteil, dass wir bereits Ökostrom und wo immer sinnvoll Solaranlagen oder Geothermie nutzen. Unsere Gasversorgungen dagegen werden wir wohl kompensieren müssen. Scope 3 wiederum enthält Emissionen in der Vor- und Nachkette der Wertschöpfung. Wir können unseren Kunden natürlich nicht vorschreiben, wie sie ihre Immobilie zu betreiben haben. Wir können sie nur dabei unterstützen, ein möglichst CO2-optimiertes und energieeffizientes Gebäude zu bekommen. Deshalb arbeiten wir daran, unsere Produkte noch emissionsärmer zu machen und werden es unseren Kunden erleichtern, die Ökobilanz ihrer Gebäude auszugleichen. Vielleicht können wir dank Solaranlagen auf einer Halle dazu beitragen, dass mehr Strom erzeugt als verbraucht wird – und damit das Vorzeichen eben doch mal umdrehen. Wir werden aber nicht darum herumkommen, einen Teil der Emissionen auszugleichen. Persönlich hatte ich lange Zeit Berührungsängste. Mit Kompensation schwang das Gefühl mit, sich freizukaufen. Eine Art Ablasshandel. Inzwischen habe ich eine andere Einstellung dazu: Wenn man richtig gute Kompensationsprojekte unterstützt, kann man mehr bewegen als nur im kleinen Umfang rund um das Gebäude selbst.

Neue Halle für Devich in Hittisau: Errichtet wurde das Bauvorhaben in Mischbauweise aus Ortbeton, Fertigteilen, Stahl und Holz. Das gesamte Gebäude ist mit einer Holzfassade versehen. Fotos: Goldbeck

Baublatt: Wie stehen Sie zur vertikalen Begrünung von Fassaden?

Jörg-Uwe Goldbeck: Grüne Fassaden sind schön anzuschauen. Welchen Effekt sie tatsächlich auf den Klimaschutz haben, muss man mal durchrechnen. Wir haben in England einen „vertical garden“ an ein Parkhaus gebaut. Das sah zwar toll aus, war aber auch sehr teuer. So eine Fassade bietet Insekten eine Heimat und ist Nahrungsquelle für Vögel, aber der Beitrag zur CO2-Kompensation ist vermutlich eher überschaubar. Ich denke, da gibt es weitaus effektivere Möglichkeiten. Wir werden zum Beispiel im Südosten der USA einen Wald mit einer sehr langsam wachsenden endemischen Kieferart anlegen. Ich glaube, wir werden beim Thema Nachhaltigkeit als Organisation und als Gesellschaft vieles lernen und vielleicht auch mal eine festgelegte Meinung revidieren müssen.

Baublatt: Abschließend an Sie persönlich: Wie nachhaltig sind Sie selbst unterwegs? Fahren Sie vielleicht einen Tesla als Dienstwagen?

Jörg-Uwe Goldbeck: Ich bin in der Tat persönlich elektrisch unterwegs. Ob das wirklich ein wesentlicher Beitrag zur Nachhaltigkeit ist? Da bin ich noch etwas skeptisch. Ich versuche eher, mit Vorbildfunktion im Unternehmen voranzugehen. Das sehe ich als meinen persönlichen Beitrag an. Es sind viele kleine Schritte, die wir unternehmen. So werden in der Kantine regionale Produkte verarbeitet, wir halten Bienenstöcke an unseren Firmenstandorten und aus Betonresten entstehen Insektenhotels und Nistkästen. Manches mag Spielerei sein, aber es zeigt, dass Nachhaltigkeit wesentlicher Teil unseres Selbstverständnisses ist.

November – Dezember 2021

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