Vorausgegangen war ein Riss in einem Schienenrad, der 2009 in Italien zu einem schweren Eisenbahnunfall führte. Um die Sicherheit bei der Instandhaltung im Eisenbahnbetrieb zu erhöhen, wurden auf europäischer Ebene einheitliche Regeln für die sogenannten „für die Wartung verantwortlichen Stellen“ – ECM – Entities in Charge of Maintenance – eingeführt. Die dafür nötige Zertifizierung ist in der Verordnung 2019/779 geregelt, welche die Anforderungen dafür vorgibt. Seit Mitte Juni dieses Jahres fallen auch Cat Zweiwegebagger M323F darunter, wenn sie im öffentlichen Streckennetz verkehren. Im Fahrzeugeinstellungsregister (NVR) des Eisenbahn-Bundesamtes ist jedem Zweiwegebagger eine ECM zugewiesen. Das dort benannte Unternehmen ist verantwortlich für alle Aktivitäten im Rahmen der Wartung und Instandhaltung der jeweiligen Maschine und muss jetzt dafür zertifiziert sein. Zeppelin kann in Deutschland die dafür nötige Zertifizierung für Instandhaltungsmaßnahmen an Cat Zweiwegebaggern vorweisen und Aufgaben im Auftrag der für die Instandhaltung zuständigen Stelle wahrnehmen. Was daraus für die Praxis und den Betrieb folgt, erklären Frank Ullmann, Leiter Integrierte Managementsysteme, und Jörg Saake, Sales Manager Rail Road, von der Zeppelin Baumaschinen GmbH.

Baublatt: Müssen Kunden in Zukunft jemanden wie Zeppelin hinzuziehen, der ECM-zertifiziert ist, wenn Instandhaltungsmaßnahmen an Cat Zweiwege-baggern anstehen, oder können sie das weiterhin selbst machen?

Frank Ullmann: Grundsätzlich besteht das Instandhaltungssystem zur Zertifizierung von ECM gemäß der EU-Richtlinie 2016/798 über Eisenbahnsicherheit sowie der EU-Verordnung 2019/779 aus vier Funktionen: Man unterscheidet zwischen der Managementfunktion (ECM I), der Instandhaltungsentwicklungsfunktion (ECM II), der Fuhrpark-Instandhaltungsmanagementfunktion (ECM III) und der Instandhaltungserbringungsfunktion (ECM IV). Die Funktionen II bis IV kann ein externer Dienstleister ausführen. Das ist für ein Bauunternehmen mit wenigen Schienenfahrzeugen wie Zweiwegebaggern oder Transportanhängern durchaus interessant, denn der Aufwand für eine Zertifizierung ist nicht unerheblich. Gegenwärtig ist das Instandhaltungssystem bei Zeppelin ausschließlich auf eigene Schienenfahrzeuge sowie Dienstleistungen an Kundengeräten ausgerichtet.

Baublatt: Warum reicht es nicht aus, Instandhaltungsmaßnahmen an Zweiwegebaggern durchzuführen, sondern warum muss derjenige dafür besonders zertifiziert sein?

Jörg Saake: Grundlage und verbindlich ist in Zukunft ein ECM-System zur Zertifizierung für die Wartung verantwortlicher Stellen für alle Schienenfahrzeuge. Die Übergangsfrist hierzu lief mit dem 15. Juni dieses Jahres aus. Ziel der EU-Verordnung ist ein einheitliches Sicherheitsniveau bei der Instandhaltung von Schienenfahrzeugen und damit des Eisenbahnbetriebs im Geltungsbereich der Verordnung.

Baublatt: Inwiefern kann eine Zertifizierung für mehr Sicherheit sorgen?

Jörg Saake: Als Schienenfahrzeug wird ein ICE oder ein Zweiwegebagger eingestuft. Subjektiv gesehen mag es bezogen auf die Sicherheit ein Un-terschied sein, ob man verantwortlich ist für die Instandhaltung eines ICE, der mit 300 km/h und Fahrgästen an Bord unterwegs ist, oder für einen Zweiwegebagger, der sich mit maximal 20 km/h über das Gleis bewegt. Doch auch von ihm kann eine Gefahr ausgehen, wenn die Prozesse für einen sicheren Betrieb nicht stimmen – vielleicht ist die Gefahr sogar größer als bei einem ICE. Daher ist es nur folgerichtig, dass die bereits vor 2019 bestehende Verordnung auf alle Schienenfahrzeuge ausgeweitet wurde, die bis dahin nur für ECM von Güterwagen bestand. Denn die Instandhaltung von Schienenfahrzeugen ist eine komplexe Materie, was nicht zuletzt auch an der Vielzahl von Akteuren liegt, wie Eigentümer, Betreiber und Dienstleister.

Zeppelin kann in Deutschland die ECM-Zertifizierung für Instandhaltungsmaßnahmen an Cat Zweiwegebaggern vorweisen. Foto: Zeppelin

Baublatt: Wer darf bei Zeppelin in Zukunft an Zweiwegebaggern von Cat schrauben, diese warten und instand halten?

Frank Ullmann: Zunächst müssen wir hier unterscheiden, wo unsere Zweiwegebagger eingesetzt sind. Denn die genannten Vorschriften gelten rein für das sogenannte „übergeordnete Schienennetz“. Dieses Netz stellt – einfach formuliert – das Schienennetz dar, in dem der öffentliche Eisenbahnverkehr stattfindet. Das ist in der Regel die Normalspur. Betriebsbahnnetze oder Straßenbahnnetze unterliegen üblicherweise nicht diesen Vorschriften, von daher gibt es dort auch keine solchen Einschränkungen durch den Gesetzgeber. Im Geltungsbereich von ECM müssen wir weiterhin differenzieren zwischen Maschinen, die sich in unserem Eigentum befinden. Dazu zählen etwa Demogeräte, die wir für Vorführungen bei Kunden auf Baustellen einsetzen. Für unsere eigenen Zweiwegebagger sind wir als ECM im Fahrzeugeinstellungsregister (NVR) des Eisenbahn-Bundesamtes eingetragen. Das bedeutet, dass wir uns entsprechend der EU-Verordnung zertifizieren müssen und uns verbindlich an die Vorgaben gemäß unserem zertifizierten Instandhaltungssystem halten. Anders ist die Situation bei Kundengeräten, für die wir Service-Dienstleistungen erbringen. Hier ist zunächst die jeweils eingetragene für die Wartung verantwortliche Stelle (ECM) für die Umsetzung eines Instandhaltungssystems zuständig. Entsprechend der EU-Verordnung muss sich diese davon überzeugen, dass wir als Auftragnehmer die grundlegenden Anforderungen aus der Verordnung erfüllen. Eine Zertifizierung unsererseits dafür ist nicht zwingend vorgeschrieben, jedoch wird das von vielen unserer Kunden erwartet.

Baublatt: Was umfasst die erfolgte Zertifizierung aktuell genau?

Frank Ullmann: Die erfolgte Erstzertifizierung betrifft zunächst nur die zentralen Funktionen sowie die Instandhaltungserbringung durch unsere Niederlassung in Frankenthal. Das bedeutet aber nicht, dass alle anderen Niederlassungen davon ausgeschlossen sind. Im Augenblick beginnen die Vorbereitungen zur Zertifizierung weiterer Niederlassungen in allen Wirtschaftsräumen, sodass wir hoffentlich zum Jahresende ein flächendeckendes Netz in Deutschland vorweisen können. Darüber hinaus können auch nicht zertifizierte Niederlassungen Dienstleistungen erbringen, sofern involvierte Mitarbeiter zum Instandhaltungssystem geschult sind, und die daraus resultierenden Anforderungen einhalten. Über interne Sicherheitsaudits werden wir diese Niederlassungen regelmäßig auf Konformität prüfen und dies auch entsprechend dokumentieren.

Baublatt: Wie oft muss Zeppelin das Audit für die Zertifizierung wiederholen?

Jörg Saake: Unser Zertifikat ist gültig bis Juni 2027, also für einen Zeitraum von fünf Jahren. Allerdings müssen wir uns in jedem Jahr einem so-genannten Überwachungsaudit unterziehen. 2023 wird das am 23. April fällig. Weiterhin müssen wir auf der Grundlage der EU-Verordnung eigene Audits zu festgelegten Themen durchführen und dokumentieren.

Baublatt: Welche Schulungsmaßnahmen erhalten Zeppelin Monteure, damit sie fachgerechte Wartungen an Zweiwegetechnik durchführen dürfen?

Jörg Saake: Bereits seit mehreren Jahren finden in unserem Schulungszentrum in Kaufbeuren fachspezifische Schulungen zu den Cat Zweiwegebaggern M323F statt. Stand heute sind 87 Servicetechniker ausgebildet. Gemeinsam mit der Deutschen Bahn bauen wir gegenwärtig auch Fachkompetenz im Be-reich der Wartung und Instandhaltung der Bremssysteme dieser Geräte auf, da hier spezielle Anforderungen berücksichtigt werden müssen. Hierfür sind gegenwärtig 21 Servicetechniker ausgebildet. Selbst-verständlich sind diese Mitarbeiter auch grundsätzlich für Arbeiten im Gleis unterwiesen.

Mehr Sicherheit auf der Schiene: Dafür soll die Instandhaltung von Schienenfahrzeugen sorgen. Eine komplexe Materie, nicht nur für die Halter von Zweiwegebaggern, sondern auch für Techniker, wenn sie Störungen rechtzeitig erkennen und Schäden abwenden sollen. Deswegen wird nun die ECM-Zertifizierung für die an der Instandhaltung von Eisenbahnfahrzeugen beteiligten Stellen verpflichtend.

Baublatt: Wo sind Grenzen bei Instandhaltungsarbeiten gesetzt, wenn die Zertifizierung in niedrigeren Stufen als 4 vorliegt, wie sie Zeppelin hat?

Frank Ullmann: Die Instandhaltung im Bahn-betrieb wird nach fünf Stufen unterteilt. Level 4 umfasst dabei alle Tätigkeiten einschließlich der großen Instandhaltungsmaßnahmen. Das wird allgemeine Überholung genannt und dazu zählen modulare Teilsysteme oder das komplette Fahrzeug. Zeppelin ist befugt, sämtliche Arbeiten an den Cat Zweiwegebaggern in eigener Verantwortung durchzuführen. Davon sind Arbeiten ausgenommen, die eine weitere Zertifizierung nach anderen Normen voraussetzen. Hierzu zählen Schweißarbeiten an sicherheitsrelevanten Teilen (EN15085), bestimmte Klebeverfahren (DIN 6701) und zerstörungsfreie Werkstoffprüfung (DIN EN ISO 9712).

Baublatt: Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn die Zertifizierung fehlt oder jemand an einem Zweiwegebagger schraubt, der die Zertifizierung nicht vor-weisen kann?

Jörg Saake: Jedes Schienenfahrzeug, das auf dem sogenannten übergeordneten Netz eingesetzt wird, muss im Fahrzeugeinstellungsregister (NVR) der Bundesrepublik Deutschland eingetragen sein. Dort sind auch der Halter und die für die Wartung verantwortliche Stelle zu hinterlegen. Diese muss sich verpflichtend nach der EU-Verordnung zertifizieren lassen. Bleibt das aus und kommt es zu einem Störfall im Eisenbahnbetrieb oder gar Unfall, der ursächlich auf die Tätigkeit der ECM zurückzuführen ist, kann das juristische Konsequenzen zur Folge haben.

Wesentliches Ziel der Richtlinie der EU zur Eisenbahnsicherheit aus 2016 und der Verordnung für ein System zur Zertifizierung von ECM aus 2019 ist die Gewährleistung eines höchstmöglichen Sicherheitslevels.

Baublatt: Gilt denn die Zertifizierung weiterhin, wenn Kunden Umbauten an dem Zweiwegebagger vornehmen?

Frank Ullmann: Gegenstand des Audits sind nicht Zweiwegebagger, sondern die Instandhaltungssysteme der Halter beziehungsweise der von den Haltern eingesetzten für die Wartung verantwortlichen Stellen. Trotzdem hat diese Frage ihre Berechtigung. Wesentliches Ziel der Richtlinie der EU zur Eisenbahnsicherheit aus 2016 und der Verordnung für ein System zur Zertifizierung von ECM aus 2019 ist die Gewährleistung eines höchstmöglichen Sicherheitslevels. Aus diesem Grund rücken auch Änderungen an Schienenfahrzeugen und wie sie zu beurteilen sind in den Fokus. Grundsätzlich sind für jedes Schienenfahrzeug sicherheitskritische und sicherheitsrelevante Komponenten definiert, so auch für den Cat Zweiwegebagger. Zu finden sind diese etwa in unserem ECM-Handbuch. Kommt es zu Änderungen an Komponenten, muss eine Risikobewertung erfolgen, was im ECM-Handbuch eben genau beschrieben ist. Ergibt ein solches Verfahren, dass Änderungen sicherheitsrelevant oder gar signifikant sind, dürfen diese nur umgesetzt werden, wenn das damit einhergehende Sicherheitsrisiko durch entsprechende Maßnahmen so weit reduziert wird, dass es als unbedenklich eingestuft wird. Unter Umständen müssen dafür auch externe Fachexperten hinzugezogen werden. Wir dürfen eines nicht vergessen: Der Cat Zweiwegebagger ist in seiner Bauart durch das Eisenbahn-Bundesamt abgenommen. Änderungen gleich welcher Art dürfen dieser Abnahme nicht zuwiderlaufen.

Baublatt: Ähnlich verhält es sich dann auch bei besonderen Anbaugeräten und Schnellwechslern?

Frank Ullmann: Sofern kein Eingriff in Systeme des Zweiwegebaggers erforderlich ist, steht dem nichts entgegen. Wird jedoch ein Eingriff nötig, gilt Gleiches wie für bereits beschriebene Umbauten.

Baublatt: Welche Rechte und Pflichten sind mit der Zertifizierung für den Halter von Zweiwegebaggern verbunden?

Jörg Saake: Wir dürfen nun mit dem Zertifikat werben, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass wir die Vorgaben als ECM für Schienenfahrzeuge, die sich aus der EU-Richtlinie 2016/798 über Eisenbahnsicherheit sowie der EU-Verordnung 2019/779 für ein System zur Zertifizierung von ECM ergeben, einhalten. Durch die erfolgreiche ECM-Zertifizierung steht Zeppelin Kunden auch zukünftig kompetent sowie beratend zur Seite und kann damit auch ECM-konforme Abläufe sicherstellen. Beauftragen jedoch unsere Kunden für benannte ECM-Dienstleistungen einen Dritten, der nicht zertifiziert ist, muss der Halter des Zweiwegebaggers sich davon überzeugen, dass der Auftragnehmer die Mindestanforderungen an die Sicherheit im Eisenbahnverkehr betreffend erfüllt. Ist der Auftragnehmer zumindest nach der Instandhaltungserbringungsfunktion zertifiziert, ist das natürlich nicht erforderlich.

Juli – August 2022

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