Wenn Deutschland Ende 2018 den Steinkohle-Bergbau einstellt, bleiben riesige
Flächen und Industrieanlagen zurück. Diese in eine neue Funktion zu überführen, erfordert neue Konzepte. Um die Umwandlung der stillgelegten Bergwerke in neue Quartiere kümmert sich die RAG Montan Immobilien GmbH. Darüber sprachen wir mit Markus Masuth, seit Oktober deren neuer Vorsitzender der Geschäftsführung am Rande der Expo Real in München.

Rendering des Neubaus der Zentrale von RAG-Stiftung und RAG auf Zollverein. Foto: kadawittfeldarchitektur

Deutsches Baublatt: Wie groß sind die Industrieflächen in Deutschland, die durch
den Kohleausstieg 2018 frei werden und die umgestaltet werden müssen?

Markus Masuth: Der Flächenbestand, den wir insgesamt jetzt schon haben und
den man entwickeln kann, beträgt derzeit rund 10 000 Hektar. Seit unserer Gründung
im Jahr 1977 haben wir schon nahezu die gleiche Fläche entwickelt, da ja in diesen 40 Jahren schon viele Flächen außer Betrieb genommen wurden. Was in Kürze noch dazukommt, ist eine relativ kleine Flächengröße von rund 600 bis 700 Hektar Fläche der zwei Bergwerke Prosper Haniel und Ibbenbüren, die 2018 stillgelegt werden. Für diese Flächen sowie die Flächen des Ende 2015 stillgelegten Bergwerkes Auguste Viktoria in Marl müssen erst einmal die bergrechtlichen Themen bearbeitet und ein Abschlussbetriebsplanverfahren durchgeführt werden. Parallel gehen wir an die Flächenentwicklung und wollen da unsere langjährige Erfahrung und unser Know-how einbringen, was wir an anderen Standorten erworben haben.

2017, „Es braucht Zeit“
Markus Masuth, Vorsitzender der Geschäftsführung der RAG Montan Immobilien GmbH. Foto: RAG Montan Immobilien

Deutsches Baublatt: Wie lange dauern solche Prozesse der Umwandlung von Industrieflächen?

Markus Masuth: Das ist abhängig von den Aktivitäten an den Standorten. Man muss unterscheiden, ob es dort ein Bergwerk, eine Kokerei oder andere Nebenbetriebe gab. Da vergehen schon einige Jahren – vom absehbaren Zeitpunkt, wenn ein Bergwerk stillgelegt wird, bis hin zu einer endgültigen Nutzung. Inzwischen kennen wir die Entwicklungsprozesse so gut, dass wir genau einschätzen können, wie viel Zeit so eine Umwandlung in Anspruch nimmt. Bis alle rechtlichen Angelegenheiten geklärt sind, braucht es Zeit. Außerdem müssen die vielen beteiligten Partner integriert werden, was ebenfalls
dauert. Am Ende soll ja auch etwas entstehen, das alle zufriedenstellt, nachhaltig
ist und nicht nach ein paar Jahren wieder verpufft.

Deutsches Baublatt: Was macht den Umwandlungsprozess eigentlich so zeitintensiv?
Ist es der Umgang mit den Altlasten insbesondere der Umgang mit dem Grubenwasser?

Markus Masuth: Solche Themen können wir mittlerweile sehr gut bearbeiten.  Da greifen wir inzwischen auf Standardabläufe zurück und haben unsere Experten. Schwieriger wird es, wenn wir von Entscheidungen abhängen, die noch nicht getroffen sind. Dies betrifft
auch das Thema Grubenwasser. Das hat Zeit gekostet. Ich hoffe aber, dass die notwendigen Entscheidungen bald gefällt werden.

Deutsches Baublatt: Vielleicht auch deshalb, weil die Wissenschaft miteinbezogen wird und neue Forschungsergebnisse miteinfließen?

Markus Masuth: Für die Grubenwasserthematik gilt dasselbe wie für die Flächenentwicklung: In der Regel geht es darum, ganzheitliche und mehrheitsfähige Konzepte zu finden. So kommt es bei unseren Entwicklungsprojekten durchaus vor,
dass man auf einem Standort Logistikunternehmen ansiedelt, die so groß sind, dass sie die gesamte Fläche auf einmal in Beschlag nehmen. Wir haben andere Standorte, auf denen wir Wohn- und Kreativquartiere in Verbindung mit Einzelhandel entwickeln, sodass wir viele einzelne Grundstücke vermarkten müssen. Aber beide Standorte werden ganzheitlich geplant und realisiert. Am Ende braucht es Investoren. Man muss die richtigen Partner akquirieren. Wichtig sind auch weitere Projektentwickler. Wir arbeiten hier nicht mit jedem zusammen, sondern wir wollen letztlich gute Ergebnisse, die nachhaltig sind und zum jeweiligen Standort passen.

Deutsches Baublatt: Wie gelingt es, Investoren zu überzeugen, dass es finanziell attraktiver sein kann, industrielle Flächen ehemaliger Zechen weiter zu entwickeln und in eine neue Nutzung zu überführen als auf der grünen Wiese zu bauen?

Markus Masuth: Es mag einfacher sein, aber die grüne Wiese steht vielfach nicht zur Verfügung. Das verbindet uns dann wiederum am Ende. Deswegen halten viele Projektentwickler und Investoren nach Industrieflächen Ausschau. Am besten ist es,
wenn sich diese mit uns schon in einem möglichst frühen Stadium zusammenfinden. Ideal ist es, Ideen zu entwickeln bei der Übergabe aus dem aktiven Bergbau und dem Rückbau der ersten Anlagen. Dass das funktioniert, haben wir ja schon bewiesen beispielweise bei der Entwicklung des Bergwerkes West in Kamp-Lintfort, beim Bergwerk Ost in Hamm und auch bei den jetzt noch laufenden Bergwerken in Bottrop und Ibbenbüren.

Deutsches Baublatt: Welche Voraussetzungen müssen denn solche Flächen oder eben Gebäude aus Zeiten des Bergbaus erfüllen, damit man sie weiterentwickeln kann?

Markus Masuth: Für Logistikprojekte ist eine bestehende Infrastruktur unverzichtbar. Flächen wie in Marl auf dem Bergwerk Auguste Viktoria haben eine entsprechende Autobahnanbindung, einen Bahnanschluss und den Wesel-Datteln-Kanal. Das sind beste Voraussetzungen, um Logistikunternehmen platzieren zu können. Bei Wohnbebauung und Einzelhandel muss die Infrastruktur nicht in dem Ausmaß vorhanden sein. Doch
da im Umfeld von ehemaligen Bergwerken meist Menschen gewohnt haben, was im Lauf von Jahrzehnten und seit einem Jahrhundert entstanden ist, wird um einen Kern, der möglicherweise, aber nicht zwangsläufig unter Denkmalschutz steht und häufig identitätsbildend ist, etwas Neues gebaut. Die Mischung zwischen Alt- und Neubau macht so ein Quartier auch spannend.

Deutsches Baublatt: Bis die Zeche Zollverein zu einem Mega-Ziel in NRW werden konnte, musste viel öffentliches Geld fließen: Über 300 Millionen Euro hat es bislang gekostet, alte Gebäude und Anlagen zu sanieren. Wie viel Geld wird denn der Strukturwandel
insgesamt kosten?

Markus Masuth: Zollverein ist ja zu einem Leuchtturm-Projekt und UNESCO-Welterbe geworden und somit auch nicht typisch für eine Flächenentwicklung, wie wir sie im Ruhrgebiet, im Saarland oder im Tecklenburger Land machen. Die von Ihnen
genannte Summe setzt sich aus öffentlichen Mitteln zusammen, die als Anschubfinanzierung an die Stiftung Zollverein gegangen sind, um das Weltkulturerbe überhaupt weiterzuentwickeln und erhalten zu können. Bei anderen Flächen spielen solche Summen keine Rolle. Gleichwohl beantragen wir in der Regel Fördermittel, um die Nachteile bei der Entwicklung von industriell vorgenutzten Flächen gegenüber den Flächen auf der grünen Wiese auszugleichen. Ansonsten arbeiten wir eigenwirtschaftlich und gehen
von unserer Seite ins unternehmerische Risiko.

Deutsches Baublatt: Müsste der Strukturwandel subventioniert werden? Der RAG-Stiftungsvorsitzende Werner Müller hat in einem Interview einen Soli für das Ruhrgebiet ins Gespräch gebracht, um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern.

Markus Masuth: Für unsere Entwicklungsprojekte gibt es ja bereits Anschubmöglichkeiten und flankierende Maßnahmen, die hilfreich sind. Viel eher spielt allerdings der Faktor Zeit eine Rolle. Sobald ein Projekt angeschoben ist und ein erster Entwicklungsimpuls
da ist, kann sehr schnell Weiteres entstehen. Ähnlich ist es auf dem Gelände der Kokerei Zollverein gewesen. Die Ansiedlung der RAG Montan Immobilien vor vier Jahren
war eine Initialzündung für die Büroimmobilienentwicklung. In diesem Bereich von Zollverein. Im Herbst wird nebenan noch die Zentrale der RAG und RAG Stiftung hinzukommen. Weitere Ansiedlungen, etwa von jungen Start-up-Unternehmen, sind auf
gutem Weg.

Deutsches Baublatt: Auf dem Areal des Zollvereins liegt nun der Fokus auf der Entwicklung
eines Bürostandorts. Was kann man aus alten RAG-Flächen sonst noch
machen?

Markus Masuth: Beginnend beim ehemaligen Bergwerk Niederberg in
Neukirchen-Vluyn: Dort haben wir auf einem Großteil der Fläche neue Eigenheime
und mehrgeschossigen Wohnungsbau realisiert. Die meisten Grundstücke
sind bereits verkauft. Wir sind dabei, das Umfeld des Bergwerkes West in Kamp-
Lintfort weiterzuentwickeln. Dort findet im Jahr 2020 die Landesgartenschau statt, was wir zusammen mit der Kommune unterstützen. Anschließend soll dort auch ein innenstadtnahes Wohngebiet entstehen, in einigen ehemaligen Bestandsgebäuden
hat sich schon Gewerbe angesiedelt. In der Mitte des Ruhrgebiets bei Prosper Haniel bietet sich die Chance, zusammen mit den Städten Bottrop und Essen, ein Quartier entlang des Rhein-Herne-Kanals mit einem Hafen zu entwickeln. Da werden neue Verkehrsachsen
geplant. Die Regionalentwicklung ist dabei, neue Konzepte zu erarbeiten, was
ein großer Schwerpunkt für die kommenden Jahre sein wird. Die besondere
Herausforderung ist, beide Kommunen mit ihren Planungen unter einen Hut zu
bringen. Damit ist man aber auf gutem Wege. Auguste Viktoria wird, wie schon
erwähnt, auf Industrie und logistische Nutzung ausgerichtet. In Hamm wiederum haben wir einen denkmalgeschützten Kern aus ehemaligen Bestandsgebäuden der Zeche. Dort ist gerade eine Projektentwicklungsgesellschaft  zusammen mit der Stadt Hamm gegründet worden, um ebenfalls ein neues Quartier zu schaffen. Es gibt dort auch schon Investoren. Im Tecklenburger Land bei Ibbenbüren steht prinzipiell ein vergleichbarer Prozess an.
Derzeit werden mit den Kommunen und den Bürgern die Konzepte entwickelt.
Dann geht es in die konkreten Planungen mit dem Ziel, auch dort den Strukturwandel nachhaltig zu gestalten.

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