Vom Vollgas zur Vollbremsung: Diesen Weg beschritt dieMesse München. 2019 ging mit einem Umsatz von 474 Millionen Euro als das erfolgreichste Jahr in die bisherige Messegeschichte ein – nicht zuletzt dank der Rekord-bauma. Dann gelang Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, noch ein besonderer Coup. Er erhielt den Zuschlag für die IAA. Die Automobilmesse wird 2021 nicht mehr in Frankfurt, sondern in der bayerischen Landeshauptstadt stattfinden. Doch seit März kam es mit dem coronabedingten Lockdown zu einem Stillstand des Messegeschäfts. Großveranstaltungen durften bis Ende August 2020 nicht durchgeführt werden. Messen wie die IFAT wurden aufgrund der zunehmenden Ausbreitung des Coronavirus ausgesetzt. Mit dem Münchner Messechef Klaus Dittrich tauschten sich Michael Heidemann, der stellvertretenden Vorsitzende der Zeppelin Konzern-Geschäftsführung und Vorsitzender der Aufsichtsräte von Zeppelin Baumaschinen und Zeppelin Rental, sowie die Redaktion Baublatt über das Comeback, digitale Formate und die Bedeutung der bauma sowie deren künftige Ausrichtung aus.

Tauschten sich aus über das Comeback von Messen, digitale Formate und die Bedeutung der bauma: Klaus Dittrich (rechts) und Michael Heidemann.

Michael Heidemann: Sie waren erfolgsverwöhnt und haben einen Rekord nach dem anderen aufgestellt. Wie hart hat Sie die Corona-Pandemie getroffen?

Klaus Dittrich: Am 17. März ist das gesamte Unternehmen komplett ins Homeoffice gewechselt. Seit Juni fahren wir sukzessive wieder hoch und haben zwei Tage in der Woche Präsenz im Büro. Die Umsatzentwicklung ist durch die Absage aller Messen seit Anfang März dramatisch. Wir haben bis Mitte August 180 Millionen Euro an Umsatz verloren. Das sind die gesamten Personalausgaben für drei Jahre. 2020 hatten wir in der GmbH 300 Millionen Euro Umsatz geplant und davon ist mehr als die Hälfte weg. Deshalb sind wir mit mehr als der Hälfte der Mitarbeiter in Kurzarbeit. Ich glaube, nächstes Jahr wird es im ersten Quartal immer noch sehr schwierig sein. Wir haben schon jetzt etliche Absagen zu verzeichnen, etwa für die Messe BAU. Solange kein Impfstoff da ist, wird es sich noch etwas hinziehen. Wie läuft das Geschäft bei Ihnen?

Michael Heidemann: Bislang sind wir einigermaßen gut durch die Krise gekommen, weil die Bauindustrie noch gut läuft, aber auch wir verzeichnen einen deutlichen Umsatzeinbruch. Besonders betroffen ist unser Geschäftsbereich Power Systems und dort besonders stark das Geschäftsfeld Marinemotoren. Wir haben eine große Anzahl von Monteuren, die von Bremen und Hamburg aus Motoren und Antriebssysteme seegehender Schiffe und Binnenschiffe warten und reparieren. Da ist die Lage leider sehr angespannt. Unser Anlagenbau ist ebenfalls stark von der Pandemie und dem damit verbundenen Nachfrageeinbruch betroffen. Auch wir wurden völlig überrascht vom Coronavirus, mit dem keiner rechnen konnte. 2020 wollten wir an das Rekordjahr 2019 anknüpfen. Doch es kam ganz anders.

Baublatt: Herr Dittrich, Sie haben kurz skizziert, wie sehr die Messe München unter der Corona-Krise leidet. Was unternehmen Sie alles, um das Messegeschäft wiederzubeleben?

Klaus Dittrich: Für uns war es in diesem März eine harte Landung, nachdem wir 2019 ein absolutes Rekordjahr verbuchen konnten. Die bauma war einer der Umsatztreiber, aber auch Auslandsmessen waren sehr erfolgreich. Wir waren voller Zuversicht, dass es so weitergeht. Während der Sportmesse ISPO im Januar in München gab es die ersten Nachrichten über das Coronavirus in China. Das erste Warnsignal war dann die ISPO in Peking, die nicht stattfinden durfte. Aber als in Italien die ersten Fälle auftraten, war klar, dass wir reagieren mussten. Anfang März haben wir alle Veranstaltungen schnell absagen oder verschieben müssen. Es hat sich herausgestellt, dass bis Ende August Großveranstaltungen von den Behörden untersagt wurden. Wir haben dann versucht, den Behörden klarzumachen, dass das Oktoberfest etwas anderes ist als eine Fachmesse. Das wurde auch akzeptiert. Wir haben ein Schutz- und Hygienekonzept
entwickelt, das auf drei Säulen aufbaut: Erstens Abstand halten. Wo das nicht möglich ist, muss eine Maske Pflicht sein. Zweitens eine Registrierung aller Beteiligten für den Fall einer Infektion. Und drittens ein Hygienekonzept mit kürzeren Reinigungszyklen, Desinfektionsspendern und breiteren Abständen in den Gängen zwischen den Messeständen. Das Konzept ist grundsätzlich genehmigt worden. Die Trendset, eine Messe für Inneneinrichtung und Deko, war für uns die erste Messe seit Februar. Wir haben versucht, für abgesagte Messen digitale Plattformen zu etablieren. Das hat auch gut funktioniert. Wir machen da eine große Lernkurve. Der Schub der Digitalisierung ist unglaublich. Ich will jetzt nicht sagen, dass alles neu ist, aber durch die Corona-Krise wurde die Digitalisierung noch einmal radikal beschleunigt. Für unsere abgesagte Messe OutDoor hatten sich 1 500 Teilnehmer aus 40 Ländern für die Online-Konferenz registriert. Das ist ein erster Anfang. Aber das kann man sicherlich noch weiter optimieren.

Klaus Dittrich: „Allein die bauma bringt 1,5 Milliarden Euro für die Hotellerie, die Gastronomie, den Messestandbau, das Reise- sowie das Speditionsgewerbe und den Einzelhandel.“

Michael Heidemann: Zahlt sich das für Sie auch wirtschaftlich aus? Zahlen die Besucher einer virtuellen Messe auch Eintritt?

Klaus Dittrich: Wir probieren im Moment vieles aus. Wovon wir überzeugt sind: Das Digitale wird bleiben und noch stärker werden. Das gilt auch für die bauma. Dafür werden wir einige digitale Angebote vorbereiten. Da die bauma im Dreijahresrhythmus stattfindet, planen wir zwischen den stattfindenden baumas digitale Plattformen für die Branche, um sich zwischen den Messen zu informieren und auszutauschen.

Michael Heidemann: Wie muss man sich das vorstellen, wenn man zum Beispiel auf der bauma digital den Messestand von Caterpillar und Zeppelin in der Halle B6 besuchen möchte? Ist es nicht die Aufgabe des Ausstellers, seine Exponate und Dienstleistungen zu erklären.

Klaus Dittrich: Wir bieten eine Art digitale Showrooms an, die der Aussteller selbst gestalten kann. Einige sind Fans von 3D-animierten Nachbauten der Messestände. Schon auf der letzten bauma versuchten Aussteller reale und virtuelle Welt miteinander zu verbinden. Das wollen wir weiter vorantreiben, indem wir digital abbilden, was auf einem Messestand passiert. Dazu gehören natürlich Produktinformationen, die man dort bekommt und dass man sich das Produkt aus allen Perspektiven anschauen kann. Man hat die Möglichkeit, einen Termin auszumachen, um ein Gespräch mit einem Mitarbeiter zu führen. Das wird dann alles digital mit Inhalten gefüllt vom jeweiligen Aussteller. Das sind viele Dinge, die wir entwickeln. Wir beschäftigen uns schon seit fünf Jahren mit solchen Themen und haben einen eigenen Geschäftsbereich Digital dafür aufgebaut. Doch die Digitalisierung hat durch Corona einen unglaublichen Aufwind bekommen. Es ist auch interessant, wie die Kunden reagieren – etwa die Stadtreinigung Hamburg. Sie hat mich angeschrieben, weil die IFAT abgesagt wurde und mich informiert, dass sie stattdessen als Ersatz dafür eine virtuelle Messe planen. Unser Ziel ist nun: Selbst so gute Plattformen anzubieten, dass sie Kunden nutzen wollen, da sich unsere Messen wie die IFAT oder bauma etabliert haben. Wir wollen so die Branche wieder zusammenbringen.

Michael Heidemann: Das klingt wirklich interessant. Viele Aussteller verlegten bereits vor Corona einen Teil ihrer Produktpräsentationen auf Social-Media-Kanäle wie Youtube oder Facebook. Da stellt sich die Frage: Wird es Messen in der jetzigen Form denn überhaupt noch geben?

Klaus Dittrich: Ich glaube an die Zukunft der Messen. Corona hat den Beweis erbracht, als wir viel digital kommuniziert haben, dass wir auch in Zukunft die persönliche Begegnung brauchen. Das gilt vor allem für eine Messe wie die bauma. Man muss eine Baumaschine sehen und auf dem Fahrersitz Platz nehmen können. Das ist ein Unterschied, wenn man sie sich nur im Internet anschaut. Würden wir uns rein auf das Digitale konzentrieren, würde uns Menschen etwas fehlen.

Baublatt: Messebesuche konnten vor Corona vor allem durch ein persönliches Erlebnis punkten. Plötzlich sollen wir aber Abstand wahren, auf Hygiene achten und da, wo es eng wird, eine Maske tragen. Messekonzepte, die auf einen Massenansturm ausgerichtet waren, wie auf
der letzten bauma mit mehr als 620 000 Besuchern aus 200 Ländern, sind hinfällig und das Messeerlebnis, wie wir es bislang kannten, wird ein ganz anderes sein.

Klaus Dittrich: Messen in Zeiten von Corona sind nur mit Einhaltung besonderer Bedingungen möglich. Aber es geht nicht nur darum, das Infektionsrisiko auf der Messe zu senken. Entscheidend ist für eine internationale Leitmesse die Anreise der Besucher. Besucher aus dem Ausland werden derzeit gar nicht oder kaum zu einer Veranstaltung kommen können. Da ist die Mischung aus Präsenz vor Ort und digital perfekt. Man kann wohl davon ausgehen, dass ein Impfstoff zur bauma zur Verfügung steht. Trotzdem wird die bauma digitaler werden als bisher. Wir arbeiten zusammen mit dem VDMA an einem Konzept für eine digitale Plattform im Vorfeld der Messe.

Baublatt: Wie sind Ihre Erfahrungen mit digitalen Konferenzen und Plattformen, die Sie bieten, und gibt es hier Unterschiede bei den Teilnehmern, die digital unterwegs sind, zu denen, die live vor Ort eine Messe besuchen?

Klaus Dittrich: Wir stellen fest, dass sich in erster Linie Entscheider online informieren. Es wird sich allerdings kein Mensch zwei Tage vor den Rechner setzen, sondern man macht das selektiv. Deshalb überlegen wir uns, ob wir in Zukunft Zeitkontingente anbieten oder einzelne Pakete, die sich der Kunde individuell zusammenstellen kann. Interessant mag es auch sein, dass man sich im Nachgang noch mal eine Session anschaut oder herunterlädt, wenn man Zeit hat. Das sind Entwicklungsschritte, die wir uns genau anschauen. Im Moment lechzt jeder nach Austausch und Informationen. Der Genfer Autosalon war eine der ersten Veranstaltungen, die abgesagt wurden. Es war interessant, was man dort beobachten konnte, als ein deutscher Automobilhersteller stattdessen seinen Neuwagen virtuell präsentierte. Jeder, der schon mal sein Auto online konfigurierte, weiß, dass die Farbe am PC nicht mit dem Originallack auf der echten Karosserie übereinstimmt.

Michael Heidemann: „Ich hatte gehofft, dass die Krise kürzer ausfällt, aber sie wird uns doch alle härter treffen als gedacht.“ Fotos: Zeppelin/Sabine Gassner

Michael Heidemann: Bei unserem Baumaschinen-Konfigurator ist es etwas anderes. Da gibt es Cat Baumaschinen in Cat-Gelb und -Schwarz. Wenn unsere Kunden es wünschen, liefern wir die Geräte natürlich auch in jeder gewünschten Sonderfarbe. Allerdings versuchen wir, unsere Kunden zu überzeugen, sich doch lieber für die Originalfarbe von Caterpillar zu entscheiden, was sich auch beim späteren Wiederverkauf positiv bemerkbar macht. Unser Konfigurator wird seit 2017 sehr gut von unseren Kunden angenommen. Allerdings ersetzt er nicht das persönliche Beratungsgespräch. Kunden informieren sich über die Möglichkeiten unserer Baumaschinen im Konfigurator, aber das Verkaufsgespräch findet persönlich und im Moment eben verstärkt auch telefonisch statt.

Klaus Dittrich: Ich denke, in den nächsten Jahren wird es noch viele Entwicklungen im Bereich virtueller Realität geben, um Produkte zu präsentieren, damit man das Gefühl hat, in der Maschine zu sitzen – ein hundertprozentiger Ersatz wird es sicher nicht. Deswegen bin ich überzeugt, dass Messen Zukunft haben werden.

Baublatt: Wenn viele Leute aufeinandertreffen, kann sich schnell ein sogenannter Superspreading-Event entwickeln. Das wäre für die Messe München wie für jeden Aussteller ein Supergau, sollten sich auf einer Messe ganze Menschenmassen mit dem Coronavirus infizieren. Wie wollen Sie einen sicheren Messebesuch gewährleisten?

Klaus Dittrich: Der Besuch einer Messe darf nicht riskanter sein als der Besuch in einem Supermarkt, beim Bäcker oder im Heimwerkermarkt. Die Maßnahmen, die wir entwickelt haben, bieten größtmögliche Sicherheit vor Infektionen. Es gibt aktuell eine Begrenzung der Besucherzahlen. Im Moment sind es pro zehn Quadratmeter ein Besucher. Deswegen sind auch nur 3 700 Besucher bei der Expo Real zugelassen, weil es 37 000 Quadratmeter Bruttofläche sind. Ob sich das ändert, muss man schauen. Die Durchführung der bauma mit ihren hohen Besucherzahlen und dem großen Andrang wäre unter den heutigen Bedingungen sicher nicht vorstellbar.

Michael Heidemann: Sie haben jüngst vom ifo Institut ermitteln lassen, welche wirtschaftliche Bedeutung Messen und Kongresse der Messe München für die Wirtschaft im Allgemeinen haben. Wie viel Umsatz bleibt in der Stadt München beziehungsweise im Umland hängen, wenn eine Messe wie die bauma stattfindet?

Klaus Dittrich: Wir haben das ifo Institut beauftragt, die sogenannte Umwegrentabilität zu berechnen. Das machen wir alle sechs Jahre. Da liegen wir in einem durchschnittlichen Messejahr bei einem Gesamtumsatz von 3,3 Milliarden Euro. Allein die bauma bringt 1,5 Milliarden Euro für die Hotellerie, die Gastronomie, den Messestandbau, das Reise- sowie das Speditionsgewerbe und den Einzelhandel.

Michael Heidemann: Diese Bedeutung spürt man ja auch, wenn man mit Taxiunternehmen oder Hoteliers spricht. Sie sagen sogar: Die bauma übertrifft fast das Oktoberfest.

Klaus Dittrich: Ich hatte drei oder vier Wochen nach der letzten bauma einen Termin in einem Hotel in Salzburg. Da kam der Hoteldirektor auf mich zu und fragte mich: Wann ist die nächste bauma? Sie wirkt sich selbst bis nach Österreich aus.

Michael Heidemann: Was bedeutet ein Euro Messeumsatz dann für die Region?

„Wird es Messen in der jetzigen Form denn überhaupt noch geben?“, wollte Michael Heidemann (links), der stellvertretende Vorsitzende der Zeppelin Konzern-Geschäftsführung und Vorsitzender der Aufsichtsräte von Zeppelin Baumaschinen sowie von Zeppelin Rental, von Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, wissen. Seine Antwort: „Ich glaube an die Zukunft der Messen. Corona hat den Beweis erbracht, als wir viel digital kommuniziert haben, dass wir auch in Zukunft die persönliche Begegnung brauchen.“

Klaus Dittrich: Jeder Euro Umsatz bei der Messe München führt zu zehn Euro Umsatz bei Dritten. Rund 80 Prozent dieser Kaufkrafteffekte entfallen auf München (1,8 Milliarden Euro) und das übrige Bayern (0,8 Milliarden Euro). Im Rekordjahr 2019 lag die Umwegrentabilität sogar bei 4,3 Milliarden Euro.

Michael Heidemann: Das ist eine unglaubliche Zahl. Umgekehrt heißt das natürlich, dass der Region in der jetzigen Krise genau dieser Umsatz fehlt.

Baublatt: Sie sagten: Messen sind das beste Konjunkturprogramm. Ist eine Messe wie die bauma besser als eine Mehrwertsteuersenkung?

Klaus Dittrich: In meinen Augen: Ja! Denn sie beflügelt sowohl die Geschäfte für diejenigen, die an der Messe unmittelbar teilnehmen als auch für Dritte in der Region. Region heißt dabei nicht nur Stadt München oder das übrige Bayern, sondern das gesamte Bundesgebiet. Hier muss man sich nur die Logistik und die Transporte anschauen. Allein die Maschinentransporte sind unglaublich. Sie selbst wissen ja, mit wie viel Aufwand Sie Ihre Maschinen zum Messegelände bringen.

Michael Heidemann: Hier haben wir quasi einen Heimvorteil mit unseremSitz in Garching vor den Toren Münchens.

Klaus Dittrich: Sie zeigen auf der bauma aber auch Baumaschinen, die nicht nur in Deutschland verkauft werden.

Michael Heidemann: Ja, das stimmt. Der Großteil der von uns ausgestellten Baumaschinen ist aber für den Markt in Zentraleuropa bestimmt. Wir gehen bei unseren Exponaten aber auch genau an die Grenze, was in Europa gerade noch gut verkauft werden kann, wie ein Cat Muldenkipper 777, ein Cat Kettendozer D11 oder ein Cat Radlader 992.

Baublatt: Die bauma im April 2022 wird Ihre letzte Messe sein. Sie haben angekündigt, danach mit 67 Jahren in den Ruhestand zu gehen. Die letzte bauma war eine Messe der Rekorde. Wie werden Sie Ihre letzte bauma vor
diesem Hintergrund und angesichts von Corona ausrichten?

Klaus Dittrich: Momentan weiß keiner, wie es weitergeht, was nächste Woche, in einem Monat oder in einem Jahr sein wird. Ich glaube, die Wirtschaftskrise ist noch gar nicht da, sie kommt erst noch. Daher muss man derzeit auf Sicht fahren. Wir werden alles tun, damit die bauma ihre einzigartige Stellung in der weltweiten Messelandschaft behält. Sie wird digital angereichert. Da ist Zeppelin nicht ganz unschuldig daran. Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit Ihrem Geschäftsführer-Kollegen, Herrn Gerstmann, und Ihnen, Herr Heidemann. Sie fragten mich vor der letzten bauma, wie schaut denn Ihrer Meinung nach die bauma in 20 Jahren aus? Im Brustton der Überzeugung habe ich damals gesagt: Baumaschinen kauft man doch nicht im Internet, die muss man sich in echt
anschauen. Sie haben dann erwidert: Wir verkaufen Minibagger und Gebrauchtmaschinen heute schon online. Das hat mir sehr zu denken gegeben und mich motiviert, nachzudenken, digitale Angebote zu entwickeln – bei aller Begrenzung, die das Digitale hat. Ich denke, es gibt viele Vorteile, etwa, was die Verfügbarkeit anbelangt oder die Informationsbeschaffung, das Netzwerken oder Menschen zu unterstützen, sich auf dieser riesigen Messe zurechtzufinden, Kontakte zu knüpfen oder einen Plan zu machen.

Michael Heidemann: Ich war sehr positiv überrascht, wie gut die Onlineregistrierung der Besucher zur letzten bauma klappte.

Klaus Dittrich: Das freut mich zu hören. Da ist noch deutlich mehr Potenzial, etwa den Besucher noch präziser anzusprechen. Die Messen werden digitaler werden. Es ist die Devise: Das Beste beider Welten
miteinander zu verbinden.

Michael Heidemann: Das gilt momentan auch für uns und für viele andere Unternehmen. Auch wir wollen aus der analogen und digitalen Welt das Beste zusammenbringen, um langfristig unseren Erfolg abzusichern.

Baublatt: Die bauma ist eine unglaubliche Erfolgsstory geworden. baumas gibt es inzwischen nicht nur in München, sondern auch in China, Indien, Südafrika und Russland. Doch warum ist die bauma in München bislang in ihrer Stellung unerreichbar?

Klaus Dittrich: Die regionalen Messen richten sich an regionale Märkte. Die internationalen Aussteller zeigen dort nicht ihr ganzes Portfolio, sondern das, was zur jeweiligen Region passt. Auf der bauma in München werden weltweit die neuesten Innovationen präsentiert. Da ist sie mit ihrem Dreijahresturnus perfekt aufgestellt.

Michael Heidemann: Das ist eine große Auszeichnung für die bauma und die Messe München. Es zeigt ihre hohe Attraktivität. Auch unser Herstellerpartner Caterpillar zeigt auf der bauma immer die allerneuesten Produkte und die aktuellen Serviceinnovationen rund um die Baumaschine sowie den Diesel- und Gasmotor.

Klaus Dittrich: Wir spüren hier natürlich auch eine hohe Verantwortung, der wir gerecht werden müssen. Wir haben auf der bauma Besucher aus 200 Ländern – mehr als die Anzahl derMitglieder der Vereinten Nationen. Das Netzwerk wollen wir weiterentwickeln. China ist aktuell der am besten funktionierende Markt. In Indien ist die Baumaschinenmesse verschoben worden auf Anfang nächsten Jahres wegen Corona.

Michael Heidemann: Es ist schon bemerkenswert, dass Sie mit der bauma international unterwegs sind und dass man eine Messe sozusagen exportieren kann. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Klaus Dittrich: Die Idee entstand kurz nach dem Umzug auf das neue Messegelände in Riem im Jahr Kunden hatten das initiiert. Sie fragten an, ob wir solche Qualitätsplattformen nicht auch in China oder in anderen Wachstumsmärkten anbieten könnten. Das war der Auslöser, Kunden dorthin zu begleiten. Aber es war nicht einfach, unsere Gesellschafter davon zu überzeugen. Schließlich sind damit auch Risiken verbunden, wenn es nicht funktioniert. Aber man hat verstanden, dass das Messegeschäft heute global ist. Und wir konnten belegen: Waren wir in einem Wachstumsmarkt aktiv, sind auch die Teilnehmerzahlen an den Veranstaltungen in München aus diesen Regionen nach oben gegangen. Wer auf der bauma China war, sagte sich: Ich will mal das Original sehen. Der Standort München hat also auch davon profitiert. Das Auslandsgeschäft ist sehr ertragreich. Unsere beiden neuen Messehallen C5 und C6 konnten wir auch aus den Erträgen des Asiengeschäfts finanzieren.

Michael Heidemann: Ihnen ist ja ein gigantischer Coup gelungen: Die IAA, das Flaggschiff der Automobilindustrie, nach München zu holen. Herzlichen Glückwunsch zu diesem großen Erfolg. Was gab den Ausschlag, sich hier durchzusetzen?

Klaus Dittrich: Die IAA hat in den letzten Jahren sehr gelitten und Besucher sowie viele Aussteller verloren. So war es für den Veranstalter klar: Man muss einen neuen Weg gehen, sonst droht der IAA das gleiche Schicksal wie der Cebit und sie verschwindet womöglich ganz. Es war eine mutige Entscheidung, sich neu zu positionieren und keine reine Automobilmesse zu machen. Zukünftig sollen alle Facetten der Mobilität dargestellt werden. Ein kluger Schachzug war auch, die Messe neu auszuschreiben. So haben sich sieben deutsche Städte beworben. München hat viele Mobilitätsunternehmen, nicht nur BMW, sondern auch im Lkw-Bereich sowie viele Zulieferer, wie Webasto. Es gab einen engen Schulterschluss mit der Staatsregierung und der Stadt München, die uns sehr aktiv bei der Bewerbung unterstützt haben.

Baublatt: Hat es geholfen, dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder 15Millionen Euro bereitstellen wird?

Klaus Dittrich: Das wird gerne kolportiert. Die 15 Millionen Euro gehen aber weder an die Messe München noch an den VDA, sondern sollen dem Standort München zugutekommen. Sie werden in innovative Mobilitätskonzepte investiert, etwa in Ladesäulen für Elektrofahrzeuge, Wasserstofftankstellen oder in eine Blue-Lane, auf der emissionsarme Fahrzeuge vorrangig vom Messegelände in die Innenstadt bewegt werden
dürfen. Das soll ausprobiert werden. Wenn es sich bewährt, wird es dauerhaft erhalten bleiben. Neu ist auch: Die IAA soll sich nicht nur in den Messehallen abspielen, sondern in der Stadt an ausgewählten Plätzen Mobilität der Zukunft, wie etwa autonomes Fahren, erlebbar machen. Außerdem werden Messeauftritte limitiert werden. Es wird eine Flächenbegrenzung von 2 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche
pro Aussteller geben.

Michael Heidemann: Gibt es eine Prognose, wie viele Besucher 2021 auf der IAA erwartet werden?

Klaus Dittrich: Noch nicht. Entscheidend ist am Anfang die Qualität und nicht, dass wir neue Rekorde brechen und die Marke von 500 000 übertreffen. Es sollen vor allem junge Leute angesprochen werden. Man will Start-ups einbinden – gerade in München gibt es eine sehr lebendige Start-up-Szene zur Mobilität. Man will sich öffnen und auch Kritiker einladen, um Mobilität in allen Facetten zu beleuchten. Wenn uns das gelingt, wird die ganze Welt auf München schauen.

Baublatt: Sie wirkten in den 90er-Jahren als Mitglied des Stadtrates der Landeshauptstadt München im Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung an der Vorbereitung des neuen Messegeländes mit. Die Entscheidung, ein neues Messegelände auf dem alten Flughafen Riem zu bauen, stufen Sie als absolut richtungsweisend ein, weil sonst München im internationalen Messegeschäft keine Rolle mehr spielen würde und es keine bauma gäbe, wäre man auf dem alten Gelände auf der Theresienhöhe geblieben. Gleichzeitig kommen Ihnen Zweifel, ob heute noch eine Mehrheit für so eine 1,2-Milliarden Euro-Investition zustande käme. Woran machen Sie das fest?

Klaus Dittrich: Wir haben uns sehr für die Bewerbung um die Olympischen Winterspiele engagiert. München wäre damit die erste Stadt gewesen, die dann beides, also Olympische Sommer- und Winterspiele ausgetragen hätte. Jetzt macht es Peking. Blenden wir mal die Situation um Corona aus. Ich finde, dass München manchmal etwas zu selbstverliebt ist. Uns geht es hervorragend und diese Lage soll wie unter einer Käseglocke konserviert werden. Doch man vergisst, dass man schnell ins Hintertreffen gerät, wenn man am Status quo festhält. Eine positive Seite von Corona ist und darauf hoffe ich, dass die Menschen es mehr zu schätzen wissen, wo wir leben. In Deutschland können wir glücklich sein, so durch diese Krise zu kommen. Wir waren erfolgsverwöhnt. Ein Drittel unserer Mitarbeiter hat noch nie eine Krise erlebt und es fällt natürlich schwer, sich darauf einzustellen und entsprechende Lehren daraus zu ziehen, um mit dieser Unsicherheit umzugehen. Für mich ist es wiederum auch eine große Chance, die Weichen neu zu stellen.

Michael Heidemann: Ich hatte gehofft, dass die Krise kürzer ausfällt, aber sie wird uns doch alle härter treffen als gedacht. Wie stufen Sie denn das Krisenmanagement der deutschen Bundesregierung und das im Freistaat Bayern ein?

Klaus Dittrich: Erst einmal habe ich allergrößten Respekt, wie das von der Politik gemacht wurde. Denn es ist nicht einfach, die richtigen Entscheidungen in dieser Situation zu treffen, die wir noch nie zuvor erlebt haben. Zumal die Wissenschaftler mit ihren Meinungen teilweise völlig konträr waren. Ein Problem ist sicherlich die föderale Struktur. Die führt doch zu einem gewissen Flickenteppich aus Regularien. Ich finde aber, Angela Merkel hat die Fäden gut zusammengehalten und ihre Möglichkeiten als Bundeskanzlerin gut genutzt. Ich bin froh, dass ich in Bayern lebe. Hier wurde konsequent reagiert. Corona hat aber auch aufgezeigt, dass der Staat einen großen Nachholbedarf hinsichtlich Digitalisierung hat, vor allem bei unseren Schulen. Sie waren völlig unvorbereitet.

Baublatt: Welche Lehren ziehen Sie denn persönlich aus der Krise?

Klaus Dittrich: Man hat ein Stück weit innegehalten und darüber nachgedacht, ob die Art und Weise, wie wir leben, die allein glückselig machende ist. Ich werde nicht mehr für ein vierstündiges Meeting nach Schanghai fliegen, sondern versuchen, an einer solchen Besprechung digital teilzunehmen. Natürlich wird es Termine geben, wo man präsent sein muss – gar keine Frage. Aber ich werde sorgsamer damit umgehen. Ich denke, man wird auf seine Gesundheit besser achten. Und bei der Messe München sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Stück enger zusammengerückt. Wichtig ist: Wir müssen sehr kreativ sein, um aus dieser Krise wieder herauszukommen.

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