Deutschlands größtem Auftraggeber steht bis 2019 eine umfangreiche Modernisierungsoffensive seiner Infrastruktur bevor, die sich auf 28 Milliarden Euro beläuft: Das Schienennetz der Deutschen Bahn (DB) wird die nächsten Jahre erneuert und ausgebaut. Alleine für 2017 sollen 7,5 Milliarden Euro dafür aufgewendet werden. In dem 33 000 Kilometer langen Netz werden 1 650 Kilometer Gleise ertüchtigt, darunter auch 1 800 Weichen und 4 600 Anlagen der Leit- und Sicherungstechnik. In Spitzenzeiten kann das bis zu tausend Baustellen gleichzeitig bedeuten. Da müssen Spezialisten her, welche die Baustellen so managen, dass es nicht zu Verspätungen kommt. Richten soll es das neue „Lagezentrum“, gab Infrastruktur-Vorstand Ronald Pofalla erst bekannt. Gegründet wurde die Spezialabteilung mit 15 Beschäftigten diesen Juli – bis Jahresende sollen ihr mehr als hundert Mitarbeiter angehören, welche die regionalen Planungs- und Baueinheiten unterstützen. Bewertet werden die Bauvorhaben nach einem Punktesystem, das anzeigt, ob die Baumaßnahmen noch innerhalb der geplanten Bauzeit liegen oder hinterherhinken. Das ist nicht die einzige Maßnahme, welche die Bahn in die Wege leitet, um Neu- und Ausbaumaßnahmen in den nächsten Jahren zügig und kostengünstig zu realisieren.

In Spitzenzeiten wird an tausend Baustellen gleichzeitig gebaut. Foto: Christian Greisinger/pixelio.de

Das Bundesverkehrsministerium und der Staatskonzern einigten sich auf eine Finanzierungsvereinbarung für künftige Planungen. Damit sollen Bedarfsplanprojekte aus dem Bundesverkehrswegeplan 2030 gebaut werden können, ohne dass Kosten und Zeit aus dem Ruder laufen. Das verschlankte Regelwerk soll zum 1. Januar 2018 in Kraft treten, das Teil der „Strategie Planungsbeschleunigung“ ist. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sieht darin eine Stärkung des Verkehrsträgers Schiene: „Durch den Investitionshochlauf stehen Rekordmittel für die Projekte bereit. Dazu starten wir gemeinsam mit der Bahn eine Offensive: Der Bund übernimmt künftig die gesamten Planungskosten, die DB beteiligt sich an den Gesamtkosten und sagt verbindliche Termine für die Inbetriebnahme zu.“ Die bisherige Regelung: Die DB erhielt eine gedeckelte Pauschale in Höhe von 18 Prozent der Bausumme. Das wird aufgehoben. Die DB wird sich künftig an allen Kosten der Vorhaben beteiligen, also auch an den gesamten Baukosten. Bund und Bahn versprechen sich davon, dass dies zu realistischen Baukostenabschätzungen führt und hilft, spätere Baukostensteigerungen zu vermeiden. „Dadurch setzen wir Anreize zum wirtschaftlichen Planen und Bauen. Neue Schienenprojekte stehen schneller leistungsfähig zur Verfügung und wir erzielen jährlich einen volkswirtschaftlichen Nutzen in dreistelliger Millionenhöhe“, erhofft sich Dobrindt. Laut Ronald Pofalla sollen sich die Projektlaufzeiten um durchschnittlich ein bis zwei Jahre verkürzen. „Für den Mittelbedarf erwarten wir eine Senkung um 170 bis 270 Millionen Euro pro Jahr“, so der Infrastruktur-Vorstand. Die DB sagt dem Bund verbindliche Meilensteine und Termine für die Inbetriebnahme der Vorhaben zu. Die bei Nichteinhaltung vorgesehenen Strafzahlungen setzen einen zusätzlichen Anreiz zur Termintreue.

Gleichzeitig soll eine umfassende Bürgerbeteiligung erfolgen und mehr Transparenz geschaffen werden. Pläne sollen künftig im Internet veröffentlicht werden. Mit Dialog- und Beteiligungsforen sollen die Anwohner in die Projektplanung miteinbezogen werden. Dieses Verfahren ermöglicht auch die frühere Auseinandersetzung mit Forderungen, zum Beispiel zusätzlichen Lärmschutzmaßnahmen, die parallel vom Eisenbahn-Bundesamt geprüft werden sollen. Außerdem soll der Deutsche Bundestag frühzeitig über die Planungen unterrichtet werden, etwa über den bevorzugten Trassenverlauf, Zeitpläne oder die Auswirkungen auf Umwelt und Anwohner. Dabei wird auch über Forderungen der regional Betroffenen aus der Öffentlichkeitsbeteiligung informiert. So können Kosten, Wirtschaftlichkeit und Auswirkungen der Projekte bewertet und falls erforderlich korrigiert werden.

Die Strategie von Bund und Bahn „gibt Anlass zur Hoffnung, dass wir mit der gleichen Summe an Steuergeld künftig viel mehr Schiene realisieren können“, äußerte sich der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege. Dieser hatte immer wieder kritisiert, dass Deutschland im europäischen Vergleich zu wenig in das Schienennetz investiert. Nach einer Studie der Allianz pro Schiene und der Unternehmensberatung SCI Verkehr kommen europäische Wirtschaftsnationen auf dreistellige Pro-Kopf-Summen bei ihren staatlichen Investitionen in die Schieneninfrastruktur: Spitzenreiter Schweiz gab 378 Euro pro Bürger aus, gefolgt von Österreich mit 198 Euro pro Einwohner. Doch auch in anderen europäischen Ländern brummt der Netzausbau: Schweden investiert 170 Euro pro Bürger, Großbritannien lässt sich sein Netz 151 Euro kosten und die Niederlande wenden 133 Euro auf. Italien gibt 68 Euro für die Ertüchtigung der Schiene aus, während Deutschland mit 64 Euro pro Bundesbürger den Abstand zu anderen Ländern in Europa immer noch nicht aufgeholt hat. Trotzdem: „Die skandalös mageren Jahre hat unser Schienennetz inzwischen hinter sich. Obwohl sich Deutschland im EU-Ranking nirgendwo rekordverdächtig platziert, ist der Anfang für eine Trendwende gemacht“, so Dirk Flege. Die Summe allerdings, die statt der aktuell 64 Euro in absoluten Zahlen nötig wäre, um nicht nur den Erhalt zu sichern, sondern auch beim Neu- und Ausbau voranzukommen, bezifferte der Allianz-pro-Schiene-Geschäftsführer auf rund 80 Euro pro Kopf. Stattdessen fließt in Deutschland deutlich mehr Geld in den Straßenbau als in die Schieneninfrastruktur, kritisierte der Verband immer wieder. Dazu Flege: „Die Transitländer Schweiz und Österreich begleiten die Verkehrsverlagerung ganz gezielt mit Investitionen in ihre Eisenbahnnetze, während Deutschland seine straßenlastige Weichenstellung immer weiter fortschreibt.“

Daran knüpfen auch die Forderungen seitens SCI Verkehr. „Das reiche Deutschland leistet sich inzwischen weniger Schiene als die Volksrepublik China. Obwohl der Wohlstandsschnitt jedes Bürgers weit unter dem der Deutschen liegt, mobilisieren die Chinesen gewaltige Summen für ihre Infrastruktur“, sagte Geschäftsführerin von SCI Verkehr, Maria Leenen. Nach deren Recherchen hat China die Ausgaben für sein Eisenbahnnetz in den vergangenen zehn Jahren systematisch hochgefahren. Waren es 2007 nur 15 Euro pro Bürger, kam China schon 2012 auf 58 Euro und 2016 schließlich auf 79 Euro. Die SCI-Geschäftsführerin erinnerte daran, dass es bei einer klugen Investitionspolitik nicht auf Beton allein ankomme. „Intelligenz ist ebenfalls gefragt. Auch hier ist China inzwischen ein Vorbild: Zuerst hat man massiv in Streckenausbau und Fahrzeuge investiert, inzwischen konzentrieren sich die Chinesen auf Automatisierung und Digitalisierung ihres Schienennetzes“, sagte Leenen.

Damit die DB ihre Bau-Risiken in Zukunft besser einschätzen kann, soll BIM zum Standard werden, insbesondere auch für komplexe Infrastruktur-Großprojekte. In 13 vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur geförderten Pilotprojekten wird das Arbeiten mit BIM derzeit erprobt. Dazu DB-Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla: „Die mit der Digitalisierung verbundene Transparenz für alle erlaubt es, mögliche Konflikte frühzeitig zu erkennen, Risiken besser einzuschätzen, die Planung zu verbessern und am Ende Kosten und Termine besser zu beherrschen.“

2014 hatte die DB im brandenburgischen Werbig den ersten Bahnhof nach der BIM-Methodik geplant und gebaut. Kosten und Termine konnten damit sicher eingehalten und der Bauablauf in den Bahnbetrieb eingepasst werden. Dem kleinen Beispiel folgten inzwischen 80 weitere Bahnhofsprojekte, unter anderem Deutschlands klimafreundlichste Station in der Lutherstadt Wittenberg. Seit Januar 2017 werden grundsätzlich alle neuen Bahnhofsprojekte nach der BIM-Methodik geplant und gebaut. Auch bei der Erneuerung von Eisenbahnbrücken im bestehenden Netz der Bahn wird BIM inzwischen eingesetzt. Allein zwischen 2015 und 2019 erneuert die Bahn 875 Brücken im Bestandsnetz.BIM soll hier Planung und Bauen beschleunigen. Der Bund unterstützt die Einführung von BIM bei der Deutschen Bahn und hatte 2016 dafür 20 Millionen Euro für die Einführung der BIM-Methode bei komplexen Großprojekten bewilligt. Weitere neun Millionen Euro bringt die DB auf. Damit wird in 13 Pilotprojekten nun der Übergang von der konventionellen Planung auf BIM intensiv vorbereitet und getestet. Dazu gehören etwa die Abschnitte der Rheintalbahn (Karlsruhe-Basel), der Ausbaustrecke Emmerich-Oberhausen, des Rhein-Ruhr-Express oder der Schienenanbindung der festen Fehmarnbeltquerung. Enthalten sind auch die beiden bereits laufenden Schienen-Maßnahmen wie der Tunnel Rastatt und die Filstalbrücke. Im Rahmen der Pilotprojekte werden nicht nur 3D-Modelle erstellt und Planungen besser koordiniert, sondern auch Bauabläufe verbessert und Streckenverläufe visualisiert. Ziel ist es, einen Kulturwandel beim Bau von Großprojekten einzuleiten und Praxiserfahrung in Bezug auf digitales Planen und Bauen zu erlangen. Für komplexe Projekte wie ganze Eisenbahnstrecken mit teilweise aufwendigen Variantenstudien liegen bislang noch wenige Erfahrungen im digitalen Planen und Bauen vor. Zudem bedarf es noch nationaler und internationaler Standards. Daher hat die DB unter anderem mit den Bahnen Frankreichs, Österreichs und der Schweiz im April 2017 eine intensive Zusammenarbeit vereinbart, um binnen zweier Jahre gemeinsam internationale Standards zu schaffen. Dass die BIM-Methodik beim Bauen Einzug hält, war eine der Handlungsempfehlungen der Reformkommission Bau von Großprojekten.

Aber auch Start-ups sollen der DB helfen, dass Bauvorhaben effizienter geplant und gebaut werden können. Unter dem Titel Beyond 1435, angelehnt an die Spurbreite der Schienen, wurde der DB-Accelerator, ein eigenes Förderprogramm für Start-ups, ins Leben gerufen. Dabei ging die Bahn eine Kooperation mit der Innovationsplattform Plug and Play aus dem Silicon Valley ein, die schon Firmen wie Paypal unterstützte. Was die Umsetzung von Großprojekten rund um die Schiene betrifft, werden bis Mitte August Ideen gesucht, die das Dokumenten-Management effizienter gestalten, Workflows verbessern und Genehmigungsverfahren beschleunigen. Aber auch weitere Lösungen für kollaboratives Arbeiten sind gefragt, die sowohl für interne als auch für externe Parteien zugänglich sind. Das Ziel ist es, die Planung, Abstimmung und Entscheidungsfindung für die termingerechte Fertigstellung von Projekten zu beschleunigen. Um die Grundlagen für die Planung eines Bauvorhabens zu ermitteln und realistisch abschätzen zu können, wie viel es kosten und wie lange es dauern wird, bedarf es neuer digitaler Ansätze. Doch historische Daten, die hilfreich wären, liegen nicht an zentraler Stelle vor. Daher will die DB auf Technologien und Ansätze zurückgreifen, die diese für einen besseren Informationsfluss bündeln und intelligent aufbereiten. Was den Baufortschritt betrifft und wie sich dieser auf die Projektkosten auswirken, geht es vor allem darum, die Planung und Steuerung von Infrastrukturbaustellen zu vernetzen. Hierzu sollen Big Data und künstliche Intelligenz bis hin zu Augmented und Virtual Reality beitragen. Mithilfe von Drohnen kann der Stand der Arbeiten kontrolliert und mit der Planung abgeglichen werden sowie die Baustelle in Echtzeit erfasst werden, um rechtzeitig eingreifen und Gegenmaßnahmen einleiten zu können.

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