Machbarkeitsstudie soll Potenzial von Nahverkehrstechnik „made in Germany“ prüfen

Legendär war die Rede des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, als er die Vorzüge des Transrapids pries, mit dem es gelingen sollte, in zehn Minuten vom Hauptbahnhof München aus den Flughafen der bayerischen Landeshauptstadt zu erreichen. Doch kurz nach dem Unglück im Emsland auf der Versuchsanlage wurden die Pläne des einstigen Wunderwerks deutscher Ingenieurskunst auf Eis gelegt – der Transrapid stand in Deutschland vor dem Aus. Nun nimmt der Bund einen neuen Anlauf und gibt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Die TransportTechnologie-Consult Karlsruhe soll ausloten, ob sich nicht doch Magnetschwebetechnik für den öffentlichen Personennahverkehr eignen könnte. Diese hat Max Bögl in Eigenregie entwickelt und als das Transport System Bögl (TSB) zur Serienreife gebracht, bestehend aus Fahrweg, Fahrzeugen und Betriebsleittechnik. Ausgelegt wurden sie auf den Personennahverkehr mit Streckenlängen von bis zu 30 Kilometern und einer Geschwindigkeit von 150 km/h. 

Start der Machbarkeitsstudie (von links): Johann Bögl, Firmengruppe Max Bögl, Rainer Schwarzmann, Geschäftsführer TransportTechnologie-Consult Karlsruhe, Andreas Scheuer, Bundesverkehrsminister, Jost Lammers, Vorstandsvorsitzender Flughafen München, und Stefan Bögl, Firmengruppe Max Bögl, mit einem Modell vom TSB. Foto: picture alliance/Peter Kneffel/dpa

Neben dem Vergleich zu herkömmlichen Transportmitteln wie der U-Bahn oder dem Regionalverkehr soll das TSB in der allgemeinen Anwendung sowie speziell am Fall des Münchner Flughafens geprüft und analysiert werden. „Magnetschwebebahnen sind seit Jahrzehnten in der Diskussion. Wir starten jetzt eine Machbarkeitsstudie für ein völlig neues Magnetschwebesystem „made in Germany“. Wir wollen untersuchen, welches technische, wirtschaftliche und ökologische Potenzial die Technologie auch im Vergleich zu anderen Transportmitteln nicht nur am Münchner Flughafen hat“, so Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer.  

Die Firmengruppe Max Bögl beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Magnetbahntechnologie wie dem Fahrwegsystem für den Transrapid und liefert Fahrwegsysteme für Hochgeschwindigkeitszüge. Auf dem Gleistragplattensystem FFB – Feste Fahrbahn Bögl – fahren auf mehr als 10 000 Kilometern Länge Züge mit bis zu 380 km/h quer durch China und Europa. 2010 wurde mit der Entwicklung des Nahverkehrsmagnetbahnsystems TSB begonnen. Von der Planung über die industrielle Fertigung des Fahrwegs und Fahrzeugs, der Montage vor Ort bis hin zum Betrieb des Systems kann Max Bögl ein Komplettsystem liefern. Der Ansatz, der dabei verfolgt wird: Dank industrieller Fertigung, schlankem Fahrweg und Umsetzung aus einer Hand sollen sich Mobilitätsprojekte zu deutlich niedrigeren Kosten und in kürzerer Zeit realisieren lassen. Außerdem soll das TSB Personen leise befördern. Gegenüber herkömmlichen Systemen vermeidet das TSB laut Firmenangaben die hohen konzentrierten Lasten am Kontaktpunkt Rad-Schiene. Diese seien Hauptursache für Vibrationen und Lärm. Das TSB leite die Lasten berührungslos gleichmäßig verteilt in den Fahrweg und sei dadurch geräuscharm und komme mit deutlich kleineren Konstruktionen für den Fahrweg aus.

Während der Transrapid auf Höchstgeschwindigkeit für Fernstrecken ausgelegt sei, sei das TSB für den Nahverkehr konzipiert. Auch sonst gebe es Unterschiede: Anders als beim Transrapid liege beim TSB zum Beispiel das Fahrwerk und seine aktiven Teile, wie etwa die Leistungselektronik, innerhalb des Fahrwegs, gekapselt durch 20 Zentimeter dicken Stahlbeton. Das minimiere unter anderem die Schallemissionen. Der Antrieb befinde sich komplett im Fahrzeug, wodurch sich kurze Zugfolgezeiten von nur 80 Sekunden verwirklichen lassen. Der Fahrweg sei vollkommen passiv und die Fahrwegkosten werden so reduziert. Da im Nahverkehr auf einen Großteil der im Fernverkehr notwendigen Systeme verzichtet werden könne, sei das Fahrzeug leichter bei gleichzeitig höherer Zuladung.

Seit 2012 wird das neue System auf der 820 Meter langen firmeneigenen Erprobungsstrecke am Firmensitz Sengenthal getestet – das TSB hat inzwischen über 125 000 Fahrten absolviert und dabei mehr als 83 000 Kilometer im vollautomatischen Betrieb zurückgelegt. Anhand der Teststrecke sollen Fahrzeug und Fahrweg, Leittechnik und betriebliche Abläufe weiterentwickelt werden,um fundierte Erkenntnisse über die Systemzuverlässigkeit zu gewinnen. Besonders in China sieht Max Bögl Potenzial, weitere Strecken zu realisieren. Hier bestehe ein großer Nachholbedarf an spurgebunden Nahverkehrssystemen, um den steigenden Verkehr in den Megastädten zu beherrschen. Dies mache das Land zum größten Markt für Personennahverkehrssysteme. Dort nahm das TSB bereits im Herbst auf einem Teilstück einer 3,5 Kilometer langen Demonstrationsstrecke in Chengdu, die in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Partnerunternehmen Xinzhu Road & Bridge Machinery entstand, den Betrieb auf. „Zusammen mit unserem lokalen Partner werden wir die Vermarktung des TSB vorantreiben und erste Anwendungsstrecken in naher Zukunft realisieren“, gab Stefan Bögl, Vorstandsvorsitzender der Firmengruppe, bekannt.

Auch in Deutschland erhofft sich Max Bögl Anwendungsmöglichkeiten – etwa für Verbindungen zum Flughafen. „Deutschland ist in der Lage, auch bei Verkehrstechnologien die weltweite Zukunft aktiv mitzugestalten. Im Bereich urbaner und regionaler Mobilität sehen wir unser Transport System Bögl als international führende Lösung für den effizienten, leisen und flexiblen Nahverkehr in den Städten der Zukunft, ihrer Peripherie und der Verbindung ihrer Mobilitäts-Hubs. Die nun beauftragte Machbarkeitsstudie am Flughafen München bildet die Grundlage für eine erste mögliche Anwendungsstrecke dieser zukunftsorientierten Nahverkehrslösung und ist daher ein wesentlicher Meilenstein für den künftigen Erfolg deutscher Verkehrstechnologien“, erläuterte Johann Bögl, Gesellschafter und Aufsichtsratsvorsitzender des Familienunternehmens, auf einer Pressekonferenz mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und dem Chef des Flughafens München Jost Lammers, als dort der Startschuss für die Machbarkeitsstudie fiel.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here