Man nehme die Faszination für Technik, Unternehmergeist und Neugierde – so muss das Rezept formuliert werden, mit dem sich die Firmengruppe Max Bögl seit nun mehr über 85 Jahren am Baumarkt positioniert. Dabei setzt das Familienunternehmen, das in der dritten Generation besteht, verstärkt auf Dienstleistungen, um sich vom reinen Preiswettbewerb zu lösen. Welchen Weg Max Bögl in punkto Eigenentwicklungen einschlägt, war Thema unseres Sommerinterviews mit Gesellschafter Johann Bögl. Das Gespräch mit dem Unternehmer führten Michael Heidemann, der stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsführung des Zeppelin Konzerns, und die Redaktion Deutsches Baublatt, am Firmensitz in Neumarkt.

Deutsches Baublatt: Max Bögl steht für „Fortschritt baut man aus Ideen“. Nach welchen Maßstäben werden Innovationen und neue Technologien bei Ihnen umgesetzt?

Johann Bögl: Eine Innovation muss grundsätzlich immer eine Perspektive für ein Geschäft ergeben. Bei Ingenieuren ist der Ehrgeiz sehr groß, Neues zu schaffen. Auch bei uns entwickelt sich dieser manchmal in eine Richtung, die zwar einerseits faszinierend ist, aber andererseits scheitert eine Umsetzung daran, dass es keinen richtigen Markt dafür gibt. Wir legen einen großen Schwerpunkt darauf, unsere bestehenden Erfahrungen in unterschiedlichen Baubereichen weiter zu entwickeln oder in neue Anwendungen zu integrieren. Zum Beispiel im Bereich Windkraft ist es uns gelungen, innerhalb kurzer Zeit äußerst erfolgreich zu sein.

Deutsches Baublatt: Wie haben Sie es geschafft, so schnell Marktführer bei hohen Windkraftanlagen zu werden? Johann Bögl: Vor fünf Jahren haben wir mit dem Bau von Türmen mit großen Nabenhöhen von bis zu 150 Metern Höhe losgelegt. Wir konnten schnell unsere Produktion serienreif machen. Das hat nur funktioniert, weil wir nichts komplett neu erfinden mussten, sondern versucht haben, bestehende und bewährte Lösungen, die bereits seriell im Einsatz sind, für solch ein Produkt zu nutzen.

Michael Heidemann: Etwa auch aus anderen Branchen?

Johann Bögl: Aus anderen Produkten. Die Verbindung der Betonringe der Windkrafttürme besteht aus Schrauben, die millionenfach seit Jahrzehnten bei Tübbingen im Tunnelbau im Einsatz sind. Das Schleifen der Ringe haben wir von der Festen Fahrbahn oder der Magnetschwebebahn Transrapid übernommen. Wir haben einfach versucht, möglichst viel Bestehendes aufzugreifen und dort einzubringen, von dem wir wussten, dass es funktioniert. Somit haben wir uns schnell getraut, damit in Serie zu gehen.

Michael Heidemann: Professor Joachim Milberg, der frühere Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende von BMW, hat mal sinngemäß gesagt: „Erfindungen sind erst dann auch eine Innovation, wenn sie vom Markt angenommen werden und der Kunde den entsprechenden Preis dafür bezahlt.“ Alles andere bleibe nur eine Invention, also eine Erfindung. Würden Sie dieser Definition von Innovation zustimmen?

Johann Bögl: Absolut. Brotlose Erfinder gibt es genügend.

Deutsches Baublatt: Der Bausektor gilt traditionell eher als ein träger Wirtschaftssektor mit niedrigen Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen. Sie beweisen mit Ihren Eigenentwicklungen wie etwa Modern Drive Technology, Schnellbeton für Instandsetzung oder Ihrer Segmentbrücke das Gegenteil. Wie viel Aufwand betreiben Sie denn dafür?

Johann Bögl: Es ist ein grundsätzliches Problem der Bauwirtschaft, dass in der Vergangenheit relativ wenig in Forschung und Entwicklung oder eigene Produkte investiert wurde. Das muss sich jedoch grundlegend ändern, weil wir sonst über den reinen Preiswettbewerb nicht hinauskommen – und der ist nun auf Dauer wirklich nicht erstrebenswert. Darum versuchen wir hier zukünftig andere Summen zu investieren. Natürlich muss man sich das auch leisten können. Andere Branchen stecken etwa 20 Prozent in Forschung und Entwicklung. Da werden wir nie hinkommen. Es müssen aber durchaus mal zehn Prozent sein, die in Forschung und Entwicklung fließen.

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Michael Heidemann: Unser letzter Interviewpartner, der Vorstandsvorsitzende der Bauer AG und frühere Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Professor Thomas Bauer, hat gemeint: Der Branche fehle es an einem eigenen Produkt, also an einer Produktdifferenzierung. Sie baue nur das nach, was Planer und Architekten vorgeben. Ihre Unternehmensgruppe geht dennoch andere Wege.

Johann Bögl: Das ist genau der Grund. Renditen der Bauwirtschaft entsprechen nicht den Risiken, die unsere Branche eingeht. Eine Umsatzrendite von zwei Prozent ist gemessen am Risiko einfach zu wenig. Jedes Unternehmen muss sich die Frage stellen: Macht es diesen Preiswettbewerb mit? Wir haben uns dafür entschieden, vermehrt ganzheitlich anzubieten – also nicht nur das Bauen an sich, sondern etwa auch Design-and- Build, sprich Planung und Ausführung aus einer Hand, darüber hinaus die Finanzierung und den Betrieb. Wir streben zwar nicht danach – so wie der Rest der Bauwirtschaft auch nicht – aber wenn es sinnvoll ist, kann es die bessere Lösung sein. Außerdem müssen wir mehr eigene Produkte entwickeln. Damit nicht der Preis allein entscheidet, sondern eben auch andere Faktoren eine Rolle spielen. Niemand wird jemals ein Auto nach dem Anteil Blech kaufen, oder? Das klingt zunächst lächerlich. Aber genau das passiert bei uns: Es geht am Bau nur um Quadratmeter, Kubikmeter und Tonnage. Davon müssen wir wegkommen. Das gelingt nur, wenn wir eigene Produkte oder Lösungen verkaufen.

Deutsches Baublatt: Oder Emotionen?

Johann Bögl: Auch, oder aber vor allem besondere Technologien. Allerdings muss man dann vorher in Forschung und Entwicklung investieren. Wichtig ist: Ingenieure müssen ihre Leistung einfach besser verkaufen können. Ein Architekt lernt das schon im Studium. Einem Bauingenieur fällt es schwerer.

Michael Heidemann: Die Wahrnehmung des Bauens in der Öffentlichkeit ist doch in den letzten Jahren deutlich besser geworden.

Johann Bögl: Die Grundstimmung ist durchaus positiver geworden. Die Bevölkerung hat erkannt, dass Investitionen in Infrastruktur einfach wichtig sind. Der Bau hat hier an Image dazu gewonnen. In der politischen Diskussion über die Erhöhung von Budgets gibt es ein Einverständnis dafür, dass unsere Straßen und Brücken gut in Schuss sein müssen.

Michael Heidemann: Wie stufen Sie die mittlerweile ablehnende Haltung in unserer Gesellschaft ein, wenn es um Großprojekte, wie den Olympischen Spielen, einem neuen Bahnhof in Stuttgart oder der dritten Startbahn des Flughafens Münchens geht? Jeder ist für Ökostrom, aber gegen die notwendigen Leitungen nach dem Motto: „Windkraft ja, aber bitte keine Stromleitungen, um die Energie zu transportieren“. Sind wir Deutschen technikfeindlich geworden?

Johann Bögl: Ich weiß nicht, ob das jetzt technikfeindlich ist, vielleicht geht es uns eher zu gut. Wir Ingenieure haben schon ein Problem, unsere Leistung zu verkaufen. Andere Berufsgruppen können es einfach besser. Viele Ingenieurberufe leiden darunter, dass ihnen der Nachwuchs fehlt und sie die Faszination für ihre Arbeit nicht rüberbringen können.

Deutsches Baublatt: Anders bestellt ist es um die Faszination, wenn es um das neueste iPhone geht. Müsste man sich nicht von der Begeisterungsfähigkeit anstecken lassen, die derzeit vom Silicon Valley ausgeht, neue Trends zu setzen?

Johann Bögl: Einerseits ist es erschreckend, in welchem Tempo wohl gravierende Veränderungen auf uns zukommen. Davon sind wir in der Bauwirtschaft noch weit weg. Andererseits ist es faszinierend, welche Möglichkeiten sich bieten werden. Das motiviert, durch Digitalisierung und Intelligenz in Bauwerken sich mit relativ wenig Aufwand von der Konkurrenz abzuheben. Die Frage ist: Schafft man es, aus diesen Möglichkeiten eigene Produkte zu generieren? Ich habe den Eindruck aus meiner Verbandstätigkeit bei der Bayerischen Bauindustrie, dass es vielen nicht leicht fällt. Zwar sehen viele Bauunternehmer, dass hier etwas auf sie zukommt, aber sie wissen nicht, wie sie die Veränderungen und Chancen anpacken können.

Deutsches Baublatt: Schon rund 15 Jahre sind Sie dabei, Ihr Unternehmen hinsichtlich BIM (Building Information Modeling) fit zu machen. Wie stark ist bei Ihnen die Eigenschaft ausgeprägt, Neues auszuprobieren?

Johann Bögl: Unsere Familie ist Neuem gegenüber schon immer sehr aufgeschlossen gewesen – manchmal auch vielleicht zu sehr, sodass wir auch Lehrgeld bezahlt haben. Aber man muss schon neugierig sein und mal etwas riskieren.

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Michael Heidemann: Das Wort neugierig gefällt mir sehr gut, besteht es doch aus „neu“ und „gier“, also „gierig“ nach Neuem in positivem Sinne. Sie haben wahrscheinlich auch viel Entwicklungsarbeit in den Transrapid und dessen Fahrbahnträger gesteckt, oder?

Johann Bögl: Auch. Aber eigentlich angetrieben hat uns die Faszination für Technik. Geleitet wurden wir von der Frage: Was können wir aus unseren Erfahrungen der letzten Jahre machen? Das mag schon ein gewisses unternehmerisches Gespür gewesen sein – so wie auch in der Windkraft. Bei uns ist einfach eine große Neugierde vorhanden, Dinge weiterzuentwickeln und besser zu machen.

Deutsches Baublatt: Um Fahrwegträger zu testen, wurde quasi vor Ihrer Haustür am Firmensitz eine neue Teststrecke gebaut. Gibt es Pläne, den Transrapid wieder einzuführen, etwa in England, wo Sie ein Joint-Venture mit Tarmac gegründet haben?

Johann Bögl: Das hat damit nichts zu tun. Bei Tarmac geht es um die Feste Fahrbahn für Hochgeschwindigkeitsstrecken, die Highspeed 2, die wir gerne zusammen mit Tarmac in England bauen würden. Die Teststrecke haben wir deshalb installiert, weil wir in den letzten Jahren eine neue Magnetschwebebahn entwickelt haben. Das ist etwas komplett anderes und nicht auf den Transrapid ausgerichtet, sondern auf eine Express-Soder U-Bahn mit rund 150 Stundenkilometern und mit engen Radien, die sehr lärmarm ist. Sie ist gedacht zum Beispiel für die Beförderung von Terminal zu Terminal innerhalb eines Flughafens, von einem Flughafen in die Stadt rein und raus oder innerhalb einer Großstadt als Ersatz für S- oder U-Bahnen. Wie wir halt so sind, haben wir wenig Theorie betrieben und uns stattdessen gleich in die Praxis gestürzt. Seit Jahren haben wir ein entsprechendes Fahrzeug dafür entwickelt und auch ein zweites Fahrzeug ist längst im Einsatz. Erste Testversuche haben wir auf einer kleinen Strecke mit hundert Metern Länge absolviert. Mittlerweile können wir die Tests nicht mehr verheimlichen, weil wir direkt entlang an unserem Baggersee eine 800 Meter lange Teststrecke mit verschiedenen Radien errichtet haben. Diese komplette Eigenentwicklung hat mit einer Baufirma nichts mehr ausschließlich zu tun. Hier spielt der Maschinenbau mit rein, weil wir eben das entsprechende Fahrzeug samt Fahrbahnträger quasi als ein Gesamtpaket anbieten wollen. Wir gehen davon aus, dass die Urbanisierung weitergehen wird. Vielleicht nicht in Deutschland, aber bestimmt in den Megacities der Welt.

Deutsches Baublatt: Das wäre also ein Ansatz, um vom reinen Preiswettbewerb wegzukommen. Einem Ihrer Marktbegleiter, der seine Bau- und Immobiliensparte zum Verkauf stellte, ist die Fokussierung auf das Dienstleistungsgeschäft nicht gut bekommen. Warum kann Ihnen das als Familien- und Stiftungsunternehmen nicht passieren?

Johann Bögl: Hier haben wir keinen direkten Einblick, aber das Dienstleistungsgeschäft war dort wohl vorherrschend gegenüber dem Bauen. So wollen wir uns nicht ausrichten. Unser Schwerpunkt soll nach wie vor das Bauen sein, das wir um passende Dienstleistungen ergänzen wollen. Unser Problem ist: Wir kommen und bauen. Danach gibt es ein paar Jahrzehnte keinen Kontakt zum Kunden. Erst Jahrzehnte später wendet er sich vielleicht wieder an uns mit einem neuen Auftrag. In der Zwischenzeit haben wir keinerlei Berührung, obwohl wir viel anbieten könnten, da wir das Gebäude oft besser kennen als er selbst.

Michael Heidemann: Das ist mit unseren Baumaschinen komplett anders. Ist ein Bagger im Einsatz, wird er kontinuierlich seitens Service betreut und mit Ersatzteilen versorgt.

Johann Bögl: Bei Ihnen entsteht eine wesentlich engere emotionale Bindung als bei uns. Das wollen wir auch erreichen. Dabei sollen Dienstleistungen aber nur eine Ergänzung sein und kein Schwerpunkt.

Deutsches Baublatt: Viele Emotionen lösen dafür Großprojekte wie der Flughafen BER aus.

Johann Bögl: Die Diskussionen über die Entwicklung bei Großprojekten haben unserer Branche grundlegend geschadet. Solche Projekte müssen besser und kontrollierter abgewickelt werden, obwohl wir als Bauunternehmen der Meinung sind, wir können gar nichts dafür. Bereits in früheren Phasen wurden falsche Entscheidungen getroffen. Letztendlich sitzen wir aber alle in einem Boot. Deswegen müssen wir dafür sorgen, dass solche Fehlentwicklungen aufhören. Natürlich müssen wir offener und ehrlicher mit Risiken umgehen. Aber es gibt noch andere Aspekte. Solange im deutschen Haushalt Risikopositionen nicht wirklich geplant werden dürfen, wird das ein Problem bleiben. Andere Länder bauen auch nicht besser als wir.

Deutsches Baublatt: Gerade ist die Schweiz stark im Gespräch. Sie heimst wegen ihres Gotthard-Basistunnels reihenweise Lorbeeren ein, weil dieser trotz Komplexität schneller und ohne Budgetüberschreitung fertig wurde.

Johann Bögl: Soweit ich weiß, hat die Schweiz ein anderes Haushaltsrecht. Dort dürfen Risiken vorher genehmigt werden. In England ist das in noch höherem Maß üblich. Was den Umgang mit Risiken betrifft, muss sich hierzulande was ändern. Das ist auch ein Ergebnis der „Reformkommission Bau von Großprojekten“, dass das Haushaltsrecht überarbeitet werden soll. Das andere Thema ist: Wie muss eine Bauherrenschaft aufgestellt sein? Es dürfen eben nicht wie beim BER nur Politiker die Bauaufsicht übernehmen, sondern es müssen insbesondere Fachleute sein. Außerdem müssen wir Werkzeuge vom Risikomanagement angefangen bis hin zu Planungsmöglichkeiten besser und effektiver nutzen. Das führt aber schon wieder zu neuen Problemen aufgrund der verschiedenen Interessenslagen von Planern und Architekten sowie Bauunternehmen, die in Einklang zu bringen sind. Anderen Ländern fällt das scheinbar leichter. Die HOAI mit ihren starren Auslegungen ist in Deutschland in vielerlei Hinsicht kein Vorteil. Das nächste betrifft das Thema BIM.

Michael Heidemann: Als Mitglied in der „Reformkommission Bau von Großprojekten“ setzten Sie sich vor allem für eine stärkere Digitalisierung ein. Welche Planungskultur benötigen wir in Deutschland?

Johann Bögl: Digitales Planen ist eine Grundvoraussetzung, um Bauprozesse und -abläufe sicherer und wirtschaftlicher zu machen. Das wurde in der Vergangenheit oft nicht anerkannt. Inzwischen merkt man aber deutlich, dass das eine andere Dynamik bekommen hat als früher.

Michael Heidemann: Braucht es einen besonderen Druck seitens Auftraggeber/Gesetzgeber, dass BIM bei uns verpflichtend eingeführt wird?

Johann Bögl: Unsere Branche war stets der Auffassung: Es wäre gut, wenn es verpflichtend vorgeschrieben wäre, gerade bei großen öffentlichen Bauvorhaben. Zum Glück ist Alexander Dobrindt ein Minister, der etwas von BIM versteht und das Thema Digitalisierung durchdringt. Ich hoffe, dass der aufgenommene Schwung beibehalten wird, und ich glaube schon, dass wir den Anschluss an andere Länder, die mitunter schon etwas weiter sind, schaffen werden. Jetzt geht es darum, die BIM-Methodik zu standardisieren und in der Tiefe umsetzen. Nur müssten auch die Baumaschinenhersteller ins Spiel kommen, etwa wenn wir eine Maschine ansteuern könnten, die Daten von der Maschine auf das digitale Modell zurückspielen und wir gleich eine Qualitätsmessung an der Maschine vornehmen könnten. Wir sind hier erst am Anfang einer Entwicklung. Es gibt ungeheure Möglichkeiten durch neue digitale Technologien. Diese muss man als Bauunternehmen nutzen.

Deutsches Baublatt: Was hat sich an Arbeitsprozessen geändert, seitdem Sie Ihr Unternehmen fit für BIM machen?

Johann Bögl: Eine wesentliche Erkenntnis ist: Es muss vom Management her vorgelebt und gewollt werden. Außerdem muss ein eigenes Team aufgebaut werden, das den nötigen Freiraum erhält, sich damit intensiv auseinanderzusetzen – abseits vom Tagesgeschäft. Sie müssen den Mitarbeitern aber auch eine entsprechende Weisungsbefugnis im Unternehmen geben, damit die Mitarbeiter auf der Baustelle deren Anordnungen respektieren. Außerdem muss man fundiertes Wissen aufbauen. Und man muss es sich leisten, mal was auszuprobieren, selbst mit dem Risiko, dass nicht alles gleich von Anfang an funktioniert. Aber genau das ist die Prämisse bei Max Bögl: Wir sind weniger Theoretiker. Dafür probieren wir lieber mal was aus.

Michael Heidemann: Diesen Freiraum geben Sie dann auch Ihren Mitarbeitern?

Johann Bögl: Ja, das ist wesentlich. Nur wenn es von oben gewollt ist, wird BIM fest verankert werden. Wer BIM nur nach unten delegiert und sich nicht selbst damit beschäftigt, wird hier nicht weiterkommen. Wie tief man sich damit im konkreten Fall auseinandersetzen muss, ergibt sich von Projekt zu Projekt. Ich glaube inzwischen fest daran, dass BIM umsetzbar ist. Bei uns hat sich bereits hinsichtlich BIM eine unglaubliche Dynamik entwickelt.

Michael Heidemann: Sehen Sie den Einsatz von BIM mehr im Hochbau oder auch im Infrastrukturbau?

Johann Bögl: Dem Hochbau fällt die Anwendung der BIM-Methodik leichter, weil dort die Projekte von einer festen Position aus abgewickelt werden und die Baustelle ihren Ort nicht verlässt. Allerdings arbeiten wir gerade 24 Stunden sieben Tage die Woche im Bereich Infrastruktur an einem großen Pilotprojekt an der A9 – zwischen Allershausen und der Holledau. Hier versuchen wir alle Möglichkeiten von BIM auf einer über 20 Kilometer langen Autobahnbaustelle umzusetzen. Wir setzen dort Drohnen ein, um Strecken zu überfliegen und beispielsweise die Baulogistik in Bezug auf Materialtransporte per Lkw zu optimieren.

Deutsches Baublatt: Wo liegen die Schwierigkeiten, die Digitalisierung auf die Baustelle zu bringen?

Johann Bögl: Im Vergleich zu anderen Branchen spielt sich unsere Arbeit häufig in einem rauen und widrigen Umfeld ab. Der Einsatz von iPhone oder iPad ist auf Baustellen nicht immer handelbar. Das ist im cleanen Umfeld wie im Automobilbau einfacher.

Deutsches Baublatt: Besteht für ein Unternehmen nicht die Gefahr, durch den Austausch von Daten und die Vernetzung Informationen preiszugeben, die eigentlich ein Wettbewerbsvorteil sind? Wie schützen Sie Ihre Daten?

Johann Bögl: Ich glaube, dass die Chancen der Anwendung größer sind als mögliche Risiken. Dafür sind andere Fragen zu lösen, wie: Wem gehören die Daten? Wer verwaltet die Daten? Wie und wo werden diese Daten archiviert? Das sind wichtige Aufgaben der nächsten Jahre, die angepackt werden müssen – aber das betrifft jede Branche, die mit Daten umgeht.

Michael Heidemann: Ist die Digitalisierung aber nicht gerade auch eine Chance für ein Unternehmen Ihrer Größenordnung? Haben hier nicht kleine Firmen das Nachsehen, weil sie gar nicht die entsprechenden Kapazitäten haben?

Johann Bögl: Oftmals sind die Kleinen innovativer als die Großen. Wären wir am Bau alle perfekt, könnte man sich nicht voneinander abheben. Jeder Vorsprung bietet viel Potenzial.

Michael Heidemann: Wie groß ist eigentlich Ihr Auslandsanteil?

Johann Bögl: Rund 25 Prozent, wobei es schon mal mehr war. Das Ausland bietet viele Risiken, etwa extreme Budgetschwankungen oder politische Unsicherheiten. Darum die Frage: Warum müssen wir in die Ferne schweifen, wenn wir das schönste und stabilste Land vor der Haustür haben? In Deutschland jammern wir schon, wenn im Bereich Infrastruktur drei Prozent weniger investiert wird. Im Ausland kann der Verkehrshaushalt gleich mal um die Hälfte reduziert werden. In Deutschland gibt es derzeit viel zu tun. Spannend ist vor allem die Energiewende. Für uns wirkt diese als riesiges Konjunkturprogramm, das zwar nicht so tituliert wird und darum für viele nicht wirklich greifbar ist.

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Deutsches Baublatt: Die Energiewende ist aber sehr zum Spielball der Politik geworden. Bestes Beispiel ist die Abstandsregelung von Windkraftanlagen zur Wohnbebauung. Wie gehen Sie mit derartigen Unwägbarkeiten um?

Johann Bögl: An der eigentlichen Energiewende ist nicht mehr zu rütteln. Sie wird nur langsamer vorankommen. Die Umstellung von konventioneller auf regenerativer Energieversorgung ist nicht mehr aufzuhalten. Wer sich also mit der Energiewende auseinandersetzt, ob mit Offshore, Onshore, Wind, Netze, Speicherkraft, Fotovoltaik oder Biogas, ist auf dem richtigen Weg. Am Schluss wird es eine Mischung von allem sein. Wir haben mit Windkraftanlagen begonnen, weil diese den realen Strompreisen am nächsten kommen. Unser nächstes großes Thema ist die Speicherkraft. In Gaildorf in Baden-Württemberg bauen und investieren wir rund 80 Millionen Euro in einen eigenen großen Naturstromspeicher, bei dem wir Windkraft und Speicherenergie kombinieren. Gefördert wird das Vorhaben mit acht Millionen Euro vom Bundesumweltministerium.

Michael Heidemann: Was ist denn das Besondere daran?

Johann Bögl: Wir werden die größten Windräder der Welt auf dem Limpurger Berg mit 240 Meter Gesamthöhe und 180 Meter Nabenhöhe aufstellen. Darunter wird ein 40 Meter hoher Wasserspeicher installiert mit 40 000 Kubikmeter Fassungsvermögen. Drei der vier Windräder werden über eine Druckleitung, die einen Höhenunterscheid von rund 200 Meter ausgleicht, damit verbunden. Im Kochertal steht eine 16 Megawatt Pumpspeicherturbine mit einem großen Becken. Innerhalb von 30 Sekunden können wir im Unterschied zu früher 16 Megawatt ins Netz einspeisen und Stromschwankungen, denen Winterräder im Schnitt fünf bis sechs Mal pro Tag unterliegen, ausgleichen. Der Clou war eigentlich: Innerhalb von drei Jahren haben wir eine Baugenehmigung bekommen – normalerweise dauert so etwas bis zu 20 Jahre. Das haben wir nur geschafft, weil Windräder laut Gesetz privilegierte Bauvorhaben sind. Unsere Bauweise haben wir hier wesentlich industrialisiert. So ließen sich die Speicher auch in anderen Teilen Deutschlands mit entsprechenden geologischen Bedingungen verwirklichen, die entsprechende Höhenunterschiede hergeben, etwa im Sauerland oder im Bayerischen Wald. Wir glauben, es wird nicht einfach, den Trassenausbau zu realisieren. Darum setzen wir auf Windkraft, weil diese am einfachsten standardisiert umzusetzen ist, und halten an einem Mix verschiedener Technologien fest.

Michael Heidemann: Sie setzen schon seit längerem auf die automatisierte Fertigung von Elementen – nicht nur beim Bau von Windkraftanlagen, sondern auch bei Ihren anderen Eigenentwicklungen, etwa im Brückenbau. Nun arbeiten Sie an einer Lösung mit Raummodulen für den seriellen Wohnungsbau. Wie sehr wird die automatisierte Fertigung bei Bauprozessen noch zunehmen?

Johann Bögl: Auch wir leiden unter dem Fachkräftemangel und der demografischen Entwicklung. Die Situation wird nicht besser werden. Außerdem können wir unsere Leistungen in der Regel nicht stationär erbringen. Immer weniger wollen die ganze Woche über von ihren Familien getrennt sein. Was kann man dieser Entwicklung entgegensetzen? Natürlich kann man viel in die Mitarbeitersuche investieren. Aber das ist aufgrund der demografischen Entwicklung nur begrenzt möglich. Wird mehr industriell vorgefertigt, desto weniger hochqualifiziertes Personal ist vor Ort erforderlich. Das Thema Wohnungsbau wird ein Schwerpunkt beim Bauen in der Zukunft sein. Mit zig unterschiedlichen Gewerken wird man die Nachfrage nach Wohnraum nicht lösen können. Wir wollen hier im modularen Wohnungsbau im größeren Stil einsteigen.

Deutsches Baublatt: Wird der nächste Schritt bei Ihnen sein, Häuser oder andere Bauwerke mit Robotern zu errichten, wie es etwa schon in Japan praktiziert wird?

Johann Bögl: Wir beschäftigen uns damit, was aber nicht heißt, dass wir hier schon konkrete Pläne in der Schublade haben. Auf der bauma habe ich erstmals Aussteller gesehen, die 3D-Drucker für den Bau gezeigt haben. Das war vor drei Jahren nicht der Fall. Ich denke, dass man die Entwicklung durchaus ernst nehmen muss.

Michael Heidemann: Wie sehen Sie die Zukunft der deutschen Bauwirtschaft?

Johann Bögl: Es gibt genügend Bauaufgaben. Allerdings muss man die wirtschaftliche Entwicklung im Rest der Welt und in Europa kritisch sehen, wo es nicht so gut läuft wie in Deutschland. In der öffentlichen Wahrnehmung ist es angekommen, wie wichtig Bauen, Infrastruktur und Lebensqualität sind. Wenn wir unsere Bauleistung in der Bauwirtschaft besser vermarkten als in der Vergangenheit, haben wir eine gute Perspektive.

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Johann Bögl (rechts), Gesellschafter der Firmengruppe Max Bögl, und Michael Heidemann (links), der stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsführung des Zeppelin Konzerns, im Gespräch über Innovationen. Johann Bögl: „Es ist ein grundsätzliches Problem der Bauwirtschaft, dass in der Vergangenheit relativ wenig in Forschung und Entwicklung oder eigene Produkte investiert wurde.“ „Es geht am Bau nur um Quadratmeter, Kubikmeter und Tonnage. Davon müssen wir wegkommen. Das gelingt nur, wenn wir eigene Produkte oder Lösungen verkaufen“, so Johann Bögl. „In Deutschland gibt es derzeit viel zu tun“, meinte Johann Bögl zu Michael Heidemann. „Spannend ist vor allem die Energiewende. Für uns wirkt diese als riesiges Konjunkturprogramm, das zwar nicht so tituliert wird und darum für viele nicht wirklich greifbar ist.“

 

 

Erschienen in der Ausgabe Juli-August 2016.

 

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