Mit seiner Ausrüstung katapultiert er sich in die Oberliga und so an die Spitze der größten Baumaschinen Österreichs: der neue Cat Tieflöffelbagger 6015B mit seinen 140 Tonnen. Damit baut das Lafarge Zementwerk in Retznei (Ehrenhausen) seit Juli in der Südsteiermark mithilfe eines 5,6 Kubikmeter großen Reißlöffels Kalkgestein ab. Im Wechsel dazu wird ein Reißzahn erforderlich, um den Mergel und Abraum zu lösen. Der Hydraulikbagger erreicht dank seines Cat Acert-Dieselmotors C27 rund 813 PS beziehungsweise 606 kW. Die sind nötig, um die geforderte Stundenleistung von 800 bis 900 Tonnen Material abrufen zu können. Das Schwergewicht unterstützen zwei weitere Großgeräte in Form von Cat Muldenkippern 775G mit je 62 Tonnen Nutzlast. Auch sie stehen dem Monster-Bagger mit ihren 786 PS beziehungsweise 578 kW in nicht viel nach. Damit ist das Ladesystem komplett, das die Niederlassung Graz von Zeppelin Österreich lieferte und mit dem die Umstellung auf ein neues Abbaukonzept verbunden ist.

Alleine ein einzelner Zahn seines  5,6 Kubikmeter großen Tieflöffels hat mit 75 Kilo eine Dimension, mit der gängige Baumaschinen nicht mithalten können. Auch seine 140 Tonnen Gesamtgewicht, seine 813 PS beziehungsweise 606 kW und
die geforderte Stundenleistung von 800 bis 900 Tonnen Kalkgestein sind eine Welt für sich. Fotos: Zeppelin

„Durch die Ersatzinvestition haben wir wieder den neuesten Stand der Technik erreicht und unsere Energieeffizienz stark verbessert“, so Betriebsleiter Thomas Holliber. Die Motorentechnik basiert auf der EU-Stufe IV. Zur besseren Kraftstoffnutzung beim Cat 6015B tragen unter anderem neue Motorsteuerungstechnologien, das geschlossene Schwenksystem mit Energierückgewinnung und auch eine Auslegerschwimmfunktion bei, die durch Wiederverwertung des Auslegerölstroms die Anforderungen an den Motor verringert. 30 Prozent geringer soll der Kraftstoffverbrauch ausfallen.

Abgelöst wurde damit eine hundert Tonnen schwere Schubraupe Cat D11N, die zum Lösen, Reißen und Schieben des mit Mergel durchzogenen Abraums eingesetzt wurde. Im Zuge der mechanischen Gewinnung will der Standort die Bohrungen und das Sprengen sowie die damit verbundenen Erschütterungen für die Anrainer reduzieren. Altersbedingt hatte der Einsatz am Kettendozer nach 21 000 Betriebsstunden seine Spuren hinterlassen und ein Motorschaden läutete sein Ende ein. Daher wurde von dem Lafarge Zementwerk in Retznei nach einer Alternative und zugleich wirtschaftlichen Abbaumethode gesucht. Damit die Gewinnung des Rohstoffs leistungsgerecht erfolgen kann, wurde viel Zeit in den Auswahlprozess investiert, um die passende Technik samt Ausrüstung zu finden. Jürgen Specht, Leiter der Zeppelin Niederlassung Graz, und Verkäufer Wolfgang Windisch, zogen ihren Kollegen aus Deutschland hinzu. Stefan Oppermann von der Zeppelin Projekt- und Einsatzberatung analysierte die Einsatzbedingungen vor Ort. Seine Aufgabe war es, die kostengünstigste Methode für das Laden und Transportieren zu ermitteln und eine Kostenschätzung abzugeben, welche die Kapitalkosten, Betriebskosten und Arbeitskosten berücksichtigte. Er stellte verschiedene Gerätekombinationen gegenüber und machte eine Leistungsschätzung. Zu berücksichtigen hatte er dabei Leistungsparameter wie etwa den Brecherdurchsatz. Der stationäre Vorbrecher erzielt eine Stundenleistung von 500 bis 600 Tonnen im Schnitt. Mehrmengen werden auf einem Freilager vor dem Brecher gelagert. Die Baumaschinen müssen unentwegt Material liefern, denn der Ofen des Zementwerks erfordert ständig Nachschub und darf nie ausgehen. Mit 600 000 Tonnen Zement ist Retznei eines der größten Zementwerke Österreichs.

Die geforderten Betriebsstunden der eingesetzten Baumaschinen wurden von Stefan Oppermann in eine Kostenkalkulation überführt. Der Kostenvergleich bezog sich auf die Rohstoffproduktion im Tagebau, der rund eine Million Tonnen Massenbewegung erfordert. Das Kalkgestein wird mittels Bohren und Sprengen gelöst und weist ein Schüttgewicht von 1,55 Tonnen pro Kubikmeter auf. Mergel und Abraum müssen mechanisch gelöst werden – deren Schüttgewicht beläuft sich auf 1,65 Tonnen pro Kubikmeter. Eingeflossen ist in die Auswertung auch die Wegstrecke in Form der einfach zurückgelegten rund tausend bis 1 700 Meter von der Ladestelle bis zum Vorbrecher. Was den Abraum betrifft, so wird dieser auf der Kippe des Tagebaus verkippt. Stefan Oppermann erfasste den Rollwiderstand der Fahrbahn samt deren Steigungen und dem Gefälle von zehn bis zwölf Prozent. Für die Umlaufzeiten wurden die mittleren Fahrgeschwindigkeiten für den Transport von Kalk und Mergel sowie Rückfahrten mit leerer Mulde gemessen.

Offizielle Schlüsselübergabe zusammen mit dem Management und Maschinisten.

Das Ergebnis der Kostenrechnung: ein Cat 6015B und zwei bis drei Muldenkipper 775G, je nach Leistungsanforderungen – zwei davon nahm Lafarge in Betrieb. Nummer drei ist ein Cat 775F, der im Bestand war. „Den ersten Cat 775 habe ich hier 2003 verkauft. Seit 18 Jahren betreue ich das Werk Lafarge in Retznei mit Wolfgang Windisch“, erklärt Jürgen Specht. Im Maschinenpark vorrätig ist auch seit 2014 der Cat Radlader 988K mit einer 6,9 Kubikmeter großen Felsschaufel samt Sägezahnmesser, der ebenfalls zur Beladung des Abraums eingesetzt wurde, wenn der Kettendozer seine Reißarbeit verrichtet hatte. Des Weiteren wird ein Cat 988H aus dem Jahr 2007 zur selektiven Beschickung des Brechers eingesetzt.

Was für die von Zeppelin vorgeschlagene Gerätekombination spricht: Ein Gerät ersetzt zwei, was die Investitionskosten senkt. Denn mit dem Bagger lassen sich so nun zwei Aufgaben in einem am wirtschaftlichsten bewältigen: lösen und laden. Dafür erhielt er neben eines Reißlöffels einen Ladelöffel sowie einen Reißzahn. Das bedeutete für die Rohstoffgewinnung allerdings auch das Abbaukonzept umzustellen. Vor der Inbetriebnahme gab es eine Schulung inklusive Einweisung seitens Zeppelin durch Stefan Becker-Sippel von der Projekt- und Einsatztechnik für die drei Maschinisten, die das Gerät bewegen sollen. „Auch wenn sie bereits Erfahrung mit einem 90-Tonnen-Bagger haben, wird es schon etwas dauern, bis sie sich komplett damit vertraut gemacht haben“, so Thomas Holliber. Sein Kollege Andreas Paar, Betriebsaufseher, ergänzt: „Das neue, rekuperative Schwenksystem macht den Unterschied aus. Den optimalen Umgang damit müssen die Fahrer erst noch lernen, aber das ist reine Gewohnheit und wird schnell gehen.“ Noch größer empfanden die Fahrer allerdings den Wechsel von Raupe auf einen Ersatzbagger, der als Übergangslösung diente, bis der neue 140-Tonner in Betrieb ging.

Gerhard Jahrbacher ist einer der drei Fahrer.

Einer der Maschinisten ist der Fahrer Gerhard Jahrbacher, seit zwölf Jahren im Werk Retznei bei Lafarge und davon zwei Jahre im Steinbruch tätig. „Es ist genau das, was ich schon immer machen wollte: einen Bagger fahren“, meint er zu seinem neuen Arbeitsgerät. Erst kürzlich wollte der Fernsehsender ORF im Zuge der Berichterstattung wissen, wie es ist, den größten und somit auch schwersten Bagger Österreichs zu steuern. „Man ist halt einfach besonders stolz darauf“, erläuterte er dem Redakteur. Seine Einstellung erklärt auch, warum er pfleglich damit umgeht. Tunlichst vermeidet er Schmutz in die Kabine zu tragen. Seine Arbeitsschuhe dürfen den Boden der Kabine nicht betreten. Er tauscht sie gegen saubere aus – erst dann steuert er linkes und rechtes Pedal des 140-Tonners. Dazu sein erster Eindruck nach über 30 Betriebsstunden: „Die Steuerung ist feinfühlig, wie man es von einem neuen Bagger auch erwarten darf. Allerdings braucht man schon einen stabilen Stand mit dem Gerät zum Arbeiten und kann sich damit nicht so schräg stellen wie mit dem 90-Tonner. Ansonsten steht der Bagger aber stabil da und schaukelt sich auch nicht auf. Starke Vibrationen beim Eindringen in das Material gibt es keine.“ Gewöhnungsbedürftig sei allerdings noch die Höhe der Maschine. Doch für Wartungskontrollen, wie sie für die Fahrer wie ihn vor Schichtbeginn und -ende feste Routine und in den Arbeitsablauf integriert sind, hat die Dimension des Baggers doch einen Vorteil: Der Motorraum ist nahezu stehend begehbar. „Da hat man viel Freiraum, um Ölstände zu überprüfen. Man merkt einfach, dass der Bagger sehr fahrerfreundlich ist“, so das Fazit von Gerhard Jahrbacher.

Der Investition ging eine Einsatzanalyse voraus.

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