Die ganze Hoffnung der Baubranche ruht derzeit auf Building Information Modeling, kurz BIM. Erwartet werden davon immense Vorteile, die mit der Wertschöpfungskette begründet werden. Die Argumente, die ins Feld geführt werden: BIM bietet die Chance, Bauprojekte präziser, effizienter, günstiger und nachhaltiger abzuwickeln. Das klingt überzeugend in der Theorie. Aber wie sieht es in der Praxis aus? Das wollten wir wissen von Dr. Matthias Jacob. Der technische Geschäftsführer von Wolff & Müller aus Stuttgart setzt sich schon seit längerem für eine Verbesserung von Bauprozessen zur Effektivitätssteigerung im Bauwesen und für die Einführung und Weiterentwicklung von BIM ein. Dr. Jacob ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von planen-bauen 4.0 – einer Initiative, die allen am Bau Beteiligten die Effizienzpotenziale des digitalen Bauens zugänglich machen will.

Dr. Matthias Jacob, technischer Geschäftsführer von Wolff & Müller, setzt sich schon länger für die Einführung und Weiterentwicklung von BIM ein. Fotos: Wolff & Müller
Dr. Matthias Jacob, technischer Geschäftsführer von Wolff & Müller, setzt sich schon länger für die Einführung und Weiterentwicklung von BIM ein. Fotos: Wolff & Müller

Deutsches Baublatt: BIM, sprich Building Information Modeling, ist derzeit in aller Munde. Trotzdem die Frage: Was versteht man eigentlich genau darunter?

Dr. Matthias Jacob: Der wesentliche Kern ist: Alle am Bau Beteiligten geben ihre Bauwerksdaten in ein digitales Modell ein und können diese daraus jederzeit wieder abrufen. BIM hat nichts mit einer Software zu tun und auch nichts mit einem CAD-Programm.

Dr. Matthias Jacob: BIM ist weder Zaubermittel noch Hexenwerk, das es so in dieser Form schon gibt, sondern BIM ist ein neuer Managementansatz, der zu einer ganzheitlichen Sicht- und Arbeitsweise führt.

Dr. Matthias Jacob: Dieser geht zurück auf den Baumeister im Mittelalter, der ein Generalist war. Er hat den Bauherrn beraten, er hat geplant und er war für die Bauausführung zuständig. Leider sind wir in Deutschland im Laufe der Jahrzehnte mehr zu Spezialisten geworden. Bei uns dominiert die sequentielle Arbeitsweise, die leider sehr fehleranfällig ist.

Deutsches Baublatt: Wolff & Müller hat schon einige Preise für den Einsatz von BIM abgeräumt, wie verschiedene iTWO-Awards – zuletzt wurden Sie 2015 von der RIB Software und der Stanford Universität für „die partnerschaftlichste Nutzung in Europa“ ausgezeichnet. Was gab den Impuls, sich bereits früh damit zu beschäftigen?

Dr. Matthias Jacob: Es geht rund sechs Jahre zurück und war erst eine Initiative unseres IT-Leiters. Ausgangslage war ein Rechenmodell, das Zeichnungen mit Kalkulationsdaten und Terminen verknüpft hat. Zunächst wollten die wenigsten etwas davon wissen. Damals war das in der Branche auch noch nicht weit verbreitet. Im Lauf der Diskussion vor rund dreieinhalb Jahren hat sich dann unser Baubetrieb der Sache angenommen, der den Mehrwert von BIM erkannt hat. Seitdem haben wir uns mit dem Ansatz von BIM intensiv auseinandergesetzt und BIM zur Chefsache erklärt. Zunächst wurden BIM-interessierte Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen zu Workshops zusammengeholt. Wir haben dann innerhalb unserer technischen Abteilung ein BIM-Team gegründet, das sich kreativ ausprobieren durfte – ganz nach der Idee des Silicon Valley von Think Tanks, unabhängig von Hierarchien und Strukturen. Im vergangenen Jahr haben wir diese Idee auch räumlich umgesetzt in Form eines 120 Quadratmeter großen Big Rooms für digitale Arbeitsplätze und Besprechungen, quasi ein digitales Labor. Dieser Big Room wurde gleich als BIM-Modell aufgebaut. Er soll eine inspirierende und motivierende Arbeitsatmosphäre schaffen, damit Mitarbeiter, abseits ihres herkömmlichen Arbeitsplatzes, in digitalen Planungsgruppen arbeiten können. Inzwischen wird dieser gut angenommen und von etlichen Projektgruppen belegt. Das war ein wichtiger Baustein für eine ganzheitliche Umsetzung von BIM im Unternehmen.

Quasi der Think Tank der Projektteams, die im Big Room vor der Firmenzentrale zusammenkommen und dort ihre Planungsbesprechung abhalten.
Quasi der Think Tank der Projektteams, die im Big Room vor der Firmenzentrale zusammenkommen
und dort ihre Planungsbesprechung abhalten.

Deutsches Baublatt: Wie wichtig ist es, dass BIM von der Führungsebene unterstützt und vom Management gelebt wird?

Dr. Matthias Jacob: Das ist essentiell. Der Chef muss es wollen und vorantreiben. Mit ein bisschen Simsala-BIM ist es nicht getan. Sobald kleinste Zweifel bestehen und das Thema nur auf ein paar Köpfe wie Werkstudenten und Praktikanten verteilt oder einzig mittels Bachelorarbeiten angegangen wird, wird BIM schiefgehen. Die Entscheidung für BIM wurde bei uns von Anfang an vom Management getragen. Ein Expertenteam hat dann die wesentlichen Grundlagen ausgearbeitet. Zunächst mussten wir sämtliche Prozesse analog definieren, damit wir sie über BIM digitalisieren konnten. Dann stand der Roll-Out von der Zentrale in die Dezentralität an, sprich die operativen Einheiten. Das ist ja grundsätzlich immer spannend, wenn die Zentrale etwas erarbeitet und dann an den einzelnen Standorten implementiert werden soll. Weder die Zentralität noch die Dezentralität ist durchgängig optimal. Natürlich kann man nicht alles von der Zentrale vorgeben. Genauso wenig kann man alles nur dezentral angehen, denn dann erreichen wir keinen Standard.

Deutsches Baublatt: Eine einheitliche Struktur ist der Schlüssel bei der Vorgehensweise.

Dr. Matthias Jacob: Bislang ist es so, dass bei Planungsprozessen jedes Mal das Rad neu erfunden wird. Es sind jedes Mal neue Bauaufgaben. Und es sind jedes Mal neue Teams an wechselnden Standorten. Trotzdem gibt es bei jeder Baustelle einen festen Kreis aus Architekten, Tragwerksplanern, Statikern, Haustechnikern und Fachingenieuren, der nicht variiert. Gewisse Tätigkeiten sind immer wieder die gleichen. Diese Kernprozesse gilt es bei BIM zu standardisieren. Trotzdem hat noch jeder genügend Freiheiten. Das Bauen bleibt spannend genug.

Deutsches Baublatt: Was war denn eine große Hürde, als Sie die BIM-Methodik eingeführt haben?

Dr. Matthias Jacob: In der Anfangsphase waren Softwareprogramme und Rechnerkapazitäten noch nicht ausgereift, was das dreidimensionale Planen mit der Verknüpfung der vierten und fünften Dimension – der Kosten und Termine unter Einhaltung von Qualitäten– betraf. Es gab zunächst ja nur ein Architektur- und Tragwerksplanungsprogramm. Die Haustechnik konnte noch nicht modelliert werden. In Deutschland fehlten Programme, um sich mit den entsprechenden Schnittstellen zu verknüpfen. Sie waren nicht aufeinander abgestimmt und man musste sich durch Ausprobieren der Sache nähern. Hier wurden aber inzwischen unglaubliche Fortschritte erzielt. Jedes Quartal wird ein riesiger Sprung in der Entwicklung nach vorne gemacht.

Deutsches Baublatt: Welche Hindernisse mussten Sie sonst noch überwinden?

Dr. Matthias Jacob: Intern musste man viel Überzeugungsarbeit leisten. Wir haben darum ein Anreizsystem für Mitarbeiter geschaffen und einen internen BIM-Award für das beste BIM-Projekt ausgelobt, der dann auf unserer jährlichen Führungskreistagung im Herbst vergeben wird. Darüber hinaus war es anfangs nicht einfach, Planer bei einem schlüsselfertigen Hochbauauftrag, ab Phase fünf, quasi der Ausführungsplanung, zum Mitmachen zu gewinnen. Vor zwei, drei Jahren hatte man viel mehr Vorbehalte als heute. Es gab große Bedenken, dass man viel in Hard- und Software investieren und dass man seine Mitarbeiter schulen musste. Viele waren skeptisch und befürchteten, dass es nicht funktioniert und man die ganze Arbeit doppelt machen muss. Wir haben viel Aufklärungsarbeit reingesteckt in Infoveranstaltungen, Inhouse-Seminare und BIM-Workshops, um die Methodik aufzuzeigen. Irgendwann haben wir dann mit ausgewählten Planern erste Schritte in die Tat umgesetzt – unabhängig von der HOAI und rechtlichen Vorgaben. Bei Problemen gab es dann einen runden Tisch und man hat gemeinsam nach einer Lösung gesucht.

Deutsches Baublatt: Welche Auswirkungen hatte das für die weitere Zusammenarbeit?

Dr. Matthias Jacob: BIM fördert eine verstärkte partnerschaftliche Zusammenarbeit. Es geht weg von sequentiellen Arbeiten.

Dr. Matthias Jacob: Man wurschtelt nicht mehr alleine im stillen Kämmerlein vor sich hin und kommt alle zwei Wochen zu einer Planungsbesprechung zusammen, sondern alle arbeiten gemeinsam an einem Datenmodell. Das geht wieder zurück zu den eigentlichen Wurzeln am Bau: Man sitzt gemeinsam an einem virtuellen Planungstisch – so wie man früher in einem Großraumbüro über das beste Projektergebnis gebrütet hat. Das gemeinsame integrale Planen und Bauen ist eine riesige Chance.

Deutsches Baublatt: Wie haben sich die Arbeitsprozesse bei Ihnen geändert, seitdem Sie mit der BIM-Methodik arbeiten?

Dr. Matthias Jacob: Mit der BIM-Implementierung haben wir begonnen, als wir 2D-Pläne von Kunden in der Angebotsbearbeitung bekommen und erste einfache Bauwerksmodelle erstellt haben. Das heißt, wir haben die 2D-Modelle nachmodelliert, dann als Modell in der eigenen Software dargestellt und ein 3D-Bauwerksmodell entwickelt. Daraus wurde dann eine genaue Mengenermittlung generiert. Am Anfang hat man den Daten noch nicht getraut und parallel auf herkömmliche Weise mit dem Maßstab Mengen berechnet und in Excel-Tabellen eingetragen. Man hat sofort gesehen, dass es mit dem 3D-Modell genauso exakt ist. Ehemalige Bauzeichner wurden BIM-Modellierer, welche die Technik dann immer weiter verfeinert haben. Das heißt, aus den dreidimensionalen Modellen wurden die einzelnen Bauteile mit Qualitäten versehen. Entscheidend ist, dass man in Bauteilen modelliert hat. Die Qualität wird mit dem Ausschreibungsprogramm verknüpft. Der Punkt ist, dass man Bauteile mit einer Leistungsposition aus dem üblichen Leistungsverzeichnis zuordnet. Dann hat man die vierte Dimension und in dieser kann man Bauteil bezogen kalkulieren. In der fünften Dimension wird jedem Bauteil ein Termin zugeordnet.

Deutsches Baublatt: Das war sicherlich eine ganz schöne Umstellung. Was mussten Sie denn bei dieser Herangehensweise neu lernen?

Dr. Matthias Jacob: Ein riesiger Lerneffekt war, dass jedes Bauteil bereits in der frühen Phase der fünften Dimension einen Terminabschnitt erhält. Somit muss die Fertigungsplanung viel genauer erfolgen als bisher. BIM zwingt dazu, die virtuelle Erstellung des Gebäudes viel früher anzugehen. Man muss sein Baukastenprinzip erst virtuell erstellen. Das ist der virtuelle Zwilling, über den derzeit alle reden. Es war zugleich eine große Herausforderung, weil BIM eine ganz andere Arbeitsweise erlangt und man sich beispielsweise viel eher und detaillierter mit Bauteilen beschäftigen muss.

Deutsches Baublatt: Sie meinen mit der Herstellung und Lieferung der Materialien?

Dr. Matthias Jacob: Auch, aber es geht um Abfolgen. Ist ein Gebäude erst einmal virtuell erstellt, hat man eine ausgesprochen gute Ausgangsbasis für die weitere Planung und Vergabe sowie schließlich die Bauausführung. Wir haben festgestellt, dass wir einen großen Mehrwert erhalten, wenn wir ausgewählte Projekte mit guten Auftragschancen in der frühen Angebots- und Verhandlungsphase detailliert durchplanen.

Deutsches Baublatt: Heißt das jetzt, Sie planen und bauen alle Projekte nur noch mit BIM?

Dr. Matthias Jacob: Nein, das nicht. Natürlich sind es vermehrt Hochbauprojekte. Im Bereich der Infrastruktur gibt es noch nicht so viele Möglichkeiten, anders als bei Brücken und Tunneln. Für Kanalbaustellen und den Bau von Landstraßen ist BIM noch nicht üblich. Aber da wollen wir auch hinkommen.

Deutsches Baublatt: Wie haben Sie dann BIM auf die Baustelle gebracht?

Dr. Matthias Jacob: Bei den Projekten, die wir schon als Angebote modelliert hatten und für die wir einen Auftrag erhielten, haben wir begonnen, einzelne weitere Schritte auf die Baustelle zu übertragen. Oberbauleiter und Projektleiter waren anfangs skeptisch. Wir haben dann Teams zusammengespannt und ihnen ein Mitglied aus dem BIM-Team zur Seite gestellt, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Im Change Management muss man die Menschen verstehen, die sich nicht gerne auf neue Dinge einlassen. Das ist schwierig. Man muss ihnen darum das Neue mundgerecht darbieten. Dann haben wir schnell erkannt, dass wir unsere Baustellen, die als Profit-Center laufen, nicht mit zusätzlichen Kosten belasten dürfen, sonst haben wir nur Mitarbeiter, die BIM ablehnen. Auf ausgewählten Projekten, wie einem Hotel in Grömitz, haben wir dann Teile in der Ausführungsphase mit BIM unterstützt, etwa bei den monatlichen Leistungsmeldungen. Das Modell wurde zwar nicht auf der Baustelle modelliert, aber beispielsweise hatten wir mithilfe von Viewer-Technik 4D- und 5D-Modelle und man konnte ausgewählte Bauteile anklicken. Man konnte Excel-Listen rekrutieren und mit Leistungsverzeichnissen verknüpfen. Für Nachunternehmer ließen sich detaillierte Terminpläne kreieren, indem man dem Trockenbauer zum Beispiel nur seine Baupläne gezeigt hat. Das fand schnell große Akzeptanz. Inzwischen sind wir bei einigen Ausführungsprojekten auch schon weiter. Etwa ab Planungsphase drei der HOAI haben wir schon Modelle und können damit die Ausführungsplanung und Baustellensteuerung machen.

Deutsches Baublatt: Haben Sie auch noch anderweitig Nutzen aus BIM ziehen können?

Dr. Matthias Jacob: Durch den hohen Termindetaillierungsgrad gibt es beispielsweise etwa in der Anlieferung bei der Baustellenlogistik erhebliche Fortschritte im Vergleich zu schlecht geführten Baustellen.

Deutsches Baublatt: Der Automobilbau wird gerne als Vorbild für die Bauindustrie hinsichtlich Lean Management gesehen. Werden Sie sich hier noch mehr in diese Richtung und in die just-in-time-Produktion entwickeln?

Dr. Matthias Jacob: Ich bin der festen Überzeugung, dass Lean Management und BIM ineinander übergeht. Das ist kein Gegensatz und läuft auch nicht nebeneinander, sondern in dem Moment, in dem man strukturierte Prozesse in Planung, Arbeitsvorbereitung und Ausführung hat, kommt man automatisch zu Lean Production. Dank BIM werden die genauen Mengen zur Baustelle geliefert. Optimal ist es doch, dass die Logistik auf der Basis des digitalen Modells zum richtigen Zeitpunkt in Gang gesetzt wird. Außerdem werden gelieferte Bauteile so fachgerecht gelagert und nicht beschädigt. Zuvor wurden schlimmstenfalls erst halbbeschädigte Teile eingebaut, was dann wieder korrigiert werden musste. Die Bauphase läuft mithilfe von BIM geordneter. Ganz entscheidend ist jedoch die Planungsphase. Beim Rathaus Leonberg, das gerade in der Ausbauphase ist, haben wir im Bereich der haustechnischen Bearbeitung im Modell über hundert Kollisionen entdeckt. Es passten die Pläne von Lüftung, Heizung und Sanitär nicht aufeinander. Dass Aussparungen an der richtigen Stelle sind und Leitungen übereinander hergeführt werden, ist schon bei einem einfachen Bürogebäude nicht einfach. Wir reden noch nicht von einem Krankenhaus oder einem Labor, wo noch viel mehr an Technik drinsteckt. Erst in einem 3D-Modell kann man erkennen, ob alles richtig zusammenpasst. Meine Vermutung aus dem Bauch heraus ist: Die Hälfte davon wäre bei 2D nicht entdeckt worden, sondern erst beim Bauen des Rathauses. Und dann wäre vor Ort individuell entschieden worden, was damit passiert. Das ist nicht sehr professionell, sondern vor allem fehleranfällig und auch nicht im Sinn der DIN-Normen. Das führt dann zu Mehrkosten, Verzögerungen und letztlich Pfusch. Das prägt dann auch das Image der gesamten Branche.

Deutsches Baublatt: Weniger Fehler heißt weniger Nachträge. Damit fällt quasi eine wesentliche Einnahmequelle für ein Bauunternehmen weg.

Dr. Matthias Jacob: Es muss bewusst sein, dass es zu einigen Veränderungen im Geschäftsmodell kommen wird. Auch hier gibt es unterschiedliche Strategien. Bei Wolff & Müller haben wir bis zu 60 Prozent Stammkunden. Da muss man sowieso anders agieren. Ein Unterschied dazu ist die öffentliche Hand, die anfällig dafür ist, weil der günstigste in der Regel einen Auftrag bekommt und dieser meist keinen kostendeckenden Auftragskostenkalkulationspreis erstellt hat. Allerdings ist es auch so, dass BIM zu einer höheren Genauigkeit bei den Angebotsausschreibungsunterlagen führt und somit zu einer höheren Transparenz und zu einem größeren Know-how-Wettbewerb.

Deutsches Baublatt: Da will die Branche ja hin – angesichts der niedrigen Margen.

Dr. Matthias Jacob: Viele befürchten, dass sie dann bei öffentlichen Ausschreibungen weniger Spielraum haben. Das führt zu Ängsten, wenn zunächst das Ausschreibungssoll für alle gleich ist. Aber damit wird der qualitative Wettbewerb um das Know-how nur gefördert, den wir bei Wolff & Müller nicht scheuen.

Deutsches Baublatt: Welche Auswirkung hat BIM, wenn es darum geht, Angebote zu bearbeiten?

Dr. Matthias Jacob: Vor zwei Jahren gab es bei uns den Wendepunkt, als wir erkannt haben, dass wir mit einem BIM-Modell viel genauere Massen in der Angebotsphase erreichen. Hat der Bauherr Veränderungen, lassen sich diese schnell nachmodellieren und einfach festhalten. Oftmals ruhen Projekte in der Angebotsphase, weil der Bauherr für sein Objekt noch keinen Mieter hat oder die Finanzierung nicht steht. Monate später will er dann aber, dass Pläne innerhalb von zwei Wochen überarbeitet werden. In der Hektik schleichen sich dann unglaublich viele Fehler ein. Hatten wir ein BIM-Modell aus Architektur- und Tragwerksplänen erstellt, erkannten wir schnell Differenzen in der Planung. Aber wer will denn schon wie bei einem Röntgenbild alle Pläne übereinanderlegen? Schnitte sind oft an den Stellen nicht geführt, auf die es ankommt. Das heißt, sie passen nicht zu den Ansichten. Das hat bei uns schnell dazu geführt, dass wir beim BIM-Modell in der Angebotsphase mehr Sicherheit haben und Änderungen im Modell gleich anschauen können. In der Angebotsbearbeitung hat sich bereits nach kurzer Zeit herausgestellt, dass wir mit BIM schneller, sicherer, effektiver und eben auch transparenter sind. Bei vielen privaten Bauherren ist es üblich, dass man mit seinem Angebot zu einem technischen Aufklärungsgespräch gebeten wird. Da konnten wir gleich ein Modell vorlegen, was bei dem Auftraggeber sehr gut ankam, weil er sich das Ergebnis in 3D besser räumlich vorstellen konnte. Das hat den anwesenden Planern oftmals nicht so geschmeckt. Wer hört schon gerne, dass die Planung nicht so ausgereift ist?

Deutsches Baublatt: Ein Bauherr, der in Zeiten niedriger Zinsen seine Immobilien auch ohne digitale Dokumentation an den Mann bringt, sieht nicht unbedingt die Vorteile von einem digitalen Gebäudemodell. Wie überzeugen Sie Kunden trotzdem, dass BIM der richtige Weg ist?

Dr. Matthias Jacob: Die Eigennutzer von Immobilien sind mehr daran interessiert als die sogenannten Trader, die sie weiterverkaufen. Erstere haben ein großes Interesse an der Datenqualität vor dem Hintergrund des späteren Gebäudebetriebs und Facility Managements. BIM hat jedoch auch dazu geführt, dass viele Kunden uns fragen, wie viel es nun günstiger wird. Meine Antwort: Generell vermeiden wir, dass es mehr kostet und wir stellen sicher, dass alles im Zeitplan fertig wird zu den definierten Qualitäten. Zunächst ist unser Ziel, das magische Dreieck – Budget, Termine und Qualität – einzuhalten. Das kann man dank BIM viel schneller erreichen. Im übernächsten Schritt kann man sich dann vielleicht überlegen, ob es auch günstiger geht. Für uns bietet BIM grundsätzlich einen Mehrwert. Deswegen arbeiten wir aus Eigennutz mit BIM, ob ein Bauherr darauf drängt oder nicht.

Deutsches Baublatt: Welche Baubeteiligte werden in Zukunft zu den Gewinnern von BIM zählen?

Dr. Matthias Jacob: Ich denke, wir sind gerade an einer Gabelung. Es wird einige geben, die sich mithilfe digitaler Methoden professionalisieren werden. Es wird andere geben, die den herkömmlichen Weg wählen. Die Zukunft wird aber wohl eher im digitalen Ansatz liegen.

Deutsches Baublatt: Wird es beim Bauen dann eine Zweiklassengesellschaft geben?

Dr. Matthias Jacob: Es mag Auftraggeber geben, denen das herkömmliche Verfahren reicht. Ein Großteil der Projekte wird aber mit BIM ausgeschrieben werden.

Dr. Matthias Jacob: Erste Anzeichen gibt es bereits. Die Deutsche Bahn, der größte öffentliche Auftraggeber, hat die Planer alle aufgefordert, dass sie sich ab 2017 auf BIM einstellen müssen. Das ist eine klare Vorgabe. Was dann geplant wird, kommt 2018 in die Ausführung und damit wird dann nur jemand beauftragt werden, der BIM beherrscht, weil die Deutsche Bahn am Ende so auch eine gewisse Datenqualität über ihre Bauwerke erhalten will. Das gibt es derzeit noch nicht. Große Firmen oder Städte und Kommunen kennen ihren Gebäudebestand nicht. Auch Wolff & Müller hat diese Daten nicht. Das ist schlecht. Die Ressource Baustoff wird in Zukunft eine andere Bedeutung erhalten. Wir müssen in einigen Jahren bei Baugenehmigungen angeben, was nachhaltig und energieeffizient ist und welche Ressourcen im Bauwerk stecken, um diese dem Wirtschaftskreislauf wieder zurückführen zu können. Produktdatenblätter oder Excel- Tabellen werden nicht ausreichen. Bei einem Auto steht auch fest, aus welchen Bestandteilen es besteht und wie es zu recyceln ist. Davon sind wir noch weit entfernt.

Deutsches Baublatt: Worin besteht die große Kunst bei BIM im Umgang mit gewaltigen Datenmengen?

Dr. Matthias Jacob: Die Datenmenge ist in der Tat nahezu grenzenlos. Lieferanten bieten zu viele Datensätze an, die völlig überproportioniert sind. Aus der Vielzahl der Einzeldaten müssen intelligente Daten für den Nutzer und das Facility Management ausgewählt werden. Soweit sind wir noch nicht, smart data ist der nächste Schritt.

Deutsches Baublatt: Was hat Sie eigentlich hinsichtlich BIM bislang am meisten überrascht?

Dr. Matthias Jacob: Wir haben ein regelmäßiges BIM-Jour-Fix, das hierarchiübergreifend stattfindet und bei dem ich als Geschäftsführer eingebunden bin. Es ist wichtig, nah dran zu sein, um Erfolge, Rückschläge und Bedenken mitzubekommen. BIM hat eine unglaubliche Euphorie im Unternehmen ausgelöst. Das hat mich begeistert. Im Herbst werden wir eine BIM-Roadshow machen, damit unsere operativen Einheiten mit BIM vertraut werden und Oberbauleiter, Bauleiter oder Kalkulatoren BIM einüben, auch an einem Modell arbeiten können und sie die Mehrwerte in der Praxis kennenlernen.

Deutsches Baublatt: Es mangelt Ihrer Branche an Fachkräften – Mitarbeiter mit BIM-Expertise dürften heiß

begehrt sein. Was unternehmen Sie im „war of talents“?

Dr. Matthias Jacob: Wir halten viele Vorträge an Hochschulen. Dort haben wir Bachelor- und Masterarbeiten und an ausgewählten Unis kleine Wettbewerbe ausgelobt, damit Studenten auf unserem Server mal ein Bauwerk modellieren konnten. Die besten Arbeiten wurden auf der Expo Real ausgezeichnet. Viele der jungen Leute waren begeistert und wollten dann nach dem Studium bei uns anfangen. Auf diese Weise ziehen wir den eigenen BIM-Nachwuchs heran und begeistern ihn für unsere Branche, die nicht gerade den allerbesten Ruf hat.

Deutsches Baublatt: Welche Erwartungen hat BIM eigentlich noch nicht erfüllt?

Dr. Matthias Jacob: Manchmal bin ich enttäuscht, wie zäh BIM in unserer Branche vorankommt. Anfangs war ich skeptisch, was die Reformkommission Bau von Großprojekten betraf, aber sie hat zu einer Diskussion über die Probleme der Branche und zu einer ganzheitlichen Sicht auf das Planen und Bauen geführt. Ein wesentlicher Aspekt ist der Punkt Digitalisierung, insbesondere das Planen und Bauen mit BIM. Jetzt liegt es daran, dass wir PS auf die Straße bekommen und Standards für Deutschland festgelegt werden.

Deutsches Baublatt: Es heißt immer: Deutschland hinkt anderen Ländern wie England hinsichtlich BIM hinterher, wo BIM bereits bei Bauvorhaben gesetzlich vorgeschrieben ist. Brauchen wir auch den gesetzlichen Druck?

Dr. Matthias Jacob: Ob die angelsächsischen Länder bei 5D so viel weiter sind als wir, da habe ich meine Zweifel. Sie mögen vielleicht etwas geschickter sein im Marketing. Riesige Märkte entstehen derzeit in China, in Indien und im Mittleren Osten, in denen viel Geld in die Forschung und Entwicklung, die Methodik sowie die Umsetzung fließt. Hier muss man aufpassen, dass keiner davonmarschiert. Suboptimal ist: Bei uns gibt es zwei verschiedene Ministerien für Infrastruktur und Hochbau, die noch von unterschiedlichen Parteien besetzt sind. Dann haben wir 16 verschiedene Bundesländer mit ihren Landesbauordnungen. Das macht die Sache nicht einfacher. Frau Merkel wird nicht einfach beschließen können, dass wir bei Hochbau- und Infrastrukturprojekten ab einer gewissen Größenordnung komplett verpflichtend auf BIM schwenken können. Doch das hält uns nicht davon ab, weil wir von der Methodik und dem Managementansatz felsenfest überzeugt sind, weil sie die Zukunft sind und zu wesentlichen Verbesserungen führen.

Deutsches Baublatt: Welche weiteren Schritte haben Sie denn in Ihrem Unternehmen sonst noch hinsichtlich Digitalisierung eingeläutet?

Dr. Matthias Jacob: 2016 haben wir eine Digitalisierungsstrategie aufgestellt, wie digitale Prozesse innerhalb der nächsten fünf Jahre im gesamten Unternehmen verankert werden – von der Vision des Top-Managements über die Qualifizierung der Mitarbeiter bis hin zu neuen Kooperationsmodellen mit Kunden und Partnern. Dazu gehören zahlreiche Maßnahmen. BIM ist eine Teilmenge der Digitalisierung und spielt eine wichtige, aber nicht die einzige Rolle. So sollen Drohnen die Erfassung von Topografien ermöglichen, digitale Werkzeuge die Baustellenlogistik verbessern und mobile Endgeräte das Dokumenten-Management vereinfachen.

Deutsches Baublatt: Wie wird sich der Bauprozess in Zukunft verändern?

Dr. Matthias Jacob: Stationäre Industrie, Maschinenbau oder Automotive sind alle besser geworden, weil sie ihre Prozesse angepasst haben. Das ist in der Bauindustrie noch nicht der Fall. BIM wird uns aber dazu zwingen, dass wir herkömmliche, analoge Prozesse digitalisieren und mittelfristig bessere Projektergebnisse und eine bessere Qualität bekommen. Ein weiterer Schritt betrifft die Vorfertigung von Bauteilgruppen. Wir müssen Bauteile mehr standardisieren und vorkonfektionieren. Die Spieleindustrie macht vor, was bald möglich sein wird. Man muss sich nur den neuesten Hype um das Smartphone-Spiel Pokémon Go und Augmented Reality anschauen. Die Zukunft wird ein Datenmodell sein, das perfektioniert wird und das auf Tablets oder Smartphones dem Kunden als Grundlage zum Bedienen des Bauwerks dient. Für viele mag das noch nicht vorstellbar sein. Heute hantieren wir in der Regel mit einem Ansichtsplan und einem Grundriss in 2D. In Zukunft werden Kunden virtuell durch ein Gebäude gehen. Davon bin ich fest überzeugt.

 

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