Ihr Name ist Programm: Moringa leitet sich vom sogenannten Wunderbaum Moringa Oleifera ab – der Pflanze aus Afrika und Lateinamerika werden viele Heilkräfte zugeschrieben. Als Moringa wird auch Deutschlands erstes Cradle-to-Cradle-Wohnhochhaus vermarktet, das derzeit in Hamburg mit rezyklierbaren Materialien gebaut werden soll, die sortenrein trennbar, rückbaubar und wiederverwertbar sein werden. Das Gebäude wird zu einer Art Materiallager. Statt Entsorgungskosten am Ende des Lebenszyklus zu produzieren, sollen ein wirtschaftlicher Mehrwert generiert und Ressourcen geschont werden. Dazu Franz-Josef Höing, Oberbaudirektor der Freien und Hansestadt Hamburg: „Endlich kommt das Thema Cradle to Cradle in Gang und das gleich mit überzeugender Architektur am Baakenhafen. Man sieht den Häusern an, dass sie anders gedacht und geplant sind. Diese neue ökologische Rationalität kann zu anderen architektonischen Gesichtern führen.“ Weil ressourcenschonende Materialkreisläufe, rückbaubare Gebäudestrukturen und Recycling im Bauwesen immer wichtiger werden, wird Cradle to Cradle stärker in den Fokus rücken. Doch Deutschland steht hier erst am Anfang.

Visualisierung Moringa by Landmarken, Entwurf: kadawitt feldarchitektur

Aus Thinktanks, Forschungslaboren und dem Silicon Valley kommen ständig neue Entwicklungen und Entwürfe, die Bauen, Städteplanung und Wohnen in Zukunft grundlegend umkrempeln werden. Nachhaltiger, digitaler und effizienter sollen die Bauprozesse der Zukunft werden. Aber wie wirklichkeitsnah sind diese Zukunftsvisionen? Das wollten die Marktforscher von Bauinfoconsult von 42 Entscheidern der Baustoffindustrie wissen und befragte sie, welche Entwicklungen für den Markt relevant sind und welche sie für rein akademische Kopfgeburten halten. Das Ergebnis: Die Entwicklung recyclingfähiger Baustoffe nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip hält dementsprechend jeder zweite Hersteller für einen Trend mit künftigem Marktgewicht.

Visualisierung: Moringa by Landmarken, Entwurf: kadawitt feldarchitektur

Von der Wiege zur Wiege – das Prinzip Cradle to Cradle geht auf den deutschen Chemiker Professor Michael Braungart sowie den US amerikanischen Architekten William McDonough zurück. Das bedeutet: Alle im Gebäude eingesetzten Materialien werden bereits beim Entwurf und bei der Beschaffung so ausgewählt, dass sie nach ihrer Nutzung in den biologischen und technischen Kreislauf wieder zurückgeführt werden können, aus dem sie entnommen wurden. Somit fungieren Gebäude als Rohstoffdepots – nach Ende der Nutzungszeit können die Ressourcen für neue Produkte und Projekte eingesetz werden. Professor Michael Braungart geht im Hinblick auf Nachhaltigkeit noch einen Schritt weiter: So legt er nicht nur die Minimierung des ökologischen Fußabdrucks zugrunde. Hinzu kommt neben der Abfallvermeidung auch gleichzeitig die Erzeugun sowie Nutzung regenerativer Energien und Förderung biologischer Diversität. Weil jedoch Energieeffizienz, CO2-Einsparung und der Einsatz erneuerbarer Energien aber mittlerweileohnehin feste Baustandards sind, wurde das Anforderungsprofil erweitert, indem Gebäude die Außenluft oder das Regenwasser reinigen oder Lebensräume für Pflanzen und Tiere schaffen und somit einen Mehrwert generieren. Darüber hinaus soll der Einsatz von Baustoffen, die zu einem knappen Gut geworden sind, reduziert werden. Die Kapazität von Schuttdeponien ist bereits jetzt weitgehend erschöpft. Daher sind Bauwirtschaft und Baustoffindustrie angesichts der Ressourcenprobleme gefordert, effektive Rohstofflösungen für den Bau neuer Gebäude zu finden.

„Die herkömmliche Betonherstellung ist verantwortlich für sechs bis acht
Prozent der globalen CO2-Emissonen. Wenn es uns gelingt, Beton in großem Stil mehrfach zu nutzen, leisten wir einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz und zur Ressourcenschonung“, ist Helmfried Meinel, Amtschef im Umweltministerium von Baden-Württemberg, überzeugt. Daher forderte er die Bauindustrie, die öffentliche Hand, Architekten und Bauherren eindringlich auf, das Thema Recyclingbeton ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen. Nach wie vor verursacht die Bauwirtschaft einen Großteil des Abfalls. Die Kapazität von Schuttdeponien ist bereits jetzt weitgehend erschöpft. Mithilfe von Cradle to Cradle sollen Gebäude so gebaut werden, dass es am Ende keinerlei Abfall mehr gibt. Laut einem Bericht des Umweltbundesamts werden in Deutschland rund 70 Prozent des gesamten Abfallaufkommens recycelt, zusätzlich werden etwa acht Prozent der Abfälle thermisch verwertet. Zwar übertrifft die Baubranche diese Quoten seit Jahren und recycelt einen Großteil der Bau- und Abbruchabfälle – die Recyclingquote liegt bei rund 90 Prozent – doch die Zahlen stagnieren seit einiger Zeit, meldet der Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft. Dieser räumt ein, dass die Wiederverwertung von Rohstoffen allerdings nur dann Sinn mache, wenn deren Aufbereitung und Wiederverwertung umweltfreundlicher seien als die Entsorgung. Doch hier liegt der Haken. Recycelter Beton wird schon seit Längerem verwendet – etwa im Straßenbau oder bei der unterirdischen Einbettung von Leitungen. Anders sieht es im Hochbau aus – ein flächendeckender Einsatz von Recyclingbeton hat sich bislang nicht durchgesetzt. Dass Kreislaufwirtschaft im Betonbau bisher kaum praktiziert wird, liegt laut Professorin Andrea Kustermann von der Fakultät für Bauingenieurwesen der Hochschule München an den in Deutschland gültigen Normen: Bisher sei nur eine begrenzte Zumischung von grobkörnigem Material erlaubt. Sand dürfe gar nicht verwendet werden. Poröse Zementbestandteile können Wasser aufnehmen, sich verformen und, wenn die Temperatur unter den Gefrierpunkt sinkt, den Beton sprengen. Daher startete sie eine Untersuchung und ein Modellprojekt auf dem Gelände der Bayernkaserne in München, um zu zeigen, „dass Recyclingbeton mit hundert Prozent rezyklierter Gesteinskörnung durchaus für neue Beton-Konstruktionen geeignet ist“, wie sie erklärte. „Man muss die Materialeigenschaften allerdings genau kennen, um beurteilen zu können, wo ein Werkstoff eingesetzt werden kann.“ Das wiederum setzt im Vorfeld des Planens und Entwerfens eine eindeutige Identifizierung aller Inhaltsstoffe inklusive der gesamten Rohmaterialien und eine toxikologische und ökotoxikologische Untersuchung aller Inhaltsstoffe in Bezug auf den Einsatz voraus. Zudem muss der Energieverbrauch und der Anteil an erneuerbaren Energien innerhalb der Produktion ausgewertet und berücksichtigt werden. Das erfordert, dass Planer, Architekten und Baufirmen passende Baustoffe einplanen und verarbeiten, ihr Know-how vernetzen und sie entsprechend kooperieren. Den Einbau nachhaltiger und zertifizierter Baumaterialien unterstützen Datenbanken und Plattformen wie Building Material Scout. Darüber werden alle Informationen zu Produkten erfasst und strukturiert gegenübergestellt. Hersteller können zudem ihre Baumaterialien nach den Gebäude-Zertifizierungssystemen DGNB, LEED und BREEAM beurteilen lassen. Und Bauherren, Architekten, Planer und Baufirmen können über die Plattform sich über kreislauffähige Bauprodukte informieren, sich mit Herstellern austauschen und das Datenmanagement für Bauprojekte organisieren. Am Ende entsteht für jedes Bauprojekt ein Building Material Pass, der dem Bauherrn strukturierte Informationen für sein Gebäude gibt – zum Beispiel wie hoch der Recyclinganteil im Gebäude ist oder wie hoch der verfügbare Rohstoffwert ist.

Immer mehr Hersteller, die auf Wiederverwendung setzen, lassen ihre Produkte mit einem Cradle-to-Cradle-Zertifikat auszeichnen. So wurden beispielsweise auf der letzten Messe Bau 2019 in München über 30 Cradle-to-Cradle-Zertifikate an Bauproduktehersteller vergeben. Unter den ausgezeichneten Produkten waren System- und Glastrennwände, Bodenbeläge, Isolierungsprofile und Deckensysteme. Sie repräsentieren den
aktuellen Standard des Cradle to Cradle Products Innovation Institute und sind somit nachhaltig und kreislauffähig. Damit die Produkte dem kreislauffähigen Wiederverwertungsprinzip entsprechen, wurden sie hinsichtlich ihrer toxikologischen Eigenschaften und der Recyclingfähigkeit analysiert, bewertet und optimiert. Darüber hinaus wurden dafür die Nachweise über Energiebilanz, Wassermenge und -qualität sowie die Einhaltung sozialer Kriterien während der Herstellungsprozesse erbracht.
Dafür verantwortlich war im Cradle- to-Cradle-Audit das Umweltinstitut EPEA, das zu Drees & Sommer gehört. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat ebenfalls ein neues Zertifizierungssystem entwickelt, das sich gezielt dem Rückbau von Gebäuden widmet und das in den kommenden Monaten erprobt werden soll. Es will Anreize setzen, die Nachhaltigkeit von Rückbauprozessen, die vor einer Neubau- oder Sanierungsmaßnahme stattfinden, zu erhöhen. Dabei geht es um mehr als eine sortenreine Trennung von Abfällen oder die Wiederverwendung von Materialien. Auch Themen wie Gefahrstoffsanierung, Risikobewertung und Kostensicherheit stehen im Fokus. „Aktuell gibt es noch große Wissenslücken an den Schnittstellen zwischen den beteiligten
Akteursgruppen und Defizite in der Praxis. Es geht uns darum, Stoffströme konsequent zu schließen, eine höhere Wertigkeit der Bausubstanz zu fördern und Lösungen im Sinne einer Circular Economy auf allen beteiligten Ebenen zu etablieren“, erklärt Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB. Bewertet werden aus ökologischer Sicht die Materialstrombilanz und die Gefahrstoffsanierung. Risikobewertung und Kostensicherheit sowie Werte ausbaufähiger Ressourcen sind die zwei ökonomischen Kriterien im Rahmen der Zertifizierung. Projektkommunikation und Sicherheit sind die Kriterien, die der soziokulturellen und funktionalen Qualität zugeordnet werden. Verwertung und Entsorgung sowie sortenreine Trennung und Kreislaufführung betreffen die technische Sicht. Ein besonderer Fokus des Zertifizierungssystems liegt auf der Prozessqualität. Bewertet werden hier gleich vier Kriterien: Rückbauplanung, Ausschreibung, Qualitätssicherung und Dokumentation sowie Baustelle und Rückbauprozess. Von dem Rückbauzertifikat profitieren dürften Kommunen, die damit eine Qualitätssicherung und Erfolgskontrolle erhalten. Dabei kann das Zertifikat als Voraussetzung zur Vergabe von Abbruchgenehmigungen eingesetzt werden. Für Kommunen ist das Thema von besonderem Interesse, um die Auswirkungen der Rückbaumaßnahmen im Hinblick auf die Belastung der Anwohner durch Lärm, Staub, Schadstoffe oder Baustellenverkehr möglichst gering zu halten. Auch für Eigentümer und Bauherren von Gebäuden, die rückgebaut werden sollen, bringt die Anwendung des neuen Zertifikats Vorteile. So trägt es zur Kostensicherheit und Risikominimierung bei – ein wichtiger Punkt, liegt doch die Verantwortung für die Bauüberwachung und -koordination sowie die dazugehörige Haftung beim Bauherrn. Dabei geht es um Themen wie Abfall, Sorgfaltspflicht beim Arbeitsschutz oder Bausubstanzrisiken. Letztlich spricht das neue Zertifikat auch Rückbau- und Recyclingunternehmen an. Wer sich hier im Sinne einer Circular Economy positiv vom Wettbewerb abhebt, wird bei Vergabeentscheidungen Vorteile haben. „Eine wirkliche Circular Economy kann nur entstehen, wenn wir Transparenz schaffen“, unterstreicht Lemaitre. Und das ist die Grundvoraussetzung bei Cradle to Cradle.

Visualisierung: Moringa by Landmarken, Entwurf: kadawitt feldarchitektur

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