PISA, INCA, SIM, AS20+ – diese Namen gehören zu millionenschweren Investitionen, die Evonik und weitere ansässige Unternehmen seit über zwei Jahren im Chemiepark Marl tätigen. Im laufenden Betrieb werden auf sechzig Baufeldern insgesamt 36 Teilprojekte abgewickelt, darunter die Errichtung neuer Produktionsanlagen und Kraftwerke. Um das durch die Bauvorhaben bedingte zusätzliche Verkehrsaufkommen sowie die stark gestiegenen Personen- und Materialströme zu koordinieren, wurde der Bereich Logistics, Consulting & Management von Zeppelin Rental beauftragt. Es ist der größte Einzelauftrag in der Unternehmensgeschichte des Vermiet- und Baulogistikdienstleisters.

Eine eigene Feuerwehr, Kraftwerke, Kläranlagen, ein eigener Bahnanschluss sowie ein eigener Binnenhafen: Der Chemiepark Marl wirkt mit seinen hundert Kilometern Schienennetz und 55 Kilometern Straße wie ein eigener, geschlossener Mikrokosmos. Mit sechs Quadratkilometern nimmt er eine Fläche ein, die dreimal dem Fürstentum Monaco entspricht. Insgesamt 18 Unternehmen mit rund 10 000 Mitarbeitern produzieren hier in hundert Produktionsanlagen jährlich etwa viereinhalb Millionen Tonnen Basis- und Spezialchemikalien für die Automobil-, die Kraftstoff-, die Textil- und Verpackungs-, die Sport- und Hygieneartikelindustrie sowie die Medizintechnik.

Um als Beteiligter an einem der Bauprojekte Zutritt zum Chemiepark Marl zu erhalten, prüft Zeppelin Rental vorab die erforderlichen Dokumente.

Dabei folgt der Chemiepark auch seinen eigenen Regeln. Denn um die Sicherheit zu gewährleisten, muss es für alle eigenständig agierenden Unternehmen allgemeingültige Rahmenbedingungen geben. So herrschen beispielsweise strenge Vorgaben hinsichtlich des Arbeitsschutzes und des Zugangs.

Seit April 2019 steht der Standortbetreiber Evonik zusätzlichen Herausforderungen gegenüber. Unter anderem werden im laufenden Betrieb Produktionsanlagen erweitert und neue Gaskraftwerksblöcke und Anlagen errichtet: „PISA“ bezeichnet beispielsweise die Erweiterung der bestehenden Polyamid-12-Anlage, „INCA“ den Bau einer neuen Cumol-Anlage, „SIM“ die Errichtung einer Rußverbrennungsanlage und „AS20+“ den Neubau von hochmodernen Gas- und Dampfturbinenkraftwerken. „Außerdem erneuern wir weitere Teile der Ver- und Entsorgung im Chemiepark und erweitern und modernisieren die Infrastruktur. Dazu kommen Anlagenrevisionen und Instandhaltungsmaßnahmen“, erklärt Harald Schneider, der als Koordinator für die sogenannten Multiprojekte am Standort Marl verantwortlich ist. All diese Tätigkeiten wirken sich auf die Arbeit am Standort aus. Bedingt durch die Bauarbeiten kommen im Schnitt täglich 2 000 Personen zusätzlich in den Chemiepark, das Transportaufkommen steigt stark an. Es fallen Bauabfälle an, außerdem benötigen die arbeitenden Gewerke Tagesunterkünfte. Auch Flächen für die Baustelleneinrichtungen müssen bereitgestellt werden.

„Für das mit den Multiprojekten verbundene zusätzliche Volumen zur Bereitstellung und Organisation dieser Sekundärprozesse fehlen uns die Kapazitäten“, erklärt Harald Schneider. „Deshalb haben wir uns Zeppelin Rental als Baulogistiker an die Seite genommen. Uns wurde ein schlüssiges Gesamtkonzept mit Ausarbeitungen und Tools präsentiert, das uns überzeugt hat.“ Somit ging der Auftrag zur Unterstützung des Zutrittsmanagements, für die Entsorgungslogistik, das Containeranlagenmanagement, die Logistikkoordination, die Baulogistikplanung und weitere Dienstleistungen während der voraussichtlich fast dreijährigen Bautätigkeiten an den Bereich Logistics, Consulting & Management.

Die Steuerung der Materialströme erfolgt digital über das sogenannte Online Logistics Control Center, das Projektleiter Christoph Hardt im Blick hat.

Seitdem haben mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Zeppelin Rental ihren temporären Dienstsitz in Marl, genauer auf Baufeld 10 202 des Chemieparks. Annkathrin Schreiber, Mathias Gülker und Christoph Hardt steuern und organisieren als Projektleitung sämtliche Leistungen in der Baulogistik. Sie werden von zwei Werkstudenten und vier Kaufleuten unterstützt. Zusätzlich deckt eine eigene Mietstation auf dem Gelände den Kundenbedarf im Bereich der Maschinen- und Gerätevermietung. Ein Team aus drei Kundenberatern und einem Techniker ist hier tätig.

In einem ersten Schritt erstellten respektive überarbeiteten Zeppelin Rental und Evonik als Basiswerk ein Baulogistikhandbuch, in dem alle aufgrund der Baumaßnahmen erforderlichen Prozesse genau beschrieben sind. Auf diese Weise wurde ein Standard definiert, an welchem sich alle Projekte orientieren müssen. Dies beginnt schon beim Baustellenzutritt, der an den bestehenden Anmeldeprozess des Chemieparks anknüpft beziehungsweise diesem vorgeschaltet ist. „Firmen, die im Rahmen der verschiedenen Bauprojekte vor Ort tätig sind, melden sich und ihre Mitarbeiter über unser digitales System InSite an“, erklärt Projektmanager Mathias Gülker. „Wir fordern obligatorische Dokumente wie beispielsweise die Mindestlohnerklärung und je nach Herkunft eine A1-Bescheinigung oder eine Arbeitserlaubnis an und übernehmen die Legitimation.“ Erst, wenn alle nötigen Dokumente vorliegen und überprüft sind, kann über den Werksschutz von Evonik ein individueller Werksausweis ausgestellt werden. „Insgesamt haben wir bisher 10 000 Mitarbeiter für den Werkszutritt legitimiert“, so Gülker.

Doch wie kommen diese Personen überhaupt koordiniert und sicher zu ihren Baustellen im Chemiepark? Um den flüssigen Verkehr gewährleisten zu können – schließlich müssen alle in Betrieb befindlichen Produktionen weiterhin beliefert werden und ihre Produkte versenden können – steht den Projekten nur eine begrenzte Anzahl an Parkplätzen auf den Baustellen zur Verfügung. Hier bot Zeppelin Rental mit der Organisation eines Busshuttles eine Lösung an. In der Spitze bringen zwölf Omnibusse in zwei Schichten die etwa 2 000 Personen pro Tag von Parkplätzen außerhalb des Werksgeländes an ihre Arbeitsplätze beziehungsweise zu ihren Containeranlagen und wieder retour.

Etwa 2 000 Personen werden täglich mit Busshuttles von Parkplätzen außerhalb des Werksgeländes zu ihren Arbeitsplätzen gebracht.

Auch die Koordination der Materialströme vom Werktor zu den Baustellen gehört zum Leistungsspektrum. Kontraktoren registrieren sich für das Online Logistics Control Center, kurz OLCC, von Zeppelin Rental, buchen für ihre Transporte ein Zeitfenster und wählen eine Entladezone aus. „Wir prüfen hier auch die Plausibilität“, erklärt Projektleiter Christoph Hardt. „Es werden Pflichtangaben wie beispielsweise Kennzeichen und Fahrername abgefragt sowie Angaben zur Entladezone, zu Ladezeit, Ankunftszeit sowie zum zu liefernden Material überprüft.“ Insgesamt 95 solcher Zonen hat das Team im Chemiepark eingerichtet. Um dennoch auch spontane Transporte zu ermöglichen, steht vor einem der Werkseingänge, an Tor 6, ein Container von Zeppelin Rental bereit. Zwei Mitarbeiter führen dort für „Kurzentschlossene“ eine Expressanmeldung durch. Allerdings: Dieses Vorgehen sollte die Ausnahme sein. Insgesamt wurden im Projektverlauf 45 000 Transporte avisiert, 600 davon Schwer- und Sondertransporte.

Ebenfalls zum Teil digital gesteuert wird auch das sogenannte Containerbetreibermodell. So hat Zeppelin Rental an 50 verschiedenen Standorten im Chemiepark 1 200 Raumsysteme montiert und übernimmt das Anlagenmanagement. „Wir verantworten die Auslastung und das Mängelmanagement der Containeranlagen, übernehmen die Zustandskontrolle sowie die Belegungs- und Kapazitätsplanung und organisieren die Reinigung“, erklärt die zuständige Projektleiterin Annkathrin Schreiber. „Auch Instandhaltungsarbeiten gehören zu unseren Aufgaben. So haben wir seit September 2020 zum Beispiel 136 defekte Toilettensitze ersetzt.“ Die Projektmanagerin wickelt unter anderem die Vermietung ab und dokumentiert den Mieterwechsel. Auch im Vorfeld der Containerstellung ist Zeppelin Rental tätig und berät bei der Planung oder unterstützt beispielsweise bei der Einreichung des Bauantrags, sofern ein solcher für große Containeranlagen notwendig wird.

Projektleiter Mathias Gülker überprüft den Füllstand eines Müllbehälters auf dem von Zeppelin Rental eingerichteten Entsorgungshof.

Eine wichtige Rolle im Chemiepark nimmt auch die Entsorgung der anfallenden Bauabfälle ein. „Wir haben ein Konzept entwickelt, das den täglichen Betrieb der Projekte und Betriebe möglichst wenig belastet“, erklärt Projektleiter Mathias Gülker. „Jedes Baufeld verfügt über vier bis fünf Abfallmulden, die von unserem Dienstleister in den verkehrsarmen Zeiten abgeholt und auf unserem Wertstoffhof in Fraktionen getrennt in 39 Kubikmeter große Behälter umgefüllt werden.“ Zeppelin Rental stellt den Projekten dann Abfallbilanzen als Nachweis zur Verfügung. 20 000 Kubikmeter sortenreiner Abfall wurden bisher außerhalb der Kernzeiten abgefahren und recycelt.

Mit auf dem Baufeld von Zeppelin Rental ansässig ist auch eine temporäre Mietstation des Vermiet- und Baulogistikdienstleisters. „Wir vermieten hier industrielles Equipment wie Ketten- und Ratschenzüge oder Drehmomentschlüssel, aber auch Stromerzeuger, Leuchtballone, Arbeitsbühnen, Teleskop- und Gabelstapler, Bauzaun, Kompressoren und sogar Fahrräder“, erklärt Kundenberater Marc Schlichter. Dabei gelten auch im Bereich der eingesetzten Maschinen und Geräte spezielle Vorgaben. „Unsere Arbeitsbühnen haben wir entsprechend der Sicherheitsrichtlinien des Chemieparks mit Abschaltleisten am Arbeitskorb ausgestattet“, so Schlichter. „Bühnen ohne diese Einrichtung dürfen hier nicht genutzt werden.“ Besonders wichtig ist den Kunden in Bezug auf die Maschinen- und Gerätevermietung am Standort Schnelligkeit und Flexibilität. Außerdem werden Dienstleistungen wie beispielsweise die Kraftstoffversorgung von gemietetem Equipment in Anspruch genommen.

„Das Besondere bei den Multiprojekten im Chemiepark Marl ist, dass fast unser komplettes Leistungsportfolio abgerufen wird“, erklärt Projektleiter Mathias Gülker. „Auch die Hardware zur Baustromund Bauwasserversorgung beispielsweise für die Containeranlagen kommt aus unserer Hand.“ Erstmalig wurde Zeppelin Rental auch mit Gerüstbauleistungen beauftragt, die mithilfe eines Partners ausgeführt werden. 1 200 Tonnen Gerüstbaumaterialien konnten bisher verbaut werden.

„Entscheidend für den Erfolg der zahlreichen Baumaßnahmen sind die Zusammenarbeit im Team und gegenseitige Rücksichtnahme. Nur, wenn sich alle Beteiligten an die gesetzten Rahmenbedingungen und die abgestimmten und eingeführten Prozesse halten, können wir unsere gemeinsamen Ziele hinsichtlich Arbeitssicherheit, Terminen und Budgets erreichen“, zieht Harald Schneider von Evonik ein Zwischenfazit. Inzwischen klingt die Bautätigkeit ab, einige Teilprojekte stehen kurz vor der Übergabe an die verantwortlichen Betriebe. Das Urteil über die Partnerschaft mit Zeppelin Rental fällt jetzt schon positiv aus: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich sehr schnell zurechtgefunden und selbstständig agiert. Sie unterstützen uns enorm in der Koordination der Multiprojekte. Die Zusammenarbeit funktioniert hervorragend.“

November – Dezember 2021

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