Wir treten ihn mit Füßen und für viele ist er schlichtweg nur Dreck: Boden. Dabei bildet er die Lebensgrundlage für alle Lebewesen – er liefert Nahrungsmittel und speichert Grundwasser sowie Kohlenstoff. Insbesondere für Baufirmen ist es der Stoff, mit dem sie Geld verdienen, indem sie Erdreich ausheben, einbauen, verbessern, verdichten oder transportieren. Doch der achtsame Umgang mit der Ressource, die in der Regel ihren Ursprung in der letzten Eiszeit vor 12 000 Jahre hatte, ist ins Hintertreffen geraten. Es fehlt das Verständnis dafür, was Boden und die darin enthaltenen Mikroorganismen leisten. Die Folgen treten bei schwerem Unwetter mit sinnflutartigen Starkregenfällen zu Tage, wenn Keller volllaufen oder es zu lawinenartigen Schlammmassen auf Straßen oder in Gärten kommt. Bodenschutz wird im Zuge von Bauvorhaben immer wichtiger und damit auch die bodenkundliche Baubegleitung.

Es wird lieber auf der „grünen Wiese“ gebaut, weil da keine Altlasten fachgerecht entsorgt werden müssen und alte Fundamente oder Versorgungsleitungen nicht im Wege stehen. Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

Kommt es zu Fehlern bei der Planung und Ausführung, sind die Folgeschäden oft kaum noch rückgängig zu machen, wenn der Boden sein Ertragspotenzial verliert, unfruchtbar wird und weder Wasser noch Luft speichern kann. Bauprojekte erfordern darum einen nachhaltigen Umgang – etwa die Verdichtung des Bodens, wo es nicht nötig ist, zu vermeiden und Unter- sowie Oberboden nicht miteinander zu vermischen. Das gilt insbesondere für den Netzausbau, vor allem, wenn es um das Verlegen von Erdkabeln geht. Der deutsche Bundesverband Boden sieht dabei den Boden in Gefahr, wenn etwa für die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung ein etwa 40 Meter breiter Streifen auf einer Länge von rund 800 Kilometern für Fahrtrassen, Erd- und Materiallager, Baustelleneinrichtungen und Kabelgraben entsteht. Das beinhaltet auch Zuwegungen zur Trasse und begleitende Lagerflächen für Technik und Maschinen. So rechnet der Verband neben mechanischen Wirkungen bei der Aufgrabung, Lagerung und Umlagerung auf den weiteren Bauflächen insbesondere mit Bodenverdichtungen durch hohe Kontaktflächendrücke von Baufahrzeugen und Maschinen bei Befahrung und Lagerung.

Stromnetzbetreiber TenneT hat daher kürzlich in einem Test untersuchen lassen, ob im Zuge des größten deutschen Leitungsbauprojekts Wahle- Mecklar 380-kV-Drehstromerdkabel nicht doch bodenschonend verlegt werden können. Entwickelt wurde ein Pflug, der Leerrohre ins Erdreich einbringt, durch die später die Erdkabel gezogen werden. Der Test soll zeigen, wie der Bodeneingriff verringert und Bauzeiten verkürzt werden können. Bislang liegen Erfahrungen nur für niedrigere Spannungsebenen vor. Die Anforderungen an die präzise Verlegung von Höchstspannungserdkabeln sind deutlich höher als in den unterlagerten Netzen. Deshalb soll der Test auch darüber Aufschluss geben, ob diese Anforderungen genauso sicher und effektiv erfüllt werden können, wie bei den bisherigen Verlegetechniken. Von zentraler Bedeutung ist, dass die Kabel nach der Verlegung in der richtigen Tiefe und im richtigen Abstand zueinander liegen, um die Betriebssicherheit dauerhaft zu gewährleisten. Um dies zu erreichen, wurde der Pflug mit einer Seilwinde von einem geländegängigen Zugfahrzeug gezogen und glich dabei Unebenheiten durch verstellbare Ausleger oder hydraulisch regulierbare Ketten aus. Die neue Verlegetechnik eignet sich jedoch nicht für alle Böden und erfordert zudem eine gewisse Hindernisfreiheit. Von der neuen Verlegeweise erhofft sich der Netzbetreiber die Menge des Bodenaushubs abschnittsweise auf ein Minimum reduzieren zu können, wodurch auch die Auswirkungen auf Bodenstruktur und Bodengefüge deutlich minimiert werden würden. Die Testergebnisse haben nicht nur einen Einfluss darauf, wenn die 230 Kilometer lange Leitung zwischen Niedersachsen und Nordhessen verlegt wird, sondern auch für zukünftige Maßnahmen.

Zwischen 1993 und 2003 lag der durchschnittliche Flächenverbrauch in Deutschland noch bei 120 Hektar pro Tag. Inzwischen ist der Wert auf 74 Hektar gesunken, was etwas mehr als hundert Fußballfeldern gleichkommt – doch von ihrer Vorgabe ist die Bundesregierung meilenweit entfernt. Denn in zwei Jahren will sie die Neuinanspruchnahme von Flächen für Siedlungen und Verkehr auf 30 Hektar pro Tag begrenzen – so sah es die nationale Nachhaltigkeitsstrategie vor, die Anfang 2000 auf den Weg gebracht wurde. Dass das Ziel 2020 nicht realistisch ist, hat die Regierung selbst verschuldet: Mit dem erweiterten Baugesetzbuch ist es Kommunen erlaubt, Bebauungspläne für Flächen auf der „grünen Wiese“ von bis zu 10 000 Quadratmetern durchzuführen, ohne dass sie im Vorfeld die Umweltauswirkungen systematisch analysieren.

Dem Flächenfraß in Bayern wollten die Grünen nun durch ein Volksbegehren Einhalt gebieten und den Flächenverbrauch auf fünf Hektar pro Tag begrenzen. Fast 50 000 Unterschriften wurden gesammelt. Doch der Bayerische Verfassungsgerichtshof lehnte das Volksbegehren als unzulässig ab. Es würde die Selbstverwaltung der Gemeinden beeinträchtigen, argumentierte der Präsident des Verfassungsgerichts, Peter Küspert. Für die Aufteilung des zulässigen Flächenverbrauchs kämen verschiedene Kriterien in Betracht, wie etwa die Bevölkerungszahl oder -entwicklung, die Gesamtfläche einer Gemeinde, vorhandene Freiflächen, der bisherige Flächenverbrauch, wirtschaftliche Faktoren, oder aber ein bestehender Flächenbedarf, heißt es in der Begründung.

Um Wohn- und Baugebiete auszuweisen, haben Kommunen Planungshoheit. Sie buhlen um Unternehmen und deren Investitionen alleine schon wegen der Arbeitsplätze und der Gewerbesteuer als zentrale Einnahmequelle. So wird der Flächenverbrauch weiter angeheizt. Aber auch der Bedarf an Wohnungen treibt ihn an. 1,5 Millionen Wohnungen sollen nach dem Willen der Bundesregierung in den kommenden Jahren in Deutschland neu gebaut werden – dank neuer Anreize wie reformierter Grundsteuer, Baukindergeld und zusätzlicher Mittel für die soziale Wohnraumförderung. Das ambitionierte Ziel nimmt jedoch die regionalen Unterschiede zu wenig in den Blick. Denn während auf dem Land teilweise Leerstand droht, fehlen in den Großstädten tausende Wohnungen. Seit 2012 sind die Immobilienpreise in München, Berlin und Frankfurt um rund 50 Prozent gestiegen. In vielen ländlichen Regionen stagnieren die Preise hingegen und die geplanten Maßnahmen könnten zu noch mehr Leerständen führen. „Vor allem das Baukindergeld setzt falsche Anreize“, kritisiert IW-Immobilienexperte Michael Voigtländer. Die Pläne der Regierung könnten die Situation sogar noch verschärfen. „Die Politik sollte sich viel mehr darauf konzentrieren, den Städten beim Aufbau neuer Viertel zu helfen, vor allem durch die Vorfinanzierung von Infrastruktur“, erklärt Voigtländer. Um die Bautätigkeit anzuregen, könnte zudem eine Bodenwertsteuer eingeführt werden, bei der der Wert der Gebäude nicht eingerechnet wird. „Die Bodenspekulation wird dadurch deutlich unattraktiver.“ Experten schlagen außerdem Alarm aufgrund des unerwünschten Nebeneffekts von mehr erschlossenem Bauland auf dem Land: Werden dort mehr Gebäude gebaut, nehmen Flächenverbrauch und Zersiedelung schneller zu. Nach wie vor werden viele vorhandene Gewerbeflächen in Deutschland nicht genutzt. Schätzungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zufolge könnten rund 120 000 bis 165 000 Hektar an entwicklungsfähigen Flächen (fast die Hälfte davon ehemals genutzte Brachflächen) in Städten und Ortschaften für Baumaßnahmen zur Verfügung stehen. Doch es wird lieber auf der „grünen Wiese“ gebaut, weil da keine Altlasten fachgerecht entsorgt werden müssen und alte Fundamente oder Versorgungsleitungen nicht im Wege stehen, die erst aufwendig und kostspielig entfernt werden müssen.

Große Probleme mit dem Flächenfraß hat auch Österreich – dort werden täglich rund 20 Hektar Bodenfläche verbaut, was einer Größe von 30 Fußballfeldern entspricht. Die Alpenrepublik ist mit einer Supermarktfläche von 1,8 Quadratmeter pro Kopf und einer Straßenlänge von 15 Meter pro Kopf bereits Europameister im negativen Sinne. Wenn diese Entwicklung so fortschreitet, wird es in Österreich in 200 Jahren keine Agrarflächen mehr geben, so die Österreichische Hagelversicherung. Ihr zu Folge soll dort der Leerstand noch nie so groß wie heute gewesen sein: Sie beziffert den Umfang auf mehr als 40 000 Hektar oder umgerechnet die Fläche der Stadt Wien an leerstehenden Industrie-, Gewerbe- und Wohnimmobilien. Ein Großteil der Brachflächen befindet sich in gut erschlossenen Lagen. Solche Standorte wären für neue Nutzungen zwar prädestiniert, aber viele Investoren bevorzugen unverbaute Grünflächen. Daraus ergeben sich unerwünschte Begleiterscheinungen, wie hohe Kosten für den Bau und die Erhaltung von Infrastruktur, Zersiedelung und Verlust an Urbanität, beklagt die Österreichische Hagelversicherung. Sie sieht im Recycling von brachliegenden Flächen eine wichtige Alternative zum Bauen auf der „grünen Wiese“ und plädiert im Sinne von Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung für einen effektiven, sparsamen und wirtschaftlichen Mitteleinsatz sowie für die Revitalisierung von Brachflächen. In den letzten Jahren rückt angesichts zunehmender Probleme sowohl beim qualitativen als auch beim quantitativen Bodenschutz das Bodenschutzrecht vermehrt in den Fokus. Diese Rechtsmaterie, die bisher von der Rechtswissenschaft weitgehend vernachlässigt wurde, präsentiert sich als komplexe Gemengelage zwischen internationalem, europäischem und nationalem Recht auf Bundes- und Landesebene. „Das geltende Bodenschutzrecht in Österreich erweist sich dabei insgesamt als zu wenig wirksam und schlagkräftig. Die Überlappung verschiedener Normen und die zu beobachtende Rechtsund Kompetenzzersplitterung erschwert logistische Maßnahmen zusehends. Die Grenzen ordnungspolitischer Maßnahmen sind solcherart schnell erreicht, die Effektivität vieler Regelungen muss ernsthaft hinterfragt werden. Moderne und innovative Ansätze, wie etwa kooperative Elemente, fehlen weitgehend. Die Wichtigkeit von Anreizsystemen und Instrumenten der Bewusstseinsbildung scheint noch nicht hinreichend erkannt worden zu seien“, so Professor Roland Norer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Agrar- und Umweltrecht. Er fordert zusammen mit Wissenschaftlern und Versicherungswirtschaft den Bodenverbrauch zu stoppen: „Eine bodenschonende Raumplanung kann dazu durch die Festlegung von landwirtschaftlichen Vorrangzonen und Siedlungsgrenzen auf Regional- und Landesebene sowie die Revitalisierung gewerblich und industriell vorgenutzter Brachflächen einen entscheidenden Beitrag leisten.“

Industrieflächen, die etwa aufgrund des Strukturwandels leer stehen, müssten sich wieder neu nutzen lassen. Immobilienentwickler nennen diese Entwicklung neudeutsch vom Brownfield zum Greenfield. Die Brache wieder in eine neue Nutzung zu überführen, erfordert allerdings eine strenge Überprüfung der Wirtschaftlichkeit und insbesondere der vorhandenen Altlasten. Bei Brownfields werden die Sanierungsverfahren und -nachweise besonders akribisch geprüft, heißt es seitens Garbe Industrial Real Estate. Der Hamburger Immobilienentwickler machte auf einer 450 000 Quadratmeter großen Teilfläche der Dortmunder Westfalenhütte inzwischen einen modernen Logistikpark, auf dem sich Unternehmen wie Schenker oder Amazon ansiedelten. Wo früher 160 Jahre Jahre lang die Montanindustrie ihr Zuhause hatte und Hoesch den Stahl köchelte, werden heute Pakete distribuiert und umgeschlagen. Um den Flächenfraß zu stoppen, müssten solche Beispiele öfter Schule machen.

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