Derzeit haben nur fünf Prozent der Betriebe ihre Produktion bereits weitgehend oder sogar vollständig digital vernetzt. So das Ergebnis einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young. Der Mittelstand droht abgehängt zu werden, weil dort die Digitalisierung immer noch nicht angekommen ist – solche Aussagen machen immer wieder die Runde. Ein Gegenbeispiel ist das Bauunternehmen Neureiter aus Fremdingen, das seine Baustellen längst in Richtung 3D trimmt. Das zahlt sich in mehrfacher Hinsicht aus.

Senior- und Juniorchef Xaver Neureiter (links und rechts) in Gersthofen, wo bei der Erschließung einer Logistikhalle der
neue 30-Tonner eingesetzt wird, den Christoph Gil (Mitte) von der Zeppelin Niederlassung Ulm lieferte. Foto: Zeppelin

Das Aufmaß erfolgt bei dem Mittelständler längst nicht mehr anlog per Abstecken oder durch Einmessen von Hand und auf Basis von Papierplänen, sondern digital und wird mithilfe einer Baggersteuerung am Cat Kettenbagger 330FLN umgesetzt. Alle Informationen eines Baustellenprojekts, angefangen von den Baustellenplänen bis zu den Verwaltungsabläufen, sind digital verfügbar, was Prozesse effizienter macht und Fehlerquellen minimiert. Externe Dienstleister in der Vermessung braucht es nicht mehr. „Früher wurde zwar 3D geplant, dann auf Papier ausgedruckt und aufgemessen und im Büro wieder in 3D übertragen. Das macht wenig Sinn“, so Xaver Neureiter Junior, der 2009 in den Familienbetrieb als Bauleiter im Tiefbau einstieg. Seit 2017 ist er Anteilseigner und zusammen mit Xaver Senior und Erwin Neureiter Geschäftsführer.

Als Juniorchef setzte sich dafür ein, dass Planungsdaten von Auftraggebern digital angenommen und bearbeitet werden, damit sie unmittelbar allen Beteiligten auf der Baustelle zur Verfügung stehen. Die Intention, die der Geschäftsführer damit verfolgt: Prozesse müssen durchgängig sein und zwar vom Auftragseingang über Arbeitsvorbereitung und Ausführung bis hin zur Dokumentation, Abrechnung und Nachkalkulation. Nicht an jeder Schnittstelle soll Zeit verloren gehen. Und genau der Zeitvorsprung hat dazu geführt, dass der Bagger 2017 effektiv keine zehn Tage ohne Steuerung gearbeitet hat. „Unser Fahrer ist selbst verblüfft vom Zugewinn an Leistung. Früher hat der Polier Takt und Tempo vorgegeben. Jetzt setzt der Bagger die Kolonne unter Druck. Er weiß, wo es hingeht und marschiert voraus. Die anderen müssen schauen, dass sie hinterherkommen“, sind die Erfahrungen, die der Familienbetrieb aus dem schwäbischen Landkreis Donau-Ries gemacht hat. Wenn es um konkrete Zeit-Werte geht, hängt viel vom Auftrag ab. „Vorteile lassen sich zwar nicht immer ausspielen und noch sind nicht alle unsere Bagger mit 3D ausgerüstet, aber bei unserer ersten Baustelle hatten wir mit zwei gesteuerten Baumaschinen und einer ohne Steuerung gearbeitet. Da hatte ich den Eindruck, dass wir 15 Prozent schneller waren. Ich denke, dass im Neubau bei Erschließungen ein Zeitvorsprung von 20 bis 25 Prozent möglich ist“, so das Urteil von Neureiter Junior.

Die Vorteile überzeugten ihn, weitere Projekte im Bereich der Digitalisierung anzustoßen. Das Unternehmen ließ für BauSU, eine Software für die Abrechnung und Kalkulation, eine Schnittstelle programmieren, um damit aus 3DPunkten Schächte zu generieren. „Wir hatten schon ein Programm, das aus geometrisch eingegebenen Haltungen Aufmaßzeilen generiert. Hier konnte man zum Beispiel die Position für ein Rohr, einen Schacht oder den Aushub im Leistungsverzeichnis eingeben. Neu ist aber, dass das nun nicht mehr händisch eingetippt werden muss, sondern Schächte können aus Koordinaten erstellt werden. Damit muss aus Bestandsdateien des Poliers, der sämtliche Schmutzwassersohlen auf der Baustelle aufgemessen hat, nur noch einmal die Datei bearbeitet und eingelesen werden. Somit können wir dann aus allen Schächten in der Abrechnung schnell zum Aufmaß und zur Abrechnung kommen“, so Neureiter Junior. Während der Ausführung werden Aufmaße der ausgeführten Arbeiten erstellt und in das Büro übertragen. Daten können somit unmittelbar ausgewertet werden, aus denen dann die Abrechnung generiert wird.

„Konzerne haben es leichter, digitale Prozesse zu realisieren“

2017 bewarb sich das Bauunternehmen um den Digitalbonus Bayern Plus – ein Förderprogramm, das die Bayerische Staatsregierung aufgelegt hat, um mittelständische Betriebe bei der Umsetzung der Digitalisierung zu unterstützen. Dafür wurden finanzielle Mittel in Höhe von insgesamt hundert Millionen Euro bereitgestellt. Auch die Firma Neureiter profitiert durch die staatliche Förderung, mit der Unternehmen ihre Produktionsprozesse und Arbeitsabläufe sowie IT-Sicherheit fit für die Zukunft machen sollen. Damit Mittelständler hinsichtlich Digitalisierung nicht abgehängt werden, wurde die direkte Förderung ausgelobt, die von der Bezirksregierung, der Regierung von Schwaben in Augsburg, ausgezahlt wird. „Die Digitalisierung bevorzugt große Einheiten. Konzerne haben es leichter, digitale Prozesse zu realisieren, weil sie entsprechende IT-Abteilungen und entsprechende Strukturen sowie Organisationseinheiten haben. Das Schwierige ist an der Digitalisierung, den Prozess aufzusetzen und umzusetzen. Ob sie das für zwei Mitarbeiter oder 2 000 machen: Der Aufwand ist der Gleiche“, so der Juniorchef. Um die Förderungen in Höhe von 50 000 Euro zu erhalten, musste das Unternehmen 100 000 Euro investieren. Grundvoraussetzung dafür war ein besonderer Innovationsgehalt, mit dem sich der Betrieb um die Förderung bewarb. Dieser war durch die Maschinensteuerung erfüllt. Das Bauunternehmen investierte in zwei 3D-Steuerungen, zwei Handrovergeräte und zwei Basisstationen – sie bilden die Grundausstattung einer Baustelle. Weil der Digitalbonus auch als Standard-Förderung beantragt werden kann, nutzte der Juniorchef die Chance erneut. Damit gekoppelt sind Maßnahmen zur IT-Sicherheit, denn in einen neuen Server und neue Datensicherheit wollte das Bauunternehmen ebenfalls investieren.

Der Breitbandausbau auf dem Land ist derzeit im Zuge von Industrie 4.0 ein wunder Punkt und bereitet vielen Unternehmen großes Kopfzerbrechen. „Bis vor zwei Wochen waren wir auf einer 16Mbit DSL-Leitung angewiesen, aber unser Netz wurde endlich ausgebaut. Das reicht für unsere Art der Datenverarbeitung. Wir übergeben in der Regel Punktgeometrien, die nicht groß sind“, erklärt der Juniorchef. Das Maximum ist die optische Zeichnung, die der Bagger als Hintergrundkarte braucht und die er auf einem USB-Stick erhält. „Dieser Support vor Ort tut ihm auch gut. Man muss dem Baggerfahrer den neuen Job samt Basisstation einrichten, damit er loslegen kann“, meint Xaver Neureiter Junior, der ihm den Plan übergibt. Wird im Verlauf der Baumaßnahme noch etwas geändert, wird das online auf die Baumaschine aufgespielt. „Somit habe ich tatsächlich nur Dateien mit wenigen hundert Kilobyte.

„Dem Fachkräftemangel etwas entgegenwirken“

Warum sich die Firma Neureiter stark macht hinsichtlich Digitalisierung, hat auch damit zu tun, dass in Zukunft immer weniger Maschinisten im Zuge des Fachkräftemangels einen Bagger bedienen wollen. „Wir versuchen, so die Lücke auszugleichen, indem wir auf Hightech setzen. Wer mehr Kubikmeter pro Stunde umsetzt, kann dem Fachkräftemangel etwas entgegenwirken. So erreichen wir die gewünschte Leistung und können das ausgleichen“, so Neureiter Junior. Das Unternehmen beschäftigt 55 Mitarbeiter und engagiert sich stark in der Ausbildung. Mitarbeiter sind für ihn auch der Schlüssel, wenn die Digitalisierung gelingen soll. „Doch die Technik ist mittlerweile so anwenderfreundlich geworden, sodass Mitarbeiter darauf nicht mehr verzichten wollen“, bestätigt er.

Das gilt für den Hochbau – eines der Standbeine des Unternehmens – der vom klassischen Einfamilienhaus bis hin zum Industriebau, Hallenbau und öffentlichen Bau wie einem Feuerwehrhaus oder einer Turnhalle reicht. Der Fokus geht dabei in Richtung Betonbau. Genauso betrifft es den Tiefbau, wobei hier der Schwerpunkt auf den Bau von Abwasserkanälen gelegt wurde. Das beinhaltet aber auch die Wasser- und Gasversorgung. Dabei gilt die Devise: Je größer und je tiefer das Rohr, desto besser. Bodenverbesserung im Kanalbau bietet der Betrieb seit 2002 an. „Es gibt mittlerweile kaum noch eine Baustelle, wo wir den Aushub nicht noch mal wiederaufbereiten, um ihn dann wieder einbauen zu können. Wir versuchen überall da zu arbeiten, wo wir mit Bodenverbesserung punkten können und wo wir mit unserem Know-how überzeugen können“, so Neureiter Junior.

Momentan ist es vor allem der Neubau, der für große Auslastung sorgt, insbesondere durch die Erschließung von Neubauprojekten. „Wir haben uns spezialisiert. Es ist doch am besten, wenn jeder das macht, was er gut kann. Da hat sich bei uns der Kanalbau gut herausentwickelt und da können wir Leistung fahren. Wir suchen uns die Aufgaben, bei denen das Arbeitsanforderungsprofil interessant ist“, meint der junge Geschäftsführer.

Allerdings wachsen die Anforderungen immer mehr, was zu der Investition in den 30-Tonnen-Bagger bei Christoph Gil von der Zeppelin Niederlassung Ulm führte. „Was wir brauchen, ist ein schwerer Krieger, wenn der Fels hart wird. Die Schächte werden immer schwerer und komplexer und müssen auch immer größere Wassermengen aufgrund der durch den Klimawandel bedingten steigenden Niederschläge aufnehmen“, so Neureiter. Was auf den Betrieb immer wieder zukommt: In einen Schacht muss noch ein Schieber eingebaut werden, es müssen mehrere Rohre durchgeführt werden oder der Durchfluss muss gedrosselt werden. Der Bagger muss dann einen acht bis neun Tonnen schweren Schacht versetzen können. „Wir wollen da nicht jedes Mal einen Autokran benötigen. Das gilt auch, wenn einmal im Jahr ein Stauraumkanal mit Stahlbetonrohren zu setzen ist, die einen Durchmesser von zwei Meter haben. Wenn ich das mit einem eigenen Bagger versetzen will, brauche ich eben ein 30-Tonnen-Gerät“, argumentiert der Juniorchef.

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