Er ist untrennbar mit Berlin verbunden: Klaus Wowereit, fast 14 Jahre lang hat er als Regierender Bürgermeister in der Bundeshauptstadt regiert. Von 2009 bis 2013 war er einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD und Hoffnungsträger der Partei, für die er als Kanzlerkandidat im Gespräch war. Mit ihm sprachen vor dem Zeppelin Vertriebs-Kick-off in Berlin Michael Heidemann und Fred Cordes, beide Geschäftsführer der Zeppelin Baumaschinen GmbH.

„Ein Politiker braucht eine dicke Haut. Bei absoluten Führungspositionen muss er ein Machtmensch sein und in der Lage sein, Macht zu gebrauchen. Natürlich geht es nicht ohne eine gewisse Bodenhaftung“, so definierte Klaus Wowereit (Mitte) das Anforderungsprofil, das Berufspolitiker brauchen, in dem Gespräch mit den Zeppelin Geschäftsführern Michael Heidemann (rechts) und Fred Cordes (links).

Michael Heidemann: Berlin ist auf Wachstumskurs, den auch Sie mit angestoßen haben.

Klaus Wowereit: Ja, derzeit schon. Eine Zeit lang gab es eine Stagnation. Mittlerweile haben wir mehr als 3,5 Millionen Einwohner. Pro Jahr verzeichnet Berlin einen Zuwachs von 50 000 Menschen – ohne die Asylbewerber. Die Nachfrage nach Wohnungen zieht sehr an.

Fred Cordes: Es gab mal bezahlbaren Wohnraum in Berlin, aber das Blatt hat sich gewendet.

Klaus Wowereit: Wohnraum war früher spottbillig. 10 000 Euro pro Quadratmeter beim Kauf war lange die absolute Höchstgrenze. Inzwischen gibt es Wohnungen, bei denen der Quadratmeter 25 000 Euro kostet.

Michael Heidemann: Sie meinten mal: „Berlin ist arm, aber sexy.“ In welchem Licht sehen Sie die Bundeshauptstadt heute?

Klaus Wowereit: Nicht mehr ganz so arm, aber immer noch sexy – 2016 hat Berlin einen Haushaltsüberschuss von 1,2 Milliarden Euro gemacht und über mehrere Jahre gab es keine Nettokreditaufnahme mehr. Zu meiner Amtszeit hatten wir noch ein Gesetz, das vorsah, dass 50 Prozent des Überschusses in die Schuldentilgung und 50 Prozent in Investitionen fließen. Das hat sich geändert – aus meiner Sicht hätte man es dabei belassen sollen, denn nun werden zu wenige Schulden getilgt. Es ist aber grundsätzlich auch gut, wenn Geld richtig investiert wird. Das nächste Problem: Es gibt kaum noch Handwerker und Baufirmen, die Aufträge ausführen, weil sie komplett ausgelastet sind.

Michael Heidemann: Mich rufen schon Kunden an, die zum Beispiel händeringend einen Kanalbauer suchen, aber niemanden finden. Über Kontakte konnte ich ein Bauunternehmen vermitteln, das dann eingesprungen ist. Das ist im privaten Bereich nicht viel anders: Manmuss geradezu betteln, damit man einen Handwerker bekommt.

Klaus Wowereit: Für viele Jugendliche ist Handwerk nicht mehr attraktiv.

Fred Cordes: Da haben wir noch Glück. Baumaschinen der Marke Caterpillar üben nach wie vor eine gewisse Faszination aus. Wir bilden Mechatroniker aus und bieten duale Studiengänge an. Aber wir müssen uns deutlich mehr um den Nachwuchs bemühen als früher.

Klaus Wowereit: Meinen ersten Kontakt zu Caterpillar hatte ich in Spanien. Im Urlaub habe ich mir damals Cat Boots gekauft.

Michael Heidemann: Ja, neben den Baumaschinen erfreuen sich die „Walking Machines“ von Caterpillar großer Beliebtheit. Wie war das eigentlich bei Ihnen: War Ihr Weg in die Politik geplant?

Klaus Wowereit: Politik war mein Hobby – es ist doch das Schönste, wenn man das zum Beruf machen kann. Natürlich habe ich darauf Wert gelegt, erst das Jura-Studium zu Ende zu führen. Im Alter von 30 Jahren eröffnete sich mir die Chance, Stadtrat in Berlin zu werden. Das ist vergleichbar mit einem Dezernenten in anderen Städten. Ich war für den Bezirk Tempelhof zuständig. Seitdem habe ich professionell Politik gemacht.

Michael Heidemann: Ende 2014 sind Sie von der großen politischen Bühne abgetreten. Fiel der Abschied nicht schwer?

Klaus Wowereit: Man muss sich darauf einstellen und abschließen können. Man sollte nicht hadern. Ich hätte schon noch weitermachen können, aber es war genau der richtige Zeitpunkt, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat.

Michael Heidemann: Ich komme auch langsam in ein entsprechendes Alter und beschäftige mich damit. Ich habe viele Hobbies und Interessen. Natürlich frage ich mich, reicht es aus, das weitere Leben damit zu füllen?

Klaus Wowereit: Man muss schon damit rechnen, dass ein gewisser Bedeutungsverlust eintritt.

Michael Heidemann: Viele Politiker, Spitzensportler oder Manager haben ein Problem und können nicht loslassen, weil sie sich an die Macht ihrer Funktion klammern, selbst wenn es auf Kosten der eigenen Gesundheit oder der Familie geht. Was hilft beim Loslassen?

Klaus Wowereit: Ich interessiere mich nach wie vor für Politik, auch wenn ich mir geschworen habe, mich nicht in die Tagespolitik einzumischen. Was hilft, ist Distanz zu dem, was man bislang gemacht hat und sehen, dass man das Leben freier gestalten kann. Das ist etwas, was man als Politiker nicht hatte. Besonders als Regierender Bürgermeister. Da ist man 13,5 Jahre von morgens bis nachts sieben Tage die Woche wie ein Hamster im Rad gelaufen.

Fred Cordes: Sie waren eine Zeit lang sehr präsent in den Medien und bei Talkshows. Ihnen haftete auch das Image an, ein Partylöwe zu sein. War das berechtigt oder wurde es von den Medien so inszeniert?

Klaus Wowereit: Das waren nicht nur die Medien, sondern auch die Opposition, die versucht haben, das zu instrumentalisieren. Ich glaube, da muss man Party richtig definieren. Hält man auf einem Empfang ein Glas Sekt in der Hand, wird daraus gleich eine Party. Doch davon ist man weit entfernt – als Regierender Bürgermeister sind sie jederzeit ansprechbar und präsent. Diejenigen, die das am meisten kritisiert haben, legten kurioserweise besonders viel Wert auf die Teilnahme an solchen Empfängen. Es gehört doch dazu. Bestimmte Events wie Bambi oder Berlinale erfordern eine Präsenz des Regierenden – Berlin wäre nicht so geprägt worden, wenn ich da nicht Flagge gezeigt hätte. Das hat man dann auch irgendwann verstanden.

Fred Cordes: Ihnen liegt das aber auch, oder?

Klaus Wowereit: Ich verstehe das als eine Dienstleistung. So wie ich von einer Verkäuferin erwarte, dass sie gegenüber ihren Kunden freundlich ist, egal ob es ihr gut oder schlecht geht. Es ist einfach eine Frage von Professionalität.

Michael Heidemann: Waren das nicht große Fußstapfen, als Sie – für Nicht-Berliner als eine Art Überraschungskandidat – Regierender Bürgermeister wurden und die Nachfolge von so großen Persönlichkeiten wie Ernst Reuter, Willy Brandt und Richard von Weizsäcker angetreten haben?

Klaus Wowereit: Ein Fraktionsvorsitzender in Berlin hat natürlich nicht die Aufmerksamkeit wie ein Regierender Bürgermeister. Bundesweit war das von heute auf morgen ein Schub und ein Start, der war enorm. Als ich zum Fraktionsvorsitzenden kandidierte, habe ich mich gefragt, ob ich weiter hauptamtlich Politik machen will, weil das bedeutet, dass Freiräume enger werden. Mir war immer klar: Ein Fraktionsvorsitzender ist immer ein potenzieller Kandidat. Ob man eine Chance hat, ist eine andere Frage. Wer dazu nicht bereit ist, darf so ein Amt nicht übernehmen. 1999 habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich den Weg in der Politik weitergehe.

Klaus Wowereit: An dem Wort „auch“ haben sich viele abgearbeitet.

Michael Heidemann: Ein großer Paukenschlag war Ihr Outing: „Ich bin schwul und das ist auch gut so.“ Das hat es in dieser Offenheit in der Politik bis dahin nicht gegeben. Trotzdem trauen sich viele das nicht zu, weil sie Ressentiments vermuten.

Klaus Wowereit: Damals hatte ich keine Erfahrung und ich hatte keine Zeit zum Nachdenken und Analysieren. Dem politischen Umfeld war es nicht so recht, dass ich in die Offensive ging. Ich habe mich erstmals vor der Fraktion und dem Landesvorstand geoutet – vor hundert Leuten hinter verschlossenen Türen. Dann war die Überlegung, ob ich das auch auf dem zwei Tage später stattfindenden Parteitag öffentlich mache. Doch es gab den Tenor, es dort lieber nicht bekannt zu geben. Aber bestimmte Boulevardmedien waren schon am Recherchieren. Deshalb war klar, ich äußere mich auf dem Parteitag, doch die genaue Formulierung stand nicht im Manuskript. Das war alles spontan.

Michael Heidemann: Sie haben mit „und das ist auch gut so“ eine Redewendung geprägt.

Klaus Wowereit: An dem Wort „auch“ haben sich viele abgearbeitet. Doch so ist genau der Sprachrhythmus und nicht anders. Man stellte anschließend fest, dass viele diese Redewendung benutzen. Damals hat man das nicht registriert. Bei den ersten Wahlplakaten wurde es sogar weggelassen.

Fred Cordes: Fehlen heute der Politik nicht Menschen mit Ecken und Kanten, die den Mut zu solchen Outings haben?

Klaus Wowereit: Outings sind heute in der Politik nicht überraschend. Ole von Beust und Guido Westerwelle hatten es deutlich einfacher. Heute gibt es homosexuelle Bürgermeister in Wiesbaden und Mainz. Politiker mit Ecken und Kanten fehlen in jedem Fall in allen Parteien. Das ist ein Generationenproblem. Sie kann man nicht einfach produzieren, sondern sie müssen sich entwickeln. Die wenigen, die da sind, haben es auch schwer oder hören auf. Es sollte generell mehr Mut geben, solche Leute zu akzeptieren – das gilt übrigens für die ganze Gesellschaft.

„Politiker mit Ecken und Kanten fehlen in jedem Fall in allen Parteien. Es sollte generell mehr Mut
geben, solche Leute zu akzeptieren – das gilt übrigens für die ganze Gesellschaft“, äußerte sich
Klaus Wowereit. Fotos (4): Zeppelin/Sabine Gassner

Michael Heidemann: Man hat Sie schon als Bundeskanzlerkandidat der SPD gesehen. Sie galten als Hoffnungsträger. Klaus Wowereit: Die Chancen für die SPD waren nicht immer so gut wie heute.

Klaus Wowereit: Mit Martin Schulz ist ein erfahrender Politiker da, der auch Wahlkampf beherrscht. Man sieht, es ist ein bisschen Bewegung reingekommen. Wie nachhaltig das ist, wird man sehen.

Michael Heidemann: War es ein kluger Schachzug der SPD, dass Sigmar Gabriel die Bühne frei gemacht hat für den Kanzlerkandidaten Martin Schulz?

Klaus Wowereit: Unabhängig von Schachzügen war es doch schon mal gut, dass man erkannt hat, dass man beim Bürger nicht so ankommt, obwohl man einen guten Job und überzeugende Politik macht. Heute ist es sicher wichtig, dass man medial gut dasteht und ein Parteivorsitzender und Machtmensch wie Sigmar Gabriel zu der Erkenntnis kommt, es soll derjenige machen, der wahrscheinlich mehr Wählerstimmen holt. Meine Hochachtung für die Entscheidung. Sie ist heute in der Politik eher selten. Mit Martin Schulz ist ein erfahrender Politiker da, der auch Wahlkampf beherrscht. Man sieht, es ist ein bisschen Bewegung reingekommen. Wie nachhaltig das ist, wird man sehen.

Michael Heidemann: Ich halte es für schwierig, dem Wähler zu vermitteln, was man besser machen würde, wenn man die ganze Zeit über für die Politik als Vizekanzler mit verantwortlich war. Ich finde es gut, wenn die großen demokratischen Parteien in einen echten Wahlkampf einsteigen und eindeutig gegenüber der AfD Position beziehen. Das belebt unsere Demokratie.

Klaus Wowereit: Welche Entwicklung das nimmt, wird man sehen. Die Zeit ist nicht leicht. In unserer Gesellschaft muss eine Debatte geführt werden über das Politiker-Bashing und ob uns das weiterbringt oder man das beendet und versteht, dass die Übernahme von Verantwortung nichts Schlechtes ist.

Fred Cordes: Rechnen Sie damit, dass der Wahlkampf in Deutschland so schmutzig und mit Fake News geführt wird wie in den USA?

Klaus Wowereit: Falschmeldungen gab es schon immer im Wahlkampf. Bestimmte Zeitungen leben gar davon. Mit den Instrumentarien der sozialen Medien wird es ohnehin einfacher werden. Das ist eine Herausforderung. Trotzdem wird es in Deutschland nicht annähernd so einen Wahlkampf geben wie in den USA. Wir haben eine andere Kultur.

Michael Heidemann: Was sagen Sie denn zu Donald Trump?

Klaus Wowereit: Mich wundert etwas die Empörung. Er setzt doch nichts anderes um, als das, was er angekündigt hat. Jetzt ist die Hoffnung vorbei, dass alles Wahlkampfgetöse war. Wen das überrascht, der ist naiv. Man muss aufpassen, dass man auf Trump nicht zu viel der eigenen Befindlichkeit projiziert, sondern da ganz nüchtern rangeht. Wir sind alle etwas hysterisch. Ein Musterbeispiel ist die Benennung des Richters am Supreme Court. Es kann doch niemand ernsthaft überrascht sein, dass es ein Konservativer wurde, dazu noch nicht mal ein Hardliner. Alleine die Berichterstattung über die Benennung ist aus den Fugen geraten – das ist Wasser auf den Mühlen von Trump und seinen Anhängern. Da sollte man aufpassen. Man muss Trump am besten mit seinen eigenen Waffen schlagen. Ich hoffe, dass das einfache Volk, das er vorgibt zu vertreten, erkennt, dass ein Club der Milliardäre mit einer konservativen Klientelpolitik nicht den Zustand von breiten Massen verbessern wird.

Fred Cordes: Wenn Sie als Vollblutpolitiker Donald Trump empfangen müssten, würde es Ihnen schwerfallen? Und was würden Sie ihm mit auf den Weg geben?

Klaus Wowereit: Mit George W. Bush haben ich mich in einer kleinen Runde zusammen mit Gerhard Schröder und dem amerikanischen Botschafter ausgetauscht. Das war ein aufschlussreiches und erschütterndes Gespräch zugleich, wenn man sieht, wie viel Macht ein amerikanischer Präsident in sich vereinigt. Selbstverständlich würde ich Donald Trump mit allen protokollarischen Zeremonien empfangen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er, wie viele Amerikaner, ein Kumpel-Typ ist. Da gäbe es keine Probleme. Als Regierender Bürgermeister von Berlin müsste man sich nicht auf alle schwierigen politischen Terrains begeben. Man könnte schon mal anhand der Geschichte von Berlin deutlich machen, wie wir unter der Mauer gelitten haben.

Michael Heidemann: Ihr Nachfolger Michael Müller hat mit Trump Kontakt aufgenommen. Wo waren Sie eigentlich, als die Mauer fiel?

Klaus Wowereit: Diese Frage hat man mir schon x-fach gestellt. Ich war zu Hause und mein Nachbar erzählte mir, ich soll den Fernseher anmachen. Wie viele andere bin ich aber nicht noch in der Nacht losgezogen. In der Aufbruchsstimmung hatte ich als Stadtrat vieles zu organisieren, wie etwa das Begrü.ungsgeld. Am 10. November habe ich dann aber mit den Menschen am Kudamm gefeiert. In meinem politischen Leben war der Fall der Mauer der größte Glücksmoment. Das hat mich sehr beflügelt.

Fred Cordes: Sie haben mehr Respekt für Politiker gefordert: „Wir dürfen Politik nicht immer so schlecht machen. Es ist einer der härtesten Jobs, die es gibt.“ Welche Grundeigenschaften braucht es, um den härtesten Job überhaupt durchzustehen?

Klaus Wowereit: Erst einmal findet eine gewisse Sozialisierung statt. Wenn ein Seiteneinsteiger politische Karriere macht, hat er bereits gewisse Erfahrungen gesammelt, sonst wäre er erst gar nicht soweit gekommen. Das ist aber auch notwendig. Ein Politiker braucht eine dicke Haut. Bei absoluten Führungspositionen muss er ein Machtmensch sein und in der Lage sein, Macht zu gebrauchen. Natürlich geht es nicht ohne eine gewisse Bodenhaftung. Das ist eine Herausforderung, denn die politische Bühne ist eine andere Welt und da muss man sich immer wieder herunterbeamen und braucht ein Gespür dafür, wie die Welt außerhalb der Politik aussieht.

Fred Cordes: Würden Sie sich selbst als Machtmensch bezeichnen?

Klaus Wowereit: Es geht doch gar nichts anders, wenn man Entscheidungen treffen muss. Da wird auch mal eine Fehlentscheidung dabei sein. Man sollte Rat anhören und nicht sagen, das habe ich nicht nötig. Am Ende muss man aber selbst eine Entscheidung fällen.

Michael Heidemann: Quereinsteiger tun sich schwer in der Politik – so ist zumindest meine Wahrnehmung. Warum eigentlich?

Klaus Wowereit: Das ist eine andere Sozialisation, die einfach unterschätzt wird. Leute aus der Wirtschaft sind es gewohnt, Entscheidungen zu treffen und dass diese umgesetzt werden. In der Politik dagegen muss man erst für Mehrheiten sorgen, in der eigenen Partei und der eigenen Fraktion, dann im Parlament und schließlich diese in der Verwaltung auch umsetzen. Das Instrumentarium dafür ist nicht so einfach wie in der Wirtschaft. Da kann man heute auch nicht alles machen, was man will. Bei größeren Einheiten gibt es Gremien. Die hohe Kunst in der Politik ist, sich doch durchzusetzen. Aber das Ergebnis ist mühsam, dauert und kommt mit vielen Kompromissen zustande, die man letzten Endes nicht mehr zu hundert, sondern vielleicht nur noch zu 60 Prozent vertreten kann. Das muss man lernen und begreifen und nicht als persönliche Niederlage betrachten. Etliche Seiteneinsteiger können das jedoch nicht.

Fred Cordes: Gibt es eine Begebenheit, die Sie zum einen als größte Niederlage und zum anderen als absoluten Höhepunkt einstufen?

Klaus Wowereit: Mein größter Tiefschlag war die Verschiebung der Eröffnung des Berliner Flughafens. Da gibt es nichts zu beschönigen. Was zu meinen Höhepunkten zählt: Wie sich die Stadt entwickelt hat. Heute ist Berlin eine angesagte, hippe Stadt – dank des Tourismus, der Startups und der Filmbranche. Wir haben nach wie vor eine stabile industriepolitische Basis gekoppelt mit Innovationen und Entwicklungen. Darauf bin ich stolz.

Michael Heidemann: Das deutsche Bauwesen hat über die Grenzen Deutschlands einen hervorragenden Ruf. Trotzdem gab es negative Schlagzeilen bei der Hamburger Elbphilharmonie, bei der das Budget weit aus dem Ruder gelaufen ist. Hinzu kam Stuttgart 21 aufgrund der Nichteinbindung der Bürger. Und schließlich der BER, weil der Flughafen in der Hauptstadt Deutschlands immer noch nicht fertig ist. Das haftet Ihrer Person an. Wie weit tragen Sie denn die Verantwortung dafür, dass einiges schiefgelaufen ist?

Klaus Wowereit: Die Frage der persönlichen Verantwortung ist sowohl juristisch als auch politisch aufgearbeitet worden. Ich denke, man muss da differenzieren, was ein Aufsichtsrat kann und gesetzlich darf in Deutschland. Der BER ist ein höchst politisches Unterfangen. Da muss der Eigentümer auch vertreten sein. Doch die beiden anderen Gesellschafter beim BER, wie der Bund und das Land Brandenburg, halten sich in der Öffentlichkeit komplett zum Flughafen bedeckt. Die zuständigen Bundesverkehrsminister der CSU hatten wenig Interesse, dass Schönefeld zum Erfolg wird – getrieben von den Medien. Aber gut: Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung. Bis zur Eröffnung werden wir damit noch leben müssen. Umso bedauerlicher ist es, dass es 2017 nicht klappt, aber hoffentlich dann im nächsten Jahr. Etliche Probleme sind auch auf den Anstieg der Passagierzahlen zurückzuführen. Als mit dem Bau begonnen wurde, war die Ausgangsbasis elf Millionen Fluggäste. Heute muss man mit über 30 Millionen Passagieren rechnen. Während der Bauphase stiegen die Anforderungen. Lärm- und Brandschutzauflagen haben sich massiv verändert. Kostensteigerungen sind der Gesetzeslage geschuldet und haben nicht allein mit der Bauverzögerung zu tun, sondern auch mit der Expansion des Flughafens.

Klaus Wowereit: „Ich interessiere mich nach wie vor für Politik, auch wenn ich mir geschworen habe, mich nicht
in die Tagespolitik einzumischen.“

Michael Heidemann: Wenn man am Flughafen München eine dritte Startbahn plant, gibt es einen Bürgerbescheid, der dagegen ist. Als in Berlin entschieden wurde, dass man nur einen Flughafen benötigt, gab es eine Bürgerinitiative, die beiden Flughäfen in Tegel und Tempelhof zu behalten. Kommt eine so große Stadt wie Berlin wirklich nur mit einem Flughafen aus?

Klaus Wowereit: Ich wäre immer auch für den alternativen Standort Sperenberg gewesen, der deutlich außerhalb Berlins liegt. Die Berliner SPD war die letzte, die für Sperenberg war, nachdem die Brandenburgische SPD umgekippt ist. Sie sind dem CDU-Verkehrsminister gefolgt, sodass der Konsensbeschluss 1996 zustande kam. Man muss immer die juristische Komponente sehen: Bei einer Erweiterung eines Flughafens wie Schönefeld muss man einen entsprechenden Mehrbedarf nachweisen. Sonst ist man im Planfeststellungsverfahren ohne Chance. 1996 hat man den Planern vorgeworfen, sie planen auf der grünen Wiese einen gigantischen Flughafen, der nicht dem Bedarf entspricht. Die positive Entwicklung kam erst 2001. Eine Erweiterung von Tegel wäre keine Lösung gewesen, da es dort Auseinandersetzungen um die Lärmbelästigung gegeben hätte. Auch die Fluggesellschaften forcieren nur einen Flughafen. Was bei der Ausschreibung des Berliner Flughafens offensichtlich wurde, ist eine Entwicklung in der Bauindustrie, wie sie Deutschland bei Fernsehern durchlaufen hat: Bei uns werden schon lange keine Fernseher mehr produziert. Welcher große Baukonzern findet heute noch unter deutscher Regie statt?

Fred Cordes: Wir haben aber starke Mittelständler, wie Max Bögl, Leonhard Weiss oder Köster.

Klaus Wowereit: Bei der Ausschreibung des Terminals hat sich gerade einmal eine Baufirma beworben. Daran sieht man, dass schon massiv Know-how in unserem Land verloren ging. Alle stöhnen über die technischen Gebäudeanlagen – es war selten der Rohbau, sondern oft der Ausbau, der zu Verzögerungen führte. Man muss sich nur das Waldorf Astoria oder den Leipziger Platz hier anschauen. Überall gab es deutliche Bauverzögerungen, aber das wird in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen.

Fred Cordes: Können Sie heute als Privatperson durch Berlin gehen, ohne erkannt zu werden?

Klaus Wowereit: Ne, aber das wird über die Jahre weniger werden, da mache ich mir nichts vor. Ich werde heute nicht nur in Berlin, sondern bundesweit angesprochen, oder um ein Foto gebeten.

Michael Heidemann: Ist Ihnen das unangenehm?

Klaus Wowereit: Ich sage immer: Da hat man jahrelang daran gearbeitet und wenn es in einer vernünftigen Form passiert, macht man es gerne. Außerdem war ich immer ein Politiker zum Anfassen. Ich habe nie eine Aura der Distanz ausgestrahlt.

Klaus Wowereit: Die Offenheit der Stadt, aber auch ihre Internationalität soll mit der Arbeit von Klaus Wowereit verbunden werden.

Michael Heidemann: Was soll von Ihrer Amtszeit nachwirken und womit wollen Sie Berlinern, aber auch dem Rest der Deutschen Bevölkerung im Gedächtnis bleiben?

Klaus Wowereit: Die Offenheit der Stadt, aber auch ihre Internationalität soll mit der Arbeit von Klaus Wowereit verbunden werden.

Fred Cordes: Sie haben Berlin zu einer der spannendsten Zeiten überhaupt geführt.

Klaus Wowereit: Jede Zeit hat die Politiker, die sie möglich macht. Es war ein hartes Stück Arbeit. Denn ich habe einen harten Sanierungskurs gefahren, angesichts der bestehenden Depression. Einer meiner nicht so bekannten Sprüche ist: „Sparen, bis es quietscht.“ Wir haben Sozialverträge mit den Gewerkschaften gemacht, bei denen die Mitarbeiter zehn Jahre lang auf Gehaltssteigerungen verzichtet haben. Das war harter Tobak. Wenn man verantwortungsvolle Politik machen will, muss man auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Das war immer mein Credo.

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