Wie sich Bau- und Baustoffbranche auf den Klimaschutz einstellen

Seitdem Greta Thunberg und die Demos „Fridays for Future“ die öffentliche Debatte über den Klimawandel anheizen, steht auch der von der Bau- und Baustoffbranche verursachte Ausstoß von CO₂ -Emmisionen zur Diskussion. So gehen jüngsten Schätzungen zufolge 6,9 Prozent der weltweiten Kohlendioxidemissionen auf die Produktion von Zement zurück. Sollte sich daran nichts ändern, könnten die Folgen des Klimawandels laut einer aktuellen Studie von McKinsey bei einem ungebremsten Anstieg der CO₂ -Emissionen bis 2050 noch schlimmer werden als bisher oft angenommen. Auch wenn Deutschland als Land mit geringem Risiko eingestuft werde, sind wir „als führende Exportnation abhängig von funktionierenden globalen Lieferketten“, erklärt McKinsey-Partner Hauke Engel, einer der Co-Autoren der Studie. Hier kann auch die Bau- und Baustoffbranche ihren Beitrag leisten, den Anstieg der Treibhausgase durch neue Bauverfahren und Baustoffe zu bremsen. 

Grüner bauen
Ohne maßgeblichen Beitrag der Bauwirtschaft werden die Klimaziele nicht eingehalten werden. Foto: Caterpillar

Die Produktion von Zement, der aus Kalkstein, Ton und diversen Zusätzen besteht und unerlässlich für die Betonherstellung ist, ist energieintensiv. Denn Rohstoffe müssen gemahlen und bei über 1 400 Grad Celsius gebrannt werden. Außerdem setzt die Ausgangsbasis in Form des Rohstoffs Kalkgestein beim Brennen viel Kohlendioxid frei. Doch ohne Beton geht es nicht: Wir brauchen ihn für Straßen und Brücken, aber auch für Gebäude. Doch wie der Baustoff mithilfe von innovativen Technologien umweltfreundlicher produziert werden kann, um den Ausstoß der klimaschädlichen Treibhausgase zu reduzieren und den ökologischen Fußabdruck zu verbessern, darum bemühen sich Wissenschaft und Wirtschaft derzeit intensiv.

Im Dezember 2019 haben vier europäische Zementhersteller – Buzzi Unicem-Dyckerhoff, HeidelbergCement, Schwenk Zement und Vicat – eine gemeinsame Forschungsgesellschaft mit dem Namen „CI4C“ – Cement Innovation for Climate – gegründet. Sie verfolgen damit das Forschungsprojekt „catch- 4climate“ mit dem Ziel, die praktische Anwendung der Oxyfuel-Carbon-Capture- Technologie im Zementherstellungsprozess zu untersuchen. Hier handelt es sich um ein Klinkerbrennverfahren, bei dem anstelle von Luft reiner Sauerstoff in den Ofen eingebracht wird, um die Wärmeerzeugung durch Verbrennung von Primär- und Sekundärbrennstoffen zu gewährleisten. Auf diese Weise wird im Ofen nur noch CO₂ erzeugt, was wiederum das CO₂ -Abscheidungsspotenzial erheblich verbessert. Ziel ist es, hundert Prozent der CO₂ -Emissionen eines Zementwerks kosteneffizient abzuscheiden. Das Projekt soll die Voraussetzungen für einen großflächigen Einsatz von CO₂ – Capture-Technologien in den Zementwerken schaffen, um so beispielsweise eine spätere Verwendung des CO₂ als Rohstoff in anderen industriellen Prozessen zu ermöglichen. In Mergelstetten soll dazu eine eigene Oxyfuel-Testanlage im halbindustriellen Maßstab gebaut und betrieben werden.

Längst nutzen Bauunternehmen innovative Baumethoden und Materialien. Textilbeton erlaubt schlankere Bauteile mit geringem Eigengewicht und dennoch enormer Tragfähigkeit und Lebensdauer.

Beim Gradientenbeton werden gezielt Hohlräume durch poren- beziehungsweise schaumbildende Technologien oder mineralische Hohlkugeln eingebracht. Wände, Stützen und das Fundament fallen dadurch leichter aus. Das spart zusätzlich 40 Prozent an Material ein, senkt Baukosten, reduziert Treibhausgasemissionen und schont Ressourcen.

Bislang nicht ausgeschöpft wird das Potenzial bei Recyclingbaustoffen zur Ressourcen- und CO₂ -Einsparung, räumt die Landesvereinigung der Bauwirtschaft Baden-Württemberg ein. Anders die Schweiz: Dort sei schon heute häufig Recyclingbeton für Neubauten Standard. „Auch die öffentliche Hand sollte hier beispielhaft vorangehen und für ihre Baumaßnamen verstärkt den Einsatz von Recyclingbaustoffen vorschreiben“, fordert Verbandspräsident Markus Böll.

Der Bauboom der vergangenen zehn Jahre treibt den Rohstoffbedarf weiter an. Laut Statistischem Bundesamt kamen 2013 im Bausektor 534 Millionen Tonnen mineralische Baurohstoffe zum Einsatz. Gleichzeitig stellen mineralische Bauabfälle mit Abstand die größte Abfallfraktion dar. 2016 fiel in Deutschland eine statistisch erfasste Menge von 215 Millionen Tonnen an mineralischen Bauabfällen an, die je nach Kategorie offizielle Verwertungsquoten zwischen 80 und 90 Prozent aufweisen. Projektentwickler Michael Schwaiger von der Schwaiger Group fordert schon lange, „Lösungen zu forcieren, welche die Wiederverwendung von Altbaustoffen als hochwertige Werkstoffe ermöglichen.“

Die Folgen des Klimawandels werden laut der Unternehmensberatung PwC der Baubranche in den nächsten Jahren zusätzliche Wachstumsimpulse bescheren. Dass Nachhaltigkeit und Bauen zusammenpassen, ist in der Baubranche längst Konsens: Kaum ein Bauprojekt, in dem Themen wie Energieeffizienz, Nachhaltigkeitsnachweise bei Materialien oder Gesundheitsaspekte nicht mitberücksichtigt werden. Insbesondere viel Potenzial Kohlendioxid einzusparen, bietet die energetische Gebäudesanierung. Gebäu- de sind für etwa 35 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs in Deutschland und für etwa ein Drittel der CO₂ -Emissionen verantwortlich. Ohne einen maßgeblichen Beitrag der Bauwirtschaft werden die Klimaziele nicht eingehalten werden. Doch alles muss auch bezahlbar bleiben. „Die Schritte dahin müssen aber an die Bedürfnisse der mittelständischen Bauunternehmen angepasst sein, die gut 70 Prozent der Branche ausmachen. Statt politischer Symbolgesten braucht es pragmatische Lösungen, welche die Verhältnismäßigkeit wahren“, stellte Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes Deutsches Baugewerbe (ZDB), zur Debatte über mehr Klimaschutz klar und fügte hinzu: „Die energetische Sanierung des Gebäudebestandes bietet ein riesiges Potenzial. In der öffentlichen Debatte um Klimaschutzmaßnahmen steht der Gebäudebereich bislang zu wenig im Fokus. Dabei liegt das CO₂ -Einsparpotenzial allein durch das Instrument der steuerlichen Sanierungsförderung nach Expertenangaben bei rund 3,39 Millionen Tonnen.“

Florian Kaiser, Partner und Leiter des Geschäftsbereichs Bau- und Bauzulieferindustrie der Management-Beratung Dr. Wieselhuber & Partner sieht bereits erste Anzeichen eines Umdenkens: „Endlich wird der Baubranche bewusst, dass die Erstellung und die Nutzung von Gebäuden mit Abstand den größten Hebel für die Nachhaltigkeit im Umgang mit den limitierten Ressourcen unseres Planeten sind. Diesen Hebel zu nutzen und den Ressourceneinsatz und die Materialwahl bewusst zu verbessern, ist die zwingende Verpflichtung aller Beteiligten.“ Hierbei helfen digitale Lösungen, die noch vor wenigen Jahren als utopische Science-Fiction galten. So werde in Zukunft laut Florian Kaiser der Klima-Fußabdruck und der Energieaufwand von Baustoffen und Komponenten im digitalen Planungsmodell hinterlegt und die Materialwahl dahingehend verbessert. „Hersteller, die diese Daten nicht zur Verfügung stellen können, werden zukünftig nicht mehr berücksichtigt werden. Nachhaltigkeit, Total Cost of Ownership und Life Cycle Value sind heute bereits wichtige Kriterien, nach denen private Bauherren und insbesondere auch renditeorientierte Investoren Entscheidungen treffen. In Zukunft werden es die zentralen Kriterien sein“, glaubt Florian Kaiser – wie viele andere auch.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here