Bauschutt-Recycler vermeidet vorerst Kurzarbeit und setzt auf Homeoffice

Mitte März hat der Krisenstab bei Bauschutt-Recycler Feess den 200-Mann-Betrieb auf seine „größte Herausforderung in der Firmengeschichte“ vorbereitet: Seither gehen zehn Verwaltungsmitarbeiter ihrer Arbeit vom Homeoffice aus nach, die verbleibenden 30 Kollegen arbeiten maximal zu zweit je Büro mit mindestens zwei Metern Abstand; die zehn Werkstattmechaniker und das sechsköpfige Wagenpersonal absolvieren geteilte Schichten und sämtliche 120 Lkw-Fahrer und Baumaschinenführer desinfizieren ihre Fahrzeuge, sofern sie sie überhaupt noch wechseln.

Feess trotzt Corona-Krise
In der Krise zeigt sich bei Feess der Vorteil, breit aufgestellt zu sein, wenn es um das Recycling geht. Fotos: Zeppelin

„Für die vielen Baustellen haben wir zusätzlich 80 Wasserkanister mit Hahn, Seifenspendern und Sprühflaschen mit Desinfektionsmitteln gekauft, damit sich die Arbeiter vor Ort öfter die Hände waschen können,“ sagt Inhaber Walter Feess. Für die Verwaltung besorgte der kaufmännische Leiter Joachim Röhrer gerade noch rechtzeitig vor dem Ausverkauf sieben weitere Laptops. Denn viele Firmen, die erst Tage später mobile Rechner kaufen wollten, kamen bereits zu spät.
Im Einvernehmen mit den Inhabern der zweiten und dritten Generation gestaltet Röhrer sämtliche Prozesse so, dass nach heutigem Kenntnisstand auf Kurzarbeit verzichtet werden kann. Das geschieht dadurch, dass bei Bedarf vorrangig Resturlaube und Überstunden genommen werden und aktuell Arbeitszeitkonten eingeführt wurden, die bis zu hundert Stunden ins Minus gehen dürfen – bei voller Lohnfortzahlung. Sämtliche Vorkehrungen für eine längere Betriebsschließung wurden aber getroffen, um kurzfristig im Bedarfsfall durch Kurzarbeitergeld die Belegschaft zusammenhalten zu können.

Feess trotzt Corona-Krise
Ein Drittel der Kosten entfallen auf das Personal, gut ein Viertel auf den kapitalintensiven Fuhrpark mit Lkw, Baggern, Radladern und Brechern.

Walter Feess: „Wir haben über viele Jahre alle hart gearbeitet und gut gewirtschaftet, da will ich jetzt für meine Leute sorgen.“ Die vier Arbeitstage nach Ostern macht Feess Betriebsferien. Einerseits, weil die Aufträge allmählich zurückgehen, andererseits „damit der Infektionspeak gedämpft wird und die Familien in dieser Phase wieder sozialen Frieden finden“, argumentiert der 65-Jährige. Denn der sechsfache Opa weiß, dass viele Familien seit Wochen im emotionalen Dauerstress sind, weil Kindergärten und Schulen geschlossen haben.

Die Reibungsverluste durch die Corona-bedingten Einschränkungen auf den Baustellen schätzen Feess und Röhrer auf „bis zu 20 Prozent“. In der Verwaltung liege er „deutlich höher“. Und doch können die Krisenmanager der Ausnahmesituation etwas abgewinnen: Sie sammeln derzeit wertvolle Erfahrungen, die Firma flexibler und digitaler zu machen.

Der Chef befürchtet 2020 einen Umsatzrückgang von zehn bis 20 Prozent, seriös prognostizieren könne dies derzeit niemand. Das entspräche in der personalintensiven Branche fünf bis zehn Millionen Euro. Dazu muss man wissen, dass knapp ein Drittel der Kosten auf das Personal entfallen, gut ein Viertel auf den kapitalintensiven Fuhrpark mit Lkw, Baggern, Radladern und Brechern. Ein weiterer großer Posten sind die Kosten für das Beseitigen von Erd- und Bauschutt-Material, das zudem zu einem Drittel kontaminiert sind. Solches Material ist dann oft doppelt so teuer zu entsorgen. Während das branchenüblich größtenteils Gebühren für Deponien sind, die bis zu 150 Kilometer entfernt liegen, sind das bei Feess vor allem Kosten für Aufbereitung, Lagerung und Vermarktung dieser Wert- und Reststoffe im Umkreis von 30 Kilometern oder direkt auf den Baustellen.

Für diesen ressourcenschonenden Ansatz, der einen wichtigen Baustein in der Kreislaufwirtschaft der Baubranche darstellt, erhielt das Unternehmen 2016 den Deutschen Umweltpreis. Feess: „Dieser kosten- und risikointensive Aufwand, den wir vor allem für den Erhalt unserer Welt treiben, bietet uns den Vorteil, jetzt in der Krise breit aufgestellt zu sein und Ausfälle in einzelnen Segmenten kompensieren zu können.“

Denn die Anzeichen für Auftragsrückgänge verdichten sich: Viele Osteuropäer, die mehrheitlich die deutsche Baubranche am Laufen halten, kehren in der Krise zu ihren Familien zurück. Aus der Baustoffzulieferindustrie bleibt zunehmend der Nachschub aus und viele Investoren schieben Baupläne auf. Da kommt es den Kirchheimern gerade recht, dass sie 45 000 Tonnen Beton von der Start- und Landebahn des Stuttgarter Flughafens zur Aufbereitung übernehmen, die dort saniert wird. Das heißt: Aus dem alten Beton wird neuer Beton, was das Verkehrsaufkommen, Feinstaub und CO2 reduziert sowie Sand- und Kiesgruben entlastet. Und für die Deutsche Bahn holt Feess 30 000 Tonnen Gleisschotter an der Trasse Stuttgart-Mannheim ab, wäscht sie und führt sie zu 90 Prozent in Gleis-, Garten- und Landschaftsbau zurück. Dank eines neuen Verfahrens kann er auch den verbleibenden Beton- und Gleisschlamm trocknen, sodass er thermisch verwertbar wird.

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