Stehen wir bald vor leeren Supermarktregalen und drohen uns die gleichen Versorgungsengpässe wie in England? Dort sind durch den Brexit und durch die Corona-Pandemie tausende Brummifahrer in Richtung Polen abgewandert und liefern keinen Nachschub mehr. Dass ein Fahrermangel auch uns hart treffen könnte, treibt viele Unternehmen um, die Material und Güter transportieren müssen. Sie sorgen sich, dass unser Wirtschaftsaufschwung in Gefahr ist, weil Lkw-Fahrer fehlen und die Lieferketten gestört sind. Auch auf deutschen Baustellen geht das Personal aus. Das hat eine Umfrage des ifo Instituts ergeben. Im Hochbau hatten im September 33,5 Prozent der Betriebe Probleme, Fachkräfte zu finden. Im Tiefbau klagten sogar 37,9 Prozent der Firmen über einen Mangel an geeigneten Bewerbern. Die Folge sind lange Wartezeiten, die Bauherren in Kauf nehmen müssen, bis Baufirmen Aufträge ausführen können. Die Rede ist von zehn bis 15 Wochen Verzögerungen bei Bauvorhaben. Aufgrund der Altersstruktur der heutigen Erwerbstätigen dürfte sich der Fachkräftemangel weiter zuspitzen.

„Neben Materialengpässen wird der Fachkräftemangel immer mehr zum Problem für die Bauwirtschaft. Und das bei vollen Auftragsbüchern“, macht ifo- Forscher Felix Leiss deutlich. Im Tiefbau haben die Auftragsbestände eine Reichweite von 3,8 Monaten, im Hochbau sogar 5,2 Monate, das ist ein Rekordwert. „Rein betriebswirtschaftlich betrachtet, ist mir das ein Rätsel. Da herrscht absolute Partystimmung in der Baukonjunktur – übrigens in Zeiten der Pandemie – und die Unternehmen sind nicht in der Lage, sich darüber zu freuen und Honig zu saugen“, bemerkt Carsten Burckhardt, im Bundesvorstand der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) für das Bauhauptgewerbe zuständig. Stattdessen sorgten sich die Betriebe um die Altersstruktur ihrer Belegschaft. Rund ein Viertel der gewerblichen Arbeitnehmer am Bau ist älter als 55 Jahre. Carsten Burckhardt von der IG BAU rät dazu, Arbeitsbedingungen nachhaltig zu verbessern und nicht mehr zu jammern. „Fachkräftemangel, Fachkräftemangel, Fachkräftemangel. Ich kann das ewige Gejammer der Bauunternehmer nicht mehr hören. Ja, es gibt Lösungen dazu, und die Unternehmen haben es selbst in der Hand, gut ausgebildete Arbeitskräfte zu halten und sogar zu gewinnen. Statt die Schuld im gesellschaftlichen Ansehen zu suchen oder den Menschen vorzuwerfen, sie wollten sich die Hände nicht mehr schmutzig machen und lieber Instagram-Stars werden, sollten die Betriebe lieber Lohn- und Gehaltstarifverträge einhalten. Die Betriebe, die das machen, haben keine oder zumindest weniger Probleme.“

„Neben Materialengpässen wird der Fachkräftemangel immer mehr zum Problem für die Bauwirtschaft. Und das bei vollen Auftragsbüchern“

Felix Leiss, ifo- Forscher

Der Fachkräftemangel wird durch den demografischen Wandel mittelfristig verstärkt. Bereits vor Corona konnten Unternehmen knapp 80 Prozent ihrer offenen Stellen nur schwer besetzen. Dies sind Ergebnisse des Personalarbeitsindex 2021 des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA), für den insgesamt 1 433 Unternehmen zum Thema „Strategische Personalarbeit und Employer Branding“ befragt wurden. Dabei kam heraus, dass insbesondere kleine Unternehmen nicht ausreichend auf die Folgen des demografischen Wandels vorbereitet sind, weil sie keine vorausschauende Nachwuchsplanung betreiben und es ihnen bei der Personalarbeit an finanziellen Mitteln fehlt. In 91 Prozent der kleinen und knapp 62 Prozent der mittleren Unternehmen ist die Geschäftsführung neben vielem anderen auch für das Personalwesen zuständig. Gerade diese Unternehmen könnten stark profitieren, wenn sie ihre Arbeitgebermarke entwickeln. Studienautorin Sibylle Stippler vom KOFA glaubt: „Vor allem kleine Unternehmen verpassen die Chance, sich über Stellenausschreibungen als attraktive Arbeitgeber zu positionieren. Unsere Studienergebnisse belegen zudem, dass nur knapp 15 Prozent der befragten Unternehmen auf einer eigenen Karrierewebsite über sich als Arbeitgeber informieren. Dabei können Betriebe von einer starken Arbeitgebermarke im Rekrutierungsprozess auf dem Arbeitsmarkt sehr profitieren.“

Dass der Nachwuchsmangel keine spontane Entwicklung ist, sondern sich seit geraumer Zeit ankündigt, weiß auch der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Bereits heute fehlen 60 000 bis 80 000 Berufskraftfahrer. Jedes Jahr gehen dagegen 30 000 von ihnen in Rente, demgegenüber stehen nur rund 17 000 neue Berufseinsteiger. Es wird somit immer schwieriger, die Lücke durch Nachwuchskräfte zu schließen, die Fahrer hinterlassen, wenn sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Dem BGL zufolge steht Deutschland in zwei bis drei Jahren ein Versorgungskollaps bevor, ähnlich wie in England, wenn nichts passiert. Allerdings hat auch der BGL keine Patentlösung parat, die er empfehlen kann. Vielmehr müssen unterschiedliche Maßnahmen auf europäischer und nationaler Ebene kombiniert werden, so der Verband. Er empfiehlt einen Aktionsplan zügig umzusetzen: Es müsse mehr Wertschätzung geben und sich das Berufsimage wandeln. So läuft alles darauf hinaus Berufe attraktiver für das Personal zu machen. Wer will heute jeden Abend entfernt von der Familie auf Raststätten, Parkplätzen, Autohöfen oder sonstigen Abstellorten entlang der deutschen Autobahnen übernachten müssen? Dabei werden noch nicht mal alle fündig: Sie müssen gar ihr Fahrzeug auf dem Standstreifen oder in Ausfahrten von Rastanlagen parken und bringen nicht nur sich selbst, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr. Wichtig seien darum laut BGL bessere Arbeitsbedingungen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, fallen in Deutschland die Bruttoverdienste für Fachkräfte im Gütertransport jedoch verhältnismäßig gering aus: 2020 erhielten sie in Vollzeit durchschnittlich 14,21 Euro die Stunde. Angelernte Kräfte erhielten im Schnitt 12,91 Euro. Zum Vergleich: Ein gelernter Facharbeiter/Spezialbau-Facharbeiter (mit dreijähriger Berufsausbildung) hat nach Tarifvertrag im Westen seit diesem November zwischen 19,66 Euro und 21,48 Euro pro Stunde zu erhalten. Im Osten Deutschlands zwischen 18,83 Euro und 20,53 Euro. „Als IG BAU sind wir sicher, dass, wenn diese Löhne – vor allem im Handwerk – gezahlt werden, mehr Beschäftigte sich für das Handwerk interessieren und der Branche treu bleiben. Wenn dann noch ordentliche, moderne, familienfreundliche Arbeitsbedingungen angeboten werden, dann ist die Branche so richtig sexy und wettbewerbsfähig gegenüber anderen Branchen“, glaubt Carsten Burckhardt.

Darüber hinaus sind Unternehmen gut beraten, bei der Rekrutierung am Ball zu bleiben – und immer öfter auch ihr Personal auswärts zu gewinnen. Die Servicestelle IQ-Service MINT im Institut für Entwicklung durch Qualifizierung (EQUAL) an der Hochschule Kaiserslautern unterstützt sie beispielsweise darin, internationale Fachkräfte zu suchen. „Die Firmen profitieren nicht nur vom dringend benötigten technisch-naturwissenschaftlichen Know-how der Zugewanderten, sondern auch von weiteren Kompetenzen“, ist EQUAL-Leiter Professor Antoni Picard überzeugt. Hohe Zielstrebigkeit, Flexibilität und Belastbarkeit gehörten häufig zu den Eigenschaften von Menschen, die ihr Land verlassen, um sich anderswo eine neue Zukunft aufzubauen. Schon heute kommen zwischen 60 000 und 80 000 Entsendearbeitnehmer nach Deutschland, um auf Baustellen mitzuhelfen – dank der 2016 in Kraft getretenen Westbalkanregelung ist es Menschen zum Beispiel aus Serbien, Montenegro oder Albanien möglich, für die Erwerbstätigkeit nach Deutschland einzureisen. Der Bundesagentur für Arbeit zufolge braucht es aber eine Zuwanderung von 400 000 Arbeitskräften pro Jahr, um den Fachkräftemangel nicht nur im Handwerk halbwegs abfangen zu können. „Deutschland muss bei der Gewinnung von Fachkräften aus Drittstaaten eigene Wege gehen. Allerdings halten sich vor allem viele kleine und mittelständische Unternehmen bislang bei der Rekrutierung von Ingenieuren aus dem Ausland zurück. Sie befürchten, wie Studien zeigen, bürokratische Hürden und Schwierigkeiten bei der Integration. Und so bleiben viele Stellen im Hochbau inzwischen im Durchschnitt mehr als ein halbes Jahr unbesetzt. Ähnlich sieht es im Tiefbau und Ausbaugewerbe aus, wie die Bundesagentur für Arbeit registriert hat. Dass die Reserve an Stellensuchenden auf dem Arbeitsmarkt nicht ausreichen kann, um den dringenden Bedarf an Arbeits- und insbesondere Fachkräften abzudecken, ist also klar. Abgesehen von der Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland bleibt daher nur der langfristige Ausweg, mehr zukünftige Fachkräfte auszubilden.

Immerhin gibt es vom Ausbildungsmarkt erstmals ein positives Signal. Während die Zahl der neuen Ausbildungsverhältnisse bei den Hochbauberufen gegenüber dem Vorjahr leicht rückläufig war (minus 1,9 Prozent), konnten sich die neuen Auszubildendenzahlen in den Sektoren Tiefbau (plus 5,8 Prozent) und Ausbau (plus 12,6 Prozent) erheblich steigern. Insgesamt hat sich die Ausbildungssituation deutlich besser als in anderen Branchen entwickelt. Nachdem die neuen Ausbildungsverhältnisse bereits im vergangenen Jahr angestiegen sind, nahmen sie nun um 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Die Zahl aller Auszubildenden erhöhte sich um 2,3 Prozent. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die vermeintlich als Arbeitgeber unattraktive Baubranche 2020 von ihrer Rolle als konjunktureller Stabilitätsanker profitierte und mehr Schulabsolventen dazu animiert hat, eine Ausbildung zu beginnen als in den Jahren zuvor, so das Marktforschungsinstitut Bauinfoconsult. Dass die Bauberufe nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen der Coronakrise 2020 einen „Lauf“ hatten, legen auch die genaueren Analysen der Urlaubs- und Lohnausgleichskasse der Bauwirtschaft SOKA Bau nahe.

Wen Baufirmen jedoch immer noch viel zu selten auf dem Schirm haben, sind Frauen. Kein anderer Wirtschaftszweig zählt so wenig weibliches Personal zu den Beschäftigten. Maurerinnen, Betonbauerinnen oder Baumaschinenführerinnen machen gerade einmal drei Prozent aus, so der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. Dagegen beweisen Frauen in den Kupfer-, Eisen- und Goldminen rund um den Globus, dass bei ihnen die größten Baumaschinen der Welt, wie tonnenschwere Muldenkipper, in guten Händen sind. Das Argument: Frauen steuern feinfühliger eine Maschine. Sicherheit ist ein wesentlicher Aspekt, warum die großen Minenbetreiber dieser Welt die millionenschweren Investitionen lieber Frauen anvertrauen.

Trotz dieser Eigenschaften sind Frauen auf Baustellen eher eine absolute Ausnahme. Das will die Firmengruppe Hagedorn ändern. Ende vergangenen Jahres wurde die Kampagne „Frau am Bau“ ins Leben gerufen, um mehr Frauen für die Arbeit auf dem Bau zu begeistern und so in der Branche einen Strukturwandel anderer Art auszulösen. Inzwischen wurden drei angehende Baugeräteführerinnen und eine Tiefbaufacharbeiterin eingestellt. Ihre Beweggründe für den Schritt in die Baubranche sind dabei vielfältig: der Traumjob seit Kindheitstagen, das Transportunternehmen der Familie oder die Begeisterung für große Maschinen. Für Barbara Hagedorn, Geschäftsführerin und Initiatorin der Kampagne, ist mit dem weiblichen Zuwachs zwar der erste Schritt getan, ein Ende der Kampagne sieht sie jedoch noch in weiter Ferne: „Wir haben ein erstes, wichtiges Fundament gelegt, doch bis es tragfähig genug ist, liegt noch ein weiter Weg vor uns.“ Das kann auch für andere Firmen der Branche eine Option sein, um Personal zu finden und zu gewinnen.

November -Dezember 2021

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here